Polnische Krankenschwestern wenden sich zunehmend von Deutschland ab - und verschärfen so den Pflegenotstand

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POLISH NURSE
Polnische Krankenschwestern wenden sich zunehmend von Deutschland ab - und verschärfen so den Pflegenotstand | Kacper Pempel / Reuters
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  • Seit Jahren ist das marode deutsche Pflegesystem auf Facharbeiter aus dem Ausland angewiesen
  • Doch nun droht der Kollaps: Denn auch osteuropäische Pfleger wollen nicht länger unter den hiesigen Bedingungen arbeiten

Frustriert, arbeitsmüde und unterbezahlt. Nach elf Jahren Schufterei als Krankenschwester in Polen fasste Luiza Stawowy den Entschluss: Sie geht ins Ausland.

Doch anders als viele ihrer Kollegen entschied sie sich nicht für das Nachbarland Deutschland - sondern für Norwegen.

Das skandinavische Land lechzt genauso wie Deutschland nach gut ausgebildeten Pflegekräften - doch anders als in der Vergangenheit ist Norwegen mittlerweile für viele osteuropäische Pfleger das wesentlich attraktivere Ziel - und das nicht nur wegen der höheren Löhne.

In Deutschland kamen laut OECD 7,2 Prozent der Krankenschwestern aus dem Ausland, davon ein Großteil aus Polen.

Bleiben nun viele weg, dann droht Deutschland der Kollaps. Denn bereits jetzt fehlen hierzulande zehntausende Pflegekräfte in Krankenhäusern, Praxen, Tagesstätten oder Alten- und Pflegeheimen.

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Norweger: Traumland für viele Pfleger

Politologin Cornelia Heintze bestätigte der HuffPost, dass polnische Pflegekräfte mittlerweile immer öfter nach Norwegen gehen würden.

"Es findet derzeit ein Run auf Norwegen statt, für viele Polen ist das Land ihre erste Adresse", sagt Heintze. Bereits seit Jahren forscht sie zu den Pflegesystemen in den skandinavischen Ländern und vergleicht diese mit dem Modell in Deutschland.

Sie sagt: "Vor zehn Jahren lernten angehende Ärzte und Pflegefachkräfte Englisch oder Deutsch, nun ist Norwegisch bei Studierenden der Pflege die Sprache Nummer eins." Neun von zehn polnischen Pflegestudenten würden derzeit norwegisch lernen.

Die dramatische Situation wird in zwei Zahlen deutlich: Von 2005 bis 2016 sind aus Deutschland gut 6.300 Pflegekräfte mehr ab- als zugewandert. In Norwegen zeigt sich ein umgekehrtes Bild: ein positiver Saldo von 13.800 Kräften im gleichen Zeitraum.

Im Gespräch mit der HuffPost warnt Heintze, "dass trotz Pflegenotstand die Abstimmung mit den Füßen auch in den kommenden Jahren weitergehen wird, wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht grundlegend verbessern."

Wo es in Deutschland eine Pflegerin gibt, sind es in Norwegen drei oder vier

Auf den ersten Blick scheint das Desinteresse der Polen an Deutschland verwunderlich. Denn die Erwartungen der polnischen Fachkräfte sind "vor dem Hintergrund katastrophal schlechter Verhältnisse im eigenen Land gar nicht sehr hoch", erklärt Heintze.

Dazu muss man wissen: Im Nachbarland protestieren seit Wochen Ärzte und andere Gesundheitsfachkräfte für bessere Löhne. Etliche befinden sich im Hungerstreik. Doch auch in Polen ist laut Heintze mittlerweile angekommen, dass die Arbeit in Deutschland keine sonderlich attraktive Alternative ist.

Die Expertin nennt mehrere Gründe:

Erstens gibt es in Norwegen einen wesentlich besseren Personalschlüssel - den besten in Europa: "Wo in Deutschland eine Fach- und Helferkraft morgens nicht selten mit 14 bis 20 Heimbewohnern allein gelassen werden, sind in Norwegen sechs bis acht Kräfte im Einsatz", erläutert Heintze. Schlimmer noch: Ihr zufolge werden in Deutschland Auszubildende und Freiwilligendienstleistende mit angerechnet, um den Personalschlüssel zu schönen. In Skandinavien nicht.

Das bedeutet: Das Stresslevel für die Pfleger ist deutlich niedriger.

Zweitens gibt es in Deutschland eine viel höhere Fluktuation: Viele Pfleger würden schon nach wenigen Jahren den Arbeitsplatz wechseln. In Norwegen sei die Personalbindung wesentlich höher.

Und drittens ist auch die Bezahlung - trotz höherer Lebenskosten - in Norwegen "viel attraktiver", bemerkt Heintze. Umgerechnet verdienen die Pfleger in dem skandinavischen Land etwas das doppelte.

Außerdem treffen die ausreisewilligen Polen in Norwegen bereits auf eine starke Community ihrer Landsleute. Denn die bilden mit 97.200 Menschen die mit Abstand größte Einwanderergruppe.

Nicht die Menschen, sondern die Kostenreduzierung steht im Mittelpunkt

Doch was müsste sich in Deutschland ändern?

Klar ist: Während Deutschland laut OECD nur 1,1 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für die Pflege ausgibt (und damit unter dem OECD-Schnitt liegt), sind es in Norwegen 2,4 Prozent.

Doch es ist nicht nur das Geld. "Deutschland unterhält ein System, bei dem die Familie zur idealen Instanz der Erbringung von Pflegeleistungen und der Organisierung des Zukaufs von Leistungen verklärt wird", betont Heintze.

Heißt: Statt des Staates müssen sich in der Bundesrepublik vor allem die Angehörigen um die Pflege kümmern.

Damit werde aus ihrer Sicht versteckt, dass tatsächlich unbezahlte, meist weibliche Familienangehörige genutzt und zudem Kosten und Leistungen maximal privatisiert werden.

Heintze fordert daher: "Das Engagement der öffentlichen Hand sollte gestärkt und die Wettbewerbslogik verringert werden."

Denn anders in Norwegen stehe in Deutschland nicht der persönliche Bedarf pflegebedürftiger Menschen, sondern eine betriebswirtschaftliche Logik im Mittelpunkt, "die darauf zielt, mit verknappten öffentlichen Mitteln immer mehr Leistungen zu stemmen."

Das geht zulasten der Qualität und der Arbeitsbedingungen - die zunehmend selbst osteuropäische Fachkräfte nicht mehr akzeptieren wollen.

Zwar ist auch für Krankenschwester Luiza Stawowy die Sehnsucht nach den Angehörigen in ihrer polnischen Heimat groß. Doch wenn sie heute erneut entscheiden müsste, nach Norwegen zu gehen, würde sie nicht zögern.

Und sie würde auch anderen polnische Krankenschwestern raten, zu gehen. Nach Norwegen, nicht nach Deutschland.

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(lp)