Um den Terror zu bekämpfen, müssen wir den Islam zu unserem wichtigsten Verbündeten machen

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MOSCHEE
Um den Terror zu bekämpfen, müssen wir den Islam zu unseren wichtigsten Verbündeten machen | dpa
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  • Der Islamhass ist spätestens seit der Bundestagswahl in der Mitte aller Debatten angekommen
  • Dabei streiten wir nicht über die Lehren des Islam, sondern nur über Zerrbilder
  • Im Kampf gegen den Terrorismus kommt der Westen daher nicht weiter

Wenn mich jemand vor zehn Jahren gefragt hätte, ob die Deutschen jemals noch einmal zum Hass auf eine religiöse Minderheit fähig sein würden, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Das sogenannte "Sommermärchen" war gerade vorbei, die Bundesrepublik hatte den "Partypatriotismus" für sich entdeckt, eine Art Nationalstolz light, ohne die alten Konservierungsstoffe.

Und obwohl auch vor zehn Jahren schon Anzeichen für eine populärer werdende "neue Bürgerlichkeit" zu erkennen waren, war von allen denkbaren Themen die Religion am untauglichsten, um Massen zu mobilisieren.

Die Zeiten haben sich geändert. Spätestens seit dem 24. Oktober 2017 ist der Islamhass in der Mitte aller Debatten angekommen.

Wenn Islamhasser im Bundestag sitzen

An diesem Tag fand die konstituierende Sitzung des neuen Bundestages statt. Und inmitten der ersten rhetorisch-radikalen Anklänge von Seiten der AfD-Fraktion wurde klar, dass wir uns in Zukunft nicht mehr vor den Irren wegducken können.

Wenn Islamhasser im Bundestag sitzen, haben ihre Äußerungen so viel Gewicht, dass wir uns damit zumindest auseinandersetzen müssen.

Das ist zum Beispiel der hessische AfD-Politiker Albrecht Glaser. Er sollte nach dem Willen seiner Fraktion zum Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags gewählt werden. Was nicht gelang. Glaser scheiterte in drei Wahldurchgängen.

Mitschuld daran dürfte ein Satz aus einer Wahlkampfrede Glasers sein. "Der Islam ist eine Konstruktion, die selbst die Religionsfreiheit nicht kennt und die sie nicht respektiert. Und die da, wo sie das Sagen hat, jede Art von Religionsfreiheit im Keim erstickt. Und wer so mit einem Grundrecht umgeht, dem muss man das Grundrecht entziehen", sagte Glaser im April.

Mit anderen Worten: Glaser möchte den Muslimen in Deutschland die Grundrechte einschränken. Überflüssig zu erwähnen, dass dies nicht geht, so lange das Grundgesetz in Kraft ist – Religionsfreiheit und die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz sind unabänderlich. Das ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte.

Man darf ohne Übertreibung davon reden, dass Glasers Einlassungen sich direkt gegen die verfassungsmäßige Ordnung in Deutschland richten.

Wir streiten über Zerrbilder des Islam

Der Streit um Albrecht Glaser war nur die jüngste populistische Stilblüte in der Debatte darüber, wie man dem radikalen Islamismus in Deutschland wirkungsvoll entgegen treten kann.

Die diskursive Dominanz der Radikalen führt jedoch schon seit den Silvester-Übergriffen von Köln dazu, dass wir nicht mehr über die Bekämpfung des Radikalismus reden, sondern nur noch über Zerrbilder des Islam.

Nicht nur in der AfD wird der Islam bisweilen als "Ideologie" bezeichnet. Der Begriff signalisiert, dass Muslime sich keineswegs auf die Ausübung der Religionsfreiheit berufen können. Weil sie ja dieser Lesart folgend keiner Religion anhängen.

Es gibt gute Gründe, sich aus ethisch-moralischen Gründen darüber zu empören. Natürlich ist es dreist, intolerant, chauvinistisch und antidemokratisch, einer Gemeinschaft von über einer Milliarde Menschen das Recht absprechen zu wollen, einer Religion anzuhängen.

Vor allem aber ist es unfassbar ignorant und führt dazu, dass der Kampf gegen den Terrorismus in der westlichen Welt seit 16 Jahren nicht wesentlich vorwärts gekommen ist.

