Ein doppeldeutiger Tweet von Sebastian Kurz zum österreichischen Nationalfeiertag wirft höchst unangenehme Fragen auf

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SEBASTIAN KURZ
Ein doppeldeutiger Tweet von Sebastian Kurz zum österreichischen Nationalfeiertag wirft höchst unangenehme Fragen auf | Heinz-Peter Bader / Reuters
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  • Ein Tweet vom österreichischen Wahlgewinner Sebastian Kurz sorgt im Nachbarland für Wirbel
  • Darin wollte er den Opfern des Nationalsozialismus gedenken - doch der Beitrag sorgte vielmehr für einige Missverständnisse
  • Auch Satiriker Jan Böhmermann schaltete sich in die Debatte ein

Der Rechtsruck in Österreich sitzt vielen noch tief in den Knochen. Zumal der voraussichtlich zukünftige Kanzler Sebastian Kurz mit seiner Partei bereits Koalitionsgespräche mit der rechtspopulistischen FPÖ aufgenommen hat.

Ein Tweet des ÖVP-Chefs zum österreichischen Nationalfeiertag sorgt nun für Wirbel. Kurz schrieb, der Tag sei dem “Gedenken an die gefallenen Soldaten & Opfer des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus (sic)” gewidmet.

Das Problem: Kurz’ Tweet ist unglücklich formuliert. Grammatikalisch betrachtet, könnten mit “Opfer des Widerstandes” sowohl diejenigen Menschen gemeint sein, die aufgrund ihres Widerstands gegen den Nationalsozialismus ihr Leben verloren haben, als auch diejenigen, die von Widerständlern umgebracht wurden - also Nazis selbst.

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Böse Absicht, oder Achtlosigkeit?

Entsprechend negativ fielen die Reaktionen auf den Tweet aus. Ein User schrieb: “Vielleicht sollten Sie Geschichte studieren. Hilft ungemein, wenn es um erinnerungspolitisches Verständnis geht.”

“Selbst wenn keine böse Absicht dahinter steckt, offenbart das einen bedenklichen Grad an Achtlosigkeit und Unfähigkeit”, meinte ein anderer.

Andere sahen in Kurz’ Stellungnahme mindestens einen Widerspruch zur geplanten Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ, deren Parteichef Heinz-Christian Strache eine rechtsextreme Vergangenheit hat.

Auch Böhmermann schaltet sich ein

Die meisten Figuren des NS-Widerstandes, wie die Geschwister Scholl oder Oskar Schindler, agierten jedoch ohne Anwendung von Gewalt, was der scherzhafte Tweet eines Users aufgreift: "Jeder weiß heutzutage ja von den geheimen Kammern, wo tausende Unschuldige von der SS (Sophie Scholl) mit Flugblättern totbeworfen wurden (sic)."

Und auch der deutsche Satiriker Jan Böhmermann konnte sich einen bissigen Kommentar nicht verkneifen. “Der Führer war ja auch Täter und Opfer gleichzeitig auf eine Art. Und vor allem war er Mensch. Und Österreicher”, schrieb er.

Im zweiten Anlauf klappt es

Viele User regen sich darüber auf, dass Kurz den Tweet selbst angesichts des Shitstorms nicht löschte. “Dass dieser Tweet nach drei Stunden immer noch da ist, zeigt, dass Sie das wohl wirklich ernst meinen”, folgerte etwa einer.

Tatsächlich widerrief der 31-Jährige Politiker den Tweet zwar nicht, doch er konkretisierte ihn. In einem weiteren Beitrag, den Kurz ein paar Stunden später absetzte, erklärte er unmissverständlich: “Haben heute allen Opfern des Nationalsozialismus gedacht.”

Schulterzucken bei den österreichischen Medien

Auffällig: Die österreichischen Medien schenkten dem Tweet, wie auch der Kontroverse kaum Beachtung. Lediglich der “Kurier” berichtete kurz darüber, wies aber in dem Artikel darauf hin, dass auch einige Medien die Formulierung gebraucht hätten.

In Österreich seint also Kurz' Formulierung normal zu sein. Wohl auch, weil bereits im vergangenen Jahr der sozialdemokratische Noch-Kanzler Christian Kern zum Nationalfeiertag auf Facebook schrieb, man gedenke an diesem Tag der "Opfer des Widerstandes".

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(mf)

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