Hirnforscher Hüther erklärt: Es gibt einen Ausweg aus der Demenz-Falle - er beginnt in der Kindheit

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DEMENZ
Hirnforscher Gerald Hüther glaubt: Die Grundlage für das Entstehen von Demenz wird in der Kindheit gelegt. | iStock
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  • Demenz ist zu einer der größten gesellschaftlichen Bedrohungen des 21. Jahrhunderts geworden
  • Der Hirnforscher Gerald Hüther aber glaubt: Es gibt einen Ausweg aus der "Demenz-Falle"
  • Dafür jedoch müssten wir erkennen, dass unser Zugang zu der Krankheit bisher völlig falsch war - und das schon Kleinkinder betrifft

Wie entsteht Demenz? Welche Faktoren lösen die Krankheit aus? Und wie lässt sich verhindern, dass sie ausbricht?

In unserer alternden Gesellschaft und der damit steigenden Zahl an Demenzkranken werden diese Fragen immer dringlicher. Zufriedenstellend beantworten kann sie die Wissenschaft aber noch nicht.

Der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther hat sich nun mit einer These in die Diskussion über Demenz eingeschaltet, die ebenso innovativ wie provokant ist - und nahelegt, dass der Ursprung von Demenz bereits in der Kindheit zu finden ist.

In seinem neuen Buch “Raus aus der Demenzfalle" (arkana Verlag, 2017) vertritt er die Ansicht: Unser Zugang zu der Krankheit war bisher fehlgeleitet - und damit auch unsere Therapieansätze.

Hüther glaubt: Wir können der "Demenz-Falle" entkommen

"Die Vorstellung, wie Demenz entsteht, stammt aus dem vergangenen Jahrhundert", sagt er im Gespräch mit der HuffPost.

Diese Vorstellung nämlich beruht auf dem Grundgedanken, dass ein Mensch zwangsläufig dement wird, wenn sein Gehirn im hohen Alter abbaut - und sich dieser Vorgang also nicht verhindern lässt.

Hüther aber glaubt, dass das eine Fehleinschätzung ist. Und er ist auch überzeugt: Die Gesellschaft kann dieser "Demenz-Falle" entkommen - wenn sie bereit ist, “einige unbequeme Fragen” zu stellen.

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Denn seiner Ansicht nach ist es nicht der Verfall des Gehirns, der zu Demenz führt, sondern der Verlust seiner Regenerationsfähigkeit.

"Unser Gehirn baut zwar automatisch ab, wenn wir alt werden", sagt der Wissenschaftler. "Aber es ist bis ins hohe Alter fähig, Regeneration zu betreiben - das bedeutet, Umbauprozesse anzustoßen, neue synaptische Verbindungen zu schaffen und Nervenzellen nachzubilden."

Verhindert unser Lebensstil, dass sich das Gehirn selbst heilen kann?

Wo ist dann aber das Problem? Warum bekommen trotzdem so viele Menschen Demenz? Hüthers Meinung nach liegt der Antwort auf diese Frage ein tiefliegendes gesellschaftliches Problem zugrunde.

"Die Art und Weise, wie wir leben, verhindert, dass unser Gehirn diesen schwierigen Wiederaufbau verloren gegangener Vernetzungen schafft, sich also gewissermaßen selbst heilen kann", erklärt er.

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Was er damit meint, verdeutlicht der Hirnforscher in seinem Buch anhand eines Versuchs des amerikanischen Neurologen David Snowdon. Zwischen 1986 und 2001 begleitete Snowdon mehrere hundert katholische Ordensschwestern im Alter von 75 bis 106 Jahren und führte bei ihnen regelmäßig Tests zur Messung von Demenz durch.

Seine Feststellung: Die Zahl der Erkrankungen war verschwindend gering. Das allein ist noch nicht sehr aussagekräftig.

Aber: Als die Nonnen verstorben waren, untersuchte Snowdon ihre Gehirne und stellte fest, dass es in ihren Gehirnen genauso viele Abbauprozesse gab wie bei der Normalbevölkerung. Trotzdem hatte kaum eine Nonne Demenz entwickelt.

Warum tut sich unser Gehirn mit den Umbauprozessen schwer?

Der Versuch hat in der Demenzforschung bisher kaum Beachtung gefunden, ist für Hüther aber ein starkes Indiz dafür, dass seine Theorie mit der Umbaufähigkeit des Gehirns stimmt.

"Der Abbau war auch bei den Nonnen vorhanden, ihre Gehirne haben es aber geschafft, wieder neue Verknüpfungen aufzubauen", sagt er.

Stellt sich nur die Frage: Was sorgt dafür, dass im Gehirn der Nonnen diese Umbauprozesse funktionieren und bei vielen anderen Menschen nicht?

Hüther erklärt das mit dem sogenannten Salutogenese-Konzept. "Das ist die Erkenntnis, dass immer dann Heilungs- und Reparaturprozesse im Gehirn gelingen, wenn es einem Menschen ziemlich gut geht."

Hüther warnt: Wir verstehen die Welt nicht mehr, in der wir leben

Konkreter gesagt: "Er muss dafür ein hohes Kohärenzgefühl haben", sagt der Forscher. "Er müsste das Gefühl haben, all das, was in seiner Lebenswelt geschieht, als verstehbar, als gestaltbar und als sinnvoll zu erfahren. Wenn irgendwas in der Welt nicht passt, muss ich es wieder passend machen können - in meinem Gehirn, in meinem Körper, in meinen Beziehungen. Was immer an Problemen kommt, werde ich lösen können."