Wir müssen endlich verstehen lernen, was junge Menschen in die Arme der Radikalen treibt. Was sie dort suchen und finden. Und natürlich auch, wie Religion für politische Zwecke missbraucht wird.

Es dauerte nur drei Monate, bis Oliver radikalisiert war

Ich hatte die Gelegenheit, mit dem ehemaligen IS-Angehörigen Oliver N. ein Buch zu schreiben, das im Oktober unter dem Titel "Meine falschen Brüder" bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist.

Oliver war gerade 16 geworden, als ihn ein Freund aus Kindertagen in eine radikal-islamistische Gemeinde in Wien mitnahm. Es dauerte nur drei Monate, bis Oliver so weit radikalisiert war, dass er nach Syrien ausreiste, um dort beim Aufbau des "Kalifats" des sogenannten Islamischen Staates zu helfen.

"Sie sind sehr gut darin, Personen zu finden, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden. Menschen, die auf einer Sinnsuche sind, die in schwierigen Verhältnissen leben oder einfach nicht wissen, wohin ihr Weg sie führt", sagt Oliver.

"Ich traf viele Menschen in Syrien und im Irak, die an solchen Wendepunkten ihres Lebens in die radikalislamistische Ideologie abgerutscht sind. Leute, die den falschen Brüdern vertraut haben."

Oliver selbst ist in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, lebte viele Jahre in Heimen und betreuten Wohngruppen. Obwohl er lange Schwierigkeiten in der Schule hatte, schaffte er einen guten Schulabschluss und bekam eine begehrte Lehrstelle bei einer Versicherung.

Es wäre so wichtig, über diese Prozesse zu reden

Genau in diesem Moment, als sein Leben in halbwegs geordnete Bahnen zu gehen schien, kam er mit dem radikalen Islamismus in Kontakt.

Mit Leuten, die sich aus Versatzstücken der islamischen Religion eine politische Weltanschauung gezimmert haben. Die sich auf dem Islam berufen und ihr Selbstwertgefühl daraus ziehen, dass sie sich für die einzig wahren Gläubigen halten.

Es wäre so wichtig, über diese Prozesse endlich einmal zu reden: Wie geraten junge Menschen in die Fänge von radikalen Islamisten? Was lässt sie immer tiefer in den Strudel der Realitätsentfremdung geraten?

Leute wie Albrecht Glaser werden uns darauf keine Antworten geben können, weil es ihnen einzig darum geht, ganze Bevölkerungsgruppen pauschal zu verunglimpfen.

"Religion ist das wichtigste Mittel, um radikale Ideologen zu bekämpfen“

Oliver wurde in Syrien bei einem Raketenangriff schwer verwundet. Es gelang ihm auf abenteuerlichen Wegen, in die Türkei auszureisen.

In Wien wurde ihm der Prozess gemacht, er saß 20 Monate im Gefängnis und engagiert sich heute für einen Verein, der jungen Muslimen im Prozess der Deradikalisierung zur Seite steht.

"Eine österreichische Journalistin hat einmal gesagt, dass der Islam nicht die Lösung im Kampf gegen den Terror sei. Ich glaube, das Gegenteil ist richtig. Religion ist das wichtigste Mittel, um radikale Ideologen zu bekämpfen", sagt Oliver.

"Wir müssen die Lügen der Extremisten richtigstellen, wo immer sie uns begegnen. Und wir werden das nur schaffen, wenn wir dabei mit den islamischen Gemeinden zusammenarbeiten. Imame müssen besser geschult werden. Auch innerhalb der Gemeinden muss ein stärkeres Bewusstsein dafür geschaffen werden, wo Radikalisierung anfängt. Es ist nicht normal, wenn junge Männer anfangen, ihre Freundeslisten bei Facebook von weiblichen Kontakten zu säubern. Das weiß ich aus eigener Erfahrung."

Oliver ist übrigens immer noch Muslim. Er glaubt an eine Religion der Toleranz, Hilfsbereitschaft und des Friedens. So wie der allergrößte Teil der Muslime auf dieser Welt auch. Sie sollten im Kampf gegen den Terrorismus unsere wichtigsten Verbündeten werden.

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