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"Die letzte Bastion der Linken fällt": Wie AfD, Identitäre und rechte Burschenschaften versuchen, deutsche Unis zu unterwandern

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IDENTITRE
dpa
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  • Experten warnen: Die rechte Szene stellt sich an Deutschlands Hochschulen neu auf
  • Dort gewinnt sie schnell an Einfluss
  • Eine zentrale Rolle spielt dabei die AfD, die ihren akademischen Nachwuchs an den Unis rekrutiert

Irgendwann wurde es Anne Schäpermeier zu viel.

Unbekannte schmierten wie “Scheiß Islam” und “Merkel muss weg” in Bücher und auf Zettel und verstecken sie in den Regalen der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek in Saarbrücken und auf Toiletten des Campus'.

"Sowas geht gar nicht", sagt Schäpermeierm, die den Ausleihbereich leitet und dem Direktorium der Uni-Bibliothek angehört. Sie berichtet von mindestens 15 Fällen.

“Die Bibliothek ist ein Ort für alle - und wir wollen keine diskriminierenden Parolen hier”, sagt sie.

Also stellte sie ein Schild in die Bibliothek auf - um die Studenten auf das Problem aufmerksam zu machen und den oder die Täter zu warnen.

In der Uni-Bib ????

Denn was nach harmlosen Kritzeleien aussieht, bereitet immer mehr Universitäten in Deutschland Sorge.

"Auch die AfD muss sich um ihren akademischen Nachwuchs kümmern"

Zwar gelten Deutschlands Hochschulen noch “eher als eine linke Bastion””, wie der Experte Torsten Bultmann vom Bund demokratischer Wissenschaftler im Gespräch mit der HuffPost sagt - “zumindest, was die Studierendenvertretungen und den sog. akademischen Mittelbau betrifft.”

“Doch diese Bastion droht, zu fallen”, sagt er. “Die rechte Szene stellt sich an den Hochschulen neu auf und gewinnt überraschend schnell an Einfluss.”

Lange Zeit galten alleine die Burschenschaften als wichtigste Anlaufstelle für Rechte. Das ändert sich nun.

Mit den Wahlerfolgen der AfD gewinnt allerdings deren Hochschule-Partei Campusalternative an Bedeutung. Außerdem tritt die Identitären Bewegung immer selbstbewusster unter Studierenden auf.

“Auch die AfD muss sich um ihren akademischen Nachwuchs kümmern”, sagt Experte Bultmann. Eine Partei, die sich etablieren wolle, müsse auch auf Akademiker zugehen.

“Also müssen sie an den Hochschulen Flagge zeigen”, sagt er. In mehreren Unis sitzt die Campus Alternative bereits im Studierendenparlament - etwa an der Fernuni Hagen, in Kiel, Kassel und Düsseldorf.

Bisweilen absurde Vorschläge

Dort machen ihre Vertreter mit bisweilen absurden Vorschlägen auf sich aufmerksam.

In Düsseldorf etwa wurde ein Antrag gestellt, eine Deutschlandfahne auf dem Campus zu hissen und das Genderreferat zu streichen.

In Magdeburg machte die Campus Alternative Schlagzeilen, weil sie den AfD-Landeschef André Poggenburg zu einem Vortrag an die TU lud.

Noch während der Veranstaltung kam es zum Eklat, weil Studenten das Podium stürmten und Poggenburg mit Sicherheitsleuten den Hörsaal verließ.

Angstraum neben dem Campus

Wohl in kaum einer anderen Stadt ist die Nähe der Rechten zur Uni so spürbar wie in Halle an der Saale.

Die Bewegung "Ein Prozent", ein Ableger der rechtsextremen Identitären Bewegung, unterhält dort ein Haus direkt gegenüber des Campus'.

Das Haus wurde nicht nur von einem hessischen AfD-Abgeordneten gekauft, außerdem unterhält der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider dort sein Parteibüro.

Der Standort ist bewusst provozierend - und strategisch gewählt, sagt Wanja Seifert vom Bündnis "Halle gegen Rechts": "Das Haus liegt auf dem direkten Weg vieler Studenten."

Er berichtet von regelmäßigen Angriffen, "für viele Studenten ist das ein Angstraum, der bewusst gemieden wird."

Die Inszenierung der Identitären

Auch rechte Burschenschaften spielen ein wichtige Rolle in der Stadt.

So sind die Mitgliederlisten der Identitären und der Burschenschaft Halle-Leobener B! Germania fast identisch.

Einige Burschenschaft dienen als Sammelbecken der Rechten

So entsteht eine gefährliche Allianz aus Identitären, Burschenschaften und der AfD, die auch in anderen Städten zu beobachten ist.

Verbindungsglied ist dabei der Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB). "Die ist ein Sammelbecken für unterschiedliche politische Strömungen der Rechten - vom Konservativismus bis hin zum Neonazismus", erklärt Alexandra Kurth.

Kurth ist Politikwissenschaftlerin an der Uni Gießen und beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Rechtsextremismus und Burschenschaften.

Sie sagt: "DB-Burschenschaften sind ein Anknüpfungspunkt für rechte Organisationen. Die Identitären benennen das ganz offen. Sie halten ihre Anhänger dazu an, den Kontakt zu Burschenschaften zu suchen."

"Geblieben ist nur der harte Kern"

Seit den Abspaltungsprozessen im Jahr 2011 hat sich die DB weiter radikalisiert, viele gemäßigte Burschenschaften sind damals ausgetreten, "geblieben ist nur der harte Kern", sagt Kurth.

Das ist zwar objektiv eine - personelle und finanzielle - Schwächung gewesen.

Allerdings wurde die Verkleinerung durch die allgemeine politische Lage und insbesondere durch den Erfolg der AfD zur Stärke.

"Denn dadurch hat sich die Chance für die verblieben Burschenschafter erhöht, von den Ressourcen der AfD zu profitieren", sagt Kurth. Für sie ist klar: "Die DB ist ein Personalreservoir für die AfD."

"Einstellungswelle im Bundestag"

Dabei zeichnet sich ein Trend ab. Bereits etliche AfD-Landtagsabgeordneten hatten eine Reihe von Burschenschaftern eingestellt.

Nun werde es bei den Abgeordneten im Bundestag vermutlich eine ähnliche Einstellungswelle geben, sagt Kurth - "wo sollen die ganzen wissenschaftlichen Mitarbeiter auch sonst herkommen?"

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

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