Vorbild Italien und Frankreich: Brauchen wir auch in Deutschland eine Impfpflicht für Kinder?

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Das Thema gesetzliche Impfpflicht sorgt in Deutschland für viele kontroverse Diskussionen | iStock
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  • Das Thema Impfen sorgt deutschlandweit für große Diskussionen
  • Frankreich und Italien haben in diesem Jahr eine Impfpflicht beschlossen
  • Das wirft die Frage auf, ob auch für Deutschland ein solches Gesetz eingeführt werden sollte

Kaum ein Thema löst unter Eltern mehr kontroverse Diskussionen aus als der Impfschutz ihrer Kinder. Die Gegner fürchten sich vor möglichen Nebenwirkungen, die Befürworter weisen auf die schwerwiegenden Folgen für die gesamte Bevölkerung hin, wenn Kinder nicht geimpft werden.

Es steht deshalb die Frage im Raum: Sollten Impfungen freiwillig oder gesetzlich vorgeschrieben sein? Ist es sinnvoll, Eltern dazu zu verpflichte, bestimmte Impfungen bei ihren Kinder durchführen zu lassen?

Zwei europäische Länder haben bereits eine umfassende Impfpflicht für Kleinkinder ausgesprochen.

In Frankreich sind ab 2018 ganze elf Impfungen obligatorisch: Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Hepatitis B, das Bakterium Haemophilus influenzae Typ b, Pneumokokken, Meningokokken, Masern, Mumps und Röteln.

Zahl der Masernfälle in vielen europäischen Ländern gestiegen

Als Grund nannte der französische Premierminister Edouard Philippe, als der Beschluss im Juli öffentlich wurde: "Noch immer sterben Kinder an Masern, das ist in der Heimat von Pasteur nicht annehmbar." Dabei bezog er sich auf den französischen Chemiker Louis Pasteur, der einer der den ersten Impfstoff-Wissenschaftler war.

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Auch Italien hat im Juli diesen Jahres eine Impfpflicht beschlossen und will drastisch gegen Verstöße vorgehen. Wer seine Kinder bis zum Alter von sechs Jahren nicht gegen die dort angeordneten zwölf Krankheiten impfen lässt, muss hohe Bußgelder zahlen.

Anlass für die Entscheidung war eine Masernepidemie, die seit Anfang des Jahres in dem Land herrscht. Bis Mitte Mai verzeichnete der italienische Staat 2395 Fälle. Im gesamten Vorjahr waren es nur 860 gewesen. Von den Kranken waren damals 89 Prozent nicht geimpft.

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) ist auch in Deutschland die Zahl der Masernfälle stetig gestiegen. Bis dato gab es 2017 mehr als zweieinhalb mal so viele Masernfälle wie im gesamten Vorjahr.

Impfpflicht als sinnvolle Maßnahme?

860 Menschen erkrankten nach Daten des RKI nachweislich an dem Virus. Im gesamten Vorjahr gab es demnach 325 Maserninfektionen.

Als ein großes Problem sieht das RKI, dass nur 92,8 Prozent der Schulanfänger die wichtige zweite Masern-Impfung erhalten. Häufig erfolge die Impfung auch zu spät und weise große Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf, heißt es auf der Website des Instituts.är

Eine Impfpflicht also auch für Deutschland?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zumindest hatte bereits vor zwei Jahren gesagt, eine gesetzliche Verordnung dürfe "kein Tabu mehr" sein.

Experten sind uneinig über verpflichtende Regelung

Vor einigen Monaten aber betonte er, es müssten erst alle anderen Schritte ausgeschöpft werden. "Zudem müsste eine Impfpflicht immer mit Ausnahmen versehen werden, zum Beispiel aus weltanschaulich-religiösen Gründen", sagte Gröhe.

In Deutschland besteht seit 2015 zwar die Möglichkeit, ungeimpfte Kinder und Jugendliche aus der Kita oder Schule vorübergehend auszuschließen. Außerdem droht Eltern eine Strafe von bis zu 2500 Euro, die die Impfberatung von Kindertagesstätten verweigern. Grundsätzlich bleibt es aber bei der Freiwilligkeit von Impfungen.

Unter Experten gehen die Meinungen, ob Impfungen verpflichtend werden sollen, stark auseinander.

Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder-und Jugendärzte (BVKJ), gibt zu bedenken, viele Eltern seien durch sachliche Argumente nicht zu erreichen.

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Aus Überforderung oder Verweigerung vernachlässigten sie Impftermine, wird er in einer Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte zitiert. Nicht geimpfte Kinder trägen aber ein hohes Risiko, an Masern zu erkranken und gefährdeten damit andere ungeimpfte Kinder.

Erfolge in anderen Ländern

In Kitas könnten sich beim Auftreten von Masern daher größere Krankheitsausbrüche ereignen. Weigerten sich die Eltern gegen eine Impfung, müsse der Staat eingreifen.

"Wir brauchen eine Impfpflicht. Deutschland hat sich der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verpflichtet, bis 2015 die Masern und Röteln zu eliminieren", heißt es in der Pressemitteilung. "Es wird Zeit, dass wir dieses Ziel endlich erreichen."

Auch Allgemeinmediziner Markus Frühwein ist für eine Impfpflicht. Er beruft sich dabei auf Erfolge in anderen Ländern, die die Impfpflicht gesetzlich eingeführt haben.

"In den USA muss sich jeder Amerikaner gesetzlich gegen hochansteckende Virusinfektionen impfen lassen", sagte er in einem Interview mit dem Radiosender Antenne Bayern. "Das Ergebnis: Experten haben letztes Jahr offiziell verkündet, dass Mumps, Masern und Röteln sind in den USA seit 2016 erfolgreich ausgerottet sind."

Sachliche Aufklärung als Lösung?

Andere jedoch sehen eine gesetzliche Impfpflicht kritisch.

Die gesundheits­politische Sprecherin der Bundestags­fraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Birgitt Bender, etwa ist der Ansicht, die Selbstbestimmung müsse Vorrang haben. Sie findet: Wie auch immer sich Eltern entscheiden, die Entscheidung sei zu respektieren.

Sie ermutigt daher zu einer gewissen politischen Gelassenheit und glaubt an sachliche Aufklärung als Lösung: "Die Impfquoten sind bei den einzuschulenden Kindern zwischen 2000 und 2010 von 19 auf immerhin 92 Prozent gestiegen", sagte sie dem "Ärzteblatt".

"Eine sachliche Aufklärung über die Vorteile einer Impfung-ohne Vernachlässigung der möglichen Nebenwirkungen-wird also zu einer weiter steigenden Impf­bereitschaft führen."

Die einzige Partei, die sich explizit für eine Impfpflicht ausspricht, ist die FDP. Bereits beim Bundesparteitag Ende April sprachen sich die Freien Demokraten für eine allgemeine Impfpflicht für Kinder bis 14 Jahren aus.

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(lk)

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