Harvey Weinstein plagen keinerlei Schuldgefühle

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Harvey Weinstein im April bei einer Veranstaltung in New York

Harvey Weinstein (65) - und kein Ende. Ein Halbgott der Filmwelt steht als lüsterner Teufel am Pranger. Über 40 Frauen soll der berühmte Hollywood-Produzent in 30 Jahren sexuell bedrängt, begrapscht, missbraucht oder gar vergewaltigt haben, so die Vorwürfe. Der 65-Jährige soll nun eine Therapie gegen Sexsucht um einen Monat verlängert haben, hieß es zuletzt. Er wird in einem Hotel in Arizona behandelt.

Sein Psychologe, der namentlich nicht genannt werden will, sagte laut "TMZ", dass sich Weinstein völlig auf die Behandlung konzentriert habe: "Er kam zu allen Treffen und war komplett bei der Sache." Der Mediziner sprach dabei von einem "Aggressionsproblem" des Filmproduzenten. "Es gab Dinge, die seinen Ärger besonders anfachten, und unser Job war es, ihm zu helfen, erkennen zu können, wo diese Wut herkommt und wie man sie kontrollieren kann."

Kein Schuldbewusstsein

Trotz der massiven Vorwürfe, die die gesamte Filmbranche erschüttern und die Karriere Weinsteins vernichtet haben, plage ihn keinerlei Schuldbewusstsein. Alle sexuellen Kontakte, die er keineswegs abstreite, seien auf der Basis der Freiwilligkeit erfolgt, behaupte Harvey Weinstein.

Bei der Therapie wird wohl zunächst festgestellt, ob Weinstein wirklich sexsüchtig ist. Reine Sexsucht sei "extrem selten", sagt Jörg Signerski-Krieger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Sexualtherapeut an der Ambulanz für Sexualmedizin und Sexualtherapie der Universitätsmedizin Göttingen, in einem Interview mit der "Welt". Meist handle es sich "nur um hypersexuelles Verhalten", hinter dem keine Sucht, sondern eine andere Krankheit stecke.

"Menschen mit Persönlichkeitsstörungen können ein vermehrtes sexuelles Bedürfnis haben. Auch Patienten mit Depressionen weisen mitunter nicht etwa eine sexuelle Lustlosigkeit auf, wie man meist denkt, sondern sie haben stattdessen ein gesteigertes Lustempfinden. Bei Demenzpatienten kommt das ebenfalls vor", meint Signerski-Krieger.

So könnte eine Therapie aussehen

Dagegen könne man eine geringe Dosis eines bestimmten Antidepressivums geben. "Patienten, die sich sehr stark selbst mit ihrem Sexualverhalten schädigen, kann man auch mit Testosteronblockern therapieren. Die benutzt man eigentlich bei Sexualstraftätern. Aber auch therapeutisch kann man Sexsüchtigen helfen", so Dr. Signerski-Krieger.

Man könne eine Therapieform anwenden, die man auch bei Borderline-Patienten benutze. "Dabei lernen die Betroffenen Fertigkeiten, die ihnen dabei helfen, mit dem innerlichen Druck fertigzuwerden. Das kann Sport sein, aber auch andere Strategien wie Musik hören, kalt duschen, Bonbons essen. Diese Skills erarbeitet der Therapeut individuell mit dem Patienten."

Bei Sexsüchtigen wird die Sexualität der Betroffenen zum alles bestimmenden Lebensbereich. Alle Gedanken kreisen fast ununterbrochen um Sex, die Sexualität nimmt im Laufe der Sucht (selbst-)zerstörerische Züge an. Laut dem Gesundheitsportal "lifeline" spielen Selbsthilfegruppen bei der Sexsucht-Therapie "eine wichtige Rolle". Dabei könnten sich "Nymphomaninnen und sexsüchtige Männer austauschen und Hilfestellungen anbieten". Diese Gruppengespräche seien "gerade deshalb erfolgreich, weil viele Sexsüchtige trotz zahlreicher Kontakte vereinsamen". Am Anfang der Aktivität in so einer Selbsthilfegruppe stehe allerdings "ein Zölibat, das sich die Teilnehmer selbst auferlegen." Die Behandlung einer echten Sexsucht werde immer schwieriger, je länger das Suchtproblem bestehe. Sie könne inklusive der Nachsorge mehrere Jahre dauern.

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