„Beim Galoppieren fühl ich mich so herrlich frei"

girl with horse

Alina ist unheilbar krank. Sie ist ein sogenanntes Schmetterlingskind, leidet unter einem seltenen Gen-Defekt. Ihre Haut ist dünn und verletzlich. So wie die Flügel eines Schmetterlings. Es gibt nur wenige Momente im Leben der Zwölfjährigen, in denen sie ihre Krankheit vergessen kann. Die meisten davon erlebt sie an einem Ort, der im ersten Moment nicht danach klingt, als könnte es für ein an Epidermolysis bullosa leidendes Mädchen ein Happy Place sein: auf dem Rücken eines Pferdes.

Knöpfe oder Nähte, kleine Stöße. Dinge, die uns im Alltag begleiten und passieren können, stellen für Alinas Haut eine enorme Gefahr da. Eine unbedachte Bewegung, ein Moment der Unachtsamkeit – und schon reißt ihre Haut auf. „Unser Leben ist ein einziges Aufpassen“, sagt Alinas Mutter, Michaela Schierholz. Kleinigkeiten, die gesunde Menschen kaum kümmern, können für ihre Tochter gravierende Folgen haben. Selbst in der Schule. Wenn sie zu lange am Stück schreibt, fängt ihre gesamte Hand an zu bluten.

Und dann äußert Alina den Wunsch, reiten zu wollen. Reiten. Einer viel größeren Gefahr könnte sich Alina kaum aussetzen. Wo doch selbst der Gartenschlauch im heimischen Garten, über den sie im vergangenen Sommer gestolpert war, für Wochen voller Kummer und Sorgen gesorgt hatte. Doch auf dem Rücken von Therapiepferd Maggy ist die Zwölfjährige ein ganz normales Mädchen. Nur ein kleines Fell, das auf dem Sattel liegt, und zu harte Stöße dämpfen soll, unterscheidet sie von anderen pferdeverrückten Fast-Teenagern.

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„Wenn ich auf Maggy reite, merkt sie sofort, wenn ich unsicher bin. Dann hält sie sofort an.“ Alina findet ihr Glück auf Maggys Rücken. Und allmählich ist auch Mama Michaela deutlich entspannter, wenn sie zum Reitunterricht fahren. „Anfangs bin ich tausend Tode gestorben“, erzählt sie. Immer hatte sie bange Fragen im Hinterkopf: Was passiert, wenn Alina vom Pferd fällt? Was, wenn im Stall etwas passiert? Passiert ist in den anderthalb Jahren, in denen Alina nun schon Reitunterricht nimmt, aber noch nichts.

Michaela Schierholz vertraut nicht nur Maggy, sie sieht auch, wie das Reiten ihre Tochter verändert hat. Alinas Gleichgewichtssinn hat sich deutlich verbessert. Die Folge: Sie fällt seltener hin als noch vor der Verwandlung zum „Pferdemädchen“. Und selbstbewusster ist die Zwölfjährige geworden. Nicht nur in der Arbeit mit dem Pferd. Sondern generell. „Maggy ist einfach toll“, sagt Alina. Das zarte Mädchen und das massige Kaltblut. Ein Bild voller Gegensätze – und voller Liebe.

Porträt: Reit-Therapiezentrum der Stiftung Synanon Berlin

Einmal in der Woche, immer freitags, fahren Alina und Mama Michaela auf den Hof der Stiftung Synanon in Berlin-Frohnau. In dieser Einrichtung werden unter anderem Suchtkranke betreut. Und seit drei Jahren wird dort auch heilpädagogisches Reiten angeboten. 13 Kinder und 3 Erwachsene mit unterschiedlichsten Krankheiten nehmen hier regelmäßig Reitunterricht. Autisten, Querschnittsgelähmte, Gehörlose, eine Frau mit multipler Sklerose und Alina.

Sie alle vereint, dass sie ein Leben leben, das sich zu einem großen Teil in Arztpraxen, Krankenhäusern und bei Physiotherapeuten abspielt. Doch der beste Therapeut, darin sind sich alle einig, heißt Maggy. Die 18-jährige Tinker-Stute ist eins von drei Therapiepferden auf dem Hof. Fernab vom Großstadt-Lärm schafft dieses sanfte Wesen etwas, das ihren Reitern weder Ärzte noch Medikamente geben können. Einen Moment der Freiheit, in dem sie den Augenblick genießen – und ihre Krankheiten keine Rolle spielen.

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Auch Reitlehrerin Petra Mächold sieht, dass sich Alina in den vergangenen anderthalb Jahren verändert hat. „Ihre ganze Körperhaltung war zusammengekauert. Sie hatte permanent Angst, sich zu stoßen.“ Wer heute sehe, wie selbstbewusst und gerade Alina auf dem Pferd sitzt, könne sich kaum vorstellen, dass sie einmal anders gewesen ist. Was Alina beim Reiten am meisten Spaß macht? „Galoppieren natürlich! Da fühl ich mich so herrlich frei.“

Das einzige Manko: Hippotherapien werden nicht von Krankenkassen übernommen. Weil laut Bundesministerium für Gesundheit „ein therapeutischer Nutzen der Hippotherapie nicht nachgewiesen ist und die Therapie daher als nicht verordnungsfähiges Heilmittel zu führen ist“. Das heißt: Betroffene, die diesen Weg der Therapie gehen wollen, müssen ihn aus eigener Tasche bezahlen oder versuchen, ihn über Spenden zu finanzieren.

Gutes tun und die Gesellschaft stärken

Die Deutsche Fernsehlotterie hat den Aufbau des heilpädagogischen Reitens in Frohnau mit rund 93.000 Euro gefördert. Auf du-bist-ein-gewinn.de stellt die Soziallotterie dieses und viele weitere tolle Projekte vor, die zeigen, wie sich Menschen für Hilfsbedürftige einsetzen und so unsere Gesellschaft stärken. Dabei stehen vor allem die einzelnen Helfer und ihr persönlicher Antrieb im Fokus. Auf der Seite erfährst du zudem, wie du ganz einfach selbst mithelfen kannst.