Kevin Spaceys Reaktion auf die Vorwürfe gegen ihn zeigt, was in der #MeToo-Debatte schief läuft

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KEVIN SPACEY
Wie Kevin Spacey auf Missbrauchsvorwürfe reagiert, zeigt, was in dieser Debatte schief läuft. | Gino Depinto, Aol
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  • Der Schauspieler Kevin Spacey wird beschuldigt, einen 14-Jährigen sexuell belästigt zu haben
  • Spacey reagierte auf Twitter - und nutzte seine Entschuldigung auch für sein Coming-Out
  • Das zeigt, was in unserer Debatte über sexuelle Belästigung gerade gewaltig schief läuft

Die Debatte um sexuelle Belästigung bricht nicht ab. Sie geht weiter und immer weiter und das ist gut so. Wir dürfen nicht länger wegschauen und so tun, als existiere dieses Problem nicht - oder es klein reden.

Jede Frau hat ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Belästigung gesammelt- wie gering sie ihr selbst auch erscheinen mögen. Weil Belästigungen mittlerweile traurigerweise zum Alltag gehören. Auch Prominente werden von anderen Prominenten belästigt. Und zwar nicht nur Frauen - auch Männer, auch Kinder.

Zuletzt wurde der US-Schauspieler Kevin Spacey beschuldigt. Sein Kollege Anthony Rapp wirft ihm vor, als 14-Jähriger von ihm sexuell belästigt worden zu sein. Spacey habe ihn auf ein Bett gelegt und sei auf ihn geklettert.

Auf Twitter verteidigte sich Spacey jetzt - und outete sich direkt danach als schwul. Er erklärte zunächst, sich nicht an die Situation erinnern zu können, sie sei schließlich schon 30 Jahre her. "Aber wenn ich mich so verhalten habe, wie er es beschreibt, schulde ich ihm meine ehrlichste Entschuldigung, für mein zutiefst unpassendes betrunkenes Verhalten", schreibt Spacey.

Spacey will endlich "als schwuler Mann leben"

Diese Geschichte habe Spacey nun dazu ermutigt, etwas anderes öffentlich zu machen. Ihm Nahestehende wüssten, dass er in seinem Leben Männer und Frauen geliebt habe. Nun entscheide er sich, "als schwuler Mann zu leben“. Dies werde damit beginnen, dass er "sein eigenes Verhalten untersuchen“ wolle.

Mehr als 40.000 Menschen gefällt Spaceys Tweet. 20.000 haben ihn retweetet.

Doch dass Spacey gerade diesen Zeitpunkt dazu nutzt, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, ist höchst bedenklich. Sein Tweet klingt, als wolle er die Belästigung eines Teenagers mit seiner sexuellen Neigung verteidigen.

Frei nach dem Motto: "Ja, na gut, vielleicht habe ich einen kleinen Jungen unsittlich berührt. Aber hey, ich kann gar nichts dafür: Ich bin nämlich schwul."

Als wäre das eine Erklärung für sein Verhalten. Als würden sich alle schwulen Männer an kleinen Jungen vergreifen. Denn genau danach klingen Spaceys Aussagen. Als müssten wir nun alle Verständnis für ihn haben, ihn am besten noch bemitleiden.

Spacey verhält sich anderen Schwulen gegenüber rücksichtslos

Der arme Kevin Spacey, Jahre lang hat er seine Homosexualität geheim gehalten. Was für ein schweres Leben. Kein Wunder, dass er seine unterdrückte Lust dann mal an Teenies auslassen musste.

Dabei leben wir längst nicht mehr in einer Gesellschaft, in der Homosexualität nicht ausgelebt werden darf. Vermutlich wäre Spacey für sein Outing von homophoben Menschen Verachtung entgegen geschlagen, ja. Doch seinen Job hätte es ihn nicht gekostet.

Was er anderen Homosexuellen mit dem Outing zu genau diesem Zeitpunkt antun könnte - daran hat er offensichtlich keinen Gedanken verschwendet.

Richard Lawson, ein homosexueller Filmkritiker des US-Magazins "Vanity Fair" twitterte nach Spaceys Outing: "Sich als ein schwuler Mann zu outen, ist nicht das Gleiche, wie sich als jemand zu outen, der sich an einem 14-Jährigen vergriffen hat. Diese Dinge miteinander zu verbinden, ist widerlich."

Denn was nach Spaceys Aussagen in den Köpfen tausender Menschen hängen bleiben könnte, ist: "Schwule Männer vergehen sich an kleinen Jungen." Und das ist fatal.

Mit nur einem Tweet könnte Spacey jahrelange Arbeit zerstören

Es versetze die Gay-Community auf eine Millionen Jahre alte Kritik und Verschwörungstheorie zurück, schreibt Lawson. Den Weg, den Homosexuelle zurückgelegt hätten, um das Vorurteil, sie seien alle Pädophile, loszuwerden, sei erheblich.

Mit seinem Tweet könnte Spacey nun all das, ein jahrelanges Bemühen, zerstören.

Weiter schreibt Lawson, es sei so grausam von einer berühmten Person für seine angebliche neue Community, mit einem lang geplanten Coming Out von den Vorwürfen abzulenken, dass es ihn quäle.

"Wie kannst du es wagen, uns alle darin zu verwickeln?", twittert der Journalist.

Andere Nutzer wundern sich außerdem darüber, dass sich Spacey angeblich nicht an den Vorfall erinnern könne, aber noch wüsste, dass er "betrunken gewesen sein muss".

Und auch das ist übrigens keine Entschuldigung dafür, Teenager zu belästigen.

Als müssten wir Mitleid mit den Tätern haben

Spaceys Tweets zeigen, was in der ganzen Debatte über sexuelle Belästigung falsch läuft. Menschen, die offenbar schuldig sind, entschuldigen sich oft nur scheinheilig. Sie suchen nach Ausreden, nach Gründen für ihre Belästigungen: Entweder sie waren betrunken oder sie sind homosexuell oder irgendetwas Furchtbares ist ihnen gerade widerfahren.

Jede Frau, die schon einmal in geringem oder größerem Maße sexuell belästigt wurde, kennt solche Entschuldigungen auch. Aus Bars, aus Clubs, von der Bushaltestelle.

Ein Mann, der mich im Club betatscht hat, hat mal zu mir gesagt: "Sorry, aber meine Freundin hat mich verlassen, mir geht's echt schlecht. Ich habe schon lange keine Frau mehr angefasst. Konnte gerade nicht anders."

Als sei das ein Grund dafür, eine fremde Frau anzufassen. Als hätte er nun auch noch mein Mitleid verdient.

Für sexuelle Belästigung gibt es keine Entschuldigung

Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben und sich nicht einfach nur "unangemessen", sondern menschenverachtend verhalten, sollten sich ihre Pseudo-Begründungen sparen. Für sexuelle Belästigung gibt es keine Entschuldigung.

Eines steht fest: Einen schlechteren Zeitpunkt für sein Coming-Out hätte Kevin Spacey nicht wählen können. Aber er hat das erreicht, was er erreichen wollte: Die Medien berichten jetzt vor allem über sein Outing. Und weniger darüber, dass er beschuldigt wird, sich an einem 14-jährigen Jungen vergangen zu haben.

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(lk)

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