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Wie viele Menschen, so fragt Hüther, hätten das Gefühl, in einer Welt zu leben, in der er verstehen könne, was um ihn herum passiert. "Bei den Nonnen ist das der Fall. Doch ich beispielsweise habe dieses Gefühl nicht. Wenn ich die Abendnachrichten anschaue, verstehe ich vieles nicht. Zum Beispiel, was da gerade in Syrien abläuft."

Die mangelnde Verstehbarkeit ist laut dem Neurobiologen aber erst der Anfang. "Selbst wenn ich die Welt um mich herum verstehen würde, könnte ich nichts an ihr ändern. Ich habe keinen Einfluss darauf. Ich bin nicht länger der Gestalter meines eigenen Lebens."

Grundlage für Entstehung von Demenz in der Kindheit

Dieses Dilemma fängt für Hüther schon bei den ganz Kleinen an. "Das primäre Anliegen eines jeden Kindes ist es, sich in eine Welt hineinzubegeben, in der das, was dort passiert, verstehbar, gestaltbar und sinnhaft ist."

Das aber ist seiner Ansicht nach nicht der Fall – nicht in der Kita, nicht im Kindergarten, nicht in der Schule. Die Folge, so warnt Hüther, sei fatal. "Wenn die Kinder aufgeben, verstehen zu wollen und das Gefühl haben, dass sie nichts gestalten können und nicht mehr begreifen, warum sie in die Schule gehen - dann ist alles schiefgegangen und die erste Grundlage für die Entstehung einer späteren Demenz ist gelegt."

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Gesetzt den Fall, man folgt Hüthers These - gibt es dann einen Weg, Demenz aufzuhalten oder gar vorzubeugen?

Ja, den gibt es, sagt der Neurobiologe. "Wir müssen einander helfen, uns wieder als Gestalter unseres eigenen Lebens zu begreifen”, sagt er. "Und das von klein auf. Wir haben noch nicht gelernt, so miteinander umzugehen, dass wir uns gegenseitig helfen und zur Seite stehen. Wir entfalten unser Potenzial nicht, sondern sehen uns gegenseitig wie Objekte, wie Maschinen."

Rückgang an Demenz-Kranken zu beobachten

Hüther ist sich sicher: In dem Moment, in dem wir unser Zusammenleben günstiger gestalten als bisher, beginnt auch der wirkungsvolle Kampf gegen Demenz.

Die Gesellschaft sei dabei bereits auf einem guten Weg, beobachtet er. "Die Menschen, die heute 60 bis 80 Jahre alt sind, haben schon weniger häufig Demenz als die Menschen, die vor zehn Jahren in dem Alter waren", sagt Hüther. "Da tut sich etwas."

Für Deutschland gibt es dazu zwar noch keine Erhebungen, Studien aus Großbritannien, Finnland und den USA aus den vergangenen Jahren aber zeigen, dass es tatsächlich einen Rückgang von Demenz gibt.

Hüther führt diese Entwicklung auf ein verändertes Selbstverständnis der Älteren und den Umgang mit ihnen zurück. “Es ist eine Freude zu sehen, wie immer mehr ältere Menschen Ehrenämter übernehmen, Wanderwege, Konzertsäle, Theaterhäuser bevölkern und damit aktiv an der Gesellschaft teilnehmen.”

Viele Rentner nähmen nicht länger hin, vom täglichen Leben ausgeschlossen zu werden.

"Wir dürfen den alten Menschen nicht zu viel abnehmen"

Auch in den Seniorenheimen und Demenzanstalten gebe es eine positive Entwicklung, sagt Hüther. Man beginne zu verstehen, dass das Gehirn auf Trab gehalten werden muss. "Wir dürfen den alten Menschen nicht zu viel abnehmen, sonst haben sie gar nichts mehr zu gestalten", sagt Hüther. "Und das schadet ihrem Gehirn."

Das komme nicht nur den Betroffenen zugute, sondern der ganzen Gesellschaft. "Die Pflegekosten gehen runter, man braucht weniger Personal und weniger Medikamente."

Andreas Maercker, Altersforscher aus Zürich, sieht das ähnlich. Geistige Fitness schütze nachweislich vor einer Alzheimerdemenz, der mit Abstand häufigsten Demenzform, sagte er der "Neuen Zürcher Zeitung".

Wichtig sei allerdings, die geistigen Fähigkeiten ein Leben lang zu trainieren. Nach dem Auftreten der ersten Demenzzeichen kämen solche Maßnahmen zu spät.

Demenz-Debatte als Weckruf?

Hüther sieht die Diskussion um das Thema Demenz als riesige Chance an. "Das Phänomen Demenz könnte uns dabei helfen, zu lernen, wie wir unser Leben günstiger gestalten können", sagt er.

"Die Selbstheilungskräfte zu reaktivieren, wäre unsere große Chance im 21. Jahrhundert." Doch dazu, so mahnt er, müssten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass der Organismus und auch das Gehirn wie eine Maschine funktioniere.

"Es ist ein Weckruf in einer Gesellschaft, in der der Mensch funktionalisiert wird."

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(lm)

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