Frau Merkel, Sie sind schuld, dass ich mich als Alleinerziehende wie eine Aussätzige fühlen muss

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Wir Alleinerziehenden sind die heimlichen Leistungsträgerinnen in diesem Land! | GETTY
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Liebe Frau Merkel,

jetzt regieren Sie also wohl weiter, und das auch noch mit einer starken AfD und FDP im Bundestag. Schlimmer hätte es für uns Alleinerziehende kaum kommen können.

Dass Sie an der Macht bleiben werden, ist nicht überraschend. Und trotzdem tue ich mich schwer, mich damit abzufinden. Denn vier weitere Jahre CDU an der Regierung bedeuten, eine Frau als Kanzlerin hin oder her, dass wir Alleinerziehenden weiterhin als Randgruppe bedauerlicher Einzelfälle angesehen werden.

Wobei das mit dem Bedauern auf wackeligen Füßen steht: Den Quatsch mit dem selbstverschuldeten Lebensmodell, den die AfD verzapft, gehen Sie zwar so offen nicht mit. Bei der CDU herrscht Barmherzigkeit, wir können uns etwas Mitleid abholen - und dann sollen wir Alleinerziehenden aber gefälligst auch ruhig sein.

Wir wuppen das, was in Familien zwei Erwachsene tun, ganz alleine

Aber wenn ich genau hingucke, dann ist das Bild, das die AfD von Alleinerziehenden zeichnet, gar nicht so weit entfernt von dem, das ich bei Ihnen in der Partei finde.

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Denn für die tiefgläubigen Katholiken, und mit denen ist die CDU ja schon vom Parteinamen her im Pakt, ist eine Alleinerziehende eine Frau, die mit einem Bein in der Hölle steht. Schon die Scheidung ist verpönt, die Ehe ein Sakrament – und folgerichtig stellen Sie und Ihre Partei die Ehe über alles, sogar über Kinder.

Sie sehen uns nicht – und wenn, dann als gescheiterte Existenzen, als Mütter zweiter Klasse, die mit durchgefüttert werden, weil es der christliche Gedanke gebietet. Aber Sympathien, oder gar Hochachtung für uns, das haben Sie nicht.

Dabei sind wir die heimlichen Leistungsträgerinnen in diesem Land! Ja, das meine ich ganz ernst. Wir wuppen das, was in Familien zwei Erwachsene tun, ganz alleine, oft noch unter Anfeindungen von missgünstigen Mitmenschen, die nur darauf warten, dass bei uns irgendwas schiefgeht, und sei es nur der vergessene Kuchen zum Klassenfest.

Wir sind Mütter mit Makeln

"Die ist alleinerziehend, die packt das nicht!“, tuscheln die Leute dann oder schauen einfach tadelnd. Oder sie schicken uns gleich das Jugendamt auf den Hals, weil die Kinder schon wieder krank sind oder Mama nach der Arbeit erst um 17 Uhr nach Hause kommt, und das Grundschulkind seit dem Mittagessen alleine Zuhause ist.

All dies ist Alltag für alleinerziehende Mütter. "Wenn euch Alleinerziehenden nicht die Männer weglaufen würden, dann müsste ich jetzt nicht die Gewerbesteuer erhöhen, um Kitaplätze zu schaffen", sagte allen Ernstes ein CDU-Bürgermeister zu einer Leserin von mir.

Er sagte es nicht öffentlich, so wie derjenige ältere Herr aus der CDU, der mir deutlich zu verstehen gab, dass ich als Alleinerziehende per se versagt habe, weil die Ehe um jeden Preis zu erhalten sei, und ich als Frau, die ihren Mann verließ, gesündigt hätte.

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Hätte er mich verlassen, dann hätte ich übrigens auch versagt, weil ich ihn nicht halten konnte. Alleinerziehende können eigentlich gar nichts richtig machen, wir sind Mütter mit Makeln. Ausgestoßene gewissermaßen, von der Teilhabe ausgeschlossen, auch wegen der Armut, unter der viele von uns trotz Arbeit und guter Bildung leiden.

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Mama schafft das allein - die Facebook-Community für alleinerziehende Mütter: Hier könnt ihr euch über alles austauschen, was euch bewegt und begeistert

"Ja, aber wir tun doch auch was für Alleinerziehende! Wir planen den Rechtsanspruch auf einen Hortplatz!", mögen Sie sagen. Schon – aber das machen Sie, liebe Frau Merkel, für die Wirtschaft. Nicht für die Eltern, und schon gar nicht für Alleinerziehende.

Die meisten sind froh, wenn sie am Ende des Monats noch Geld für Essen haben

Denn im Grunde finden Sie ja, dass alles gut so ist, wie es ist, das ist das Kernstück von wahrem Konservativismus. Das Ehegattensplitting muss bleiben, sagen Sie, das mit der Altersarmut werde schon nicht so schlimm, eine Frauenquote brauche man nicht, und hey, Sie wollen sogar ein Kinderbaugeld zahlen.

Da muss ich allerdings ziemlich bitter lachen – als ob Alleinerziehende das Geld für Wohneigentum hätten. Die meisten sind froh, wenn sie überhaupt am Ende des Monats noch Geld für Essen haben. Aber daran sieht man ja ganz klar, welches Familienbild die Union propagiert: keins, in dem eine Mutter oder ein Vater mit den Kindern alleine lebt.

Dann schon lieber ein homosexuelles Paar mit Kindern. Damit haben sich ja zumindest Teile Ihrer Partei angefreundet. Am besten, ich rate meinen Kindern, schwul oder lesbisch zu werden. Alleinerziehend jedenfalls sollten sie unter Ihrer Regierung nicht sein.

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(lk)

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