Mercedes X-Klasse im Test: Der kleine Luxus-Pick-up

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Mercedes X-Klasse: Jetzt auch den Pick-up im Angebot

Während sie in Asien und Südamerika aus dem Alltag nicht wegzudenken sind und man sie an jeder Ecke sieht, gehören die sogenannten Midsize-Pick-ups in Deutschland zu den Ausnahmeerscheinungen - noch. Aber wer weiß? Vielleicht wird daraus ja ein Trend. Immerhin begibt sich nun ein Premiumhersteller wie Mercedes mit der X-Klasse auf das für ihn neue Terrain.

Gefahren werden die Pritschen-Laster zumeist von Gartenbaubetrieben und kommunalen Verwaltungen, oder sie dienen als praktischer Kumpel auf Großbaustellen. Die Modelle heißen Ford Ranger, VW Amarok und Toyota Hilux. Dahinter rangieren Nissan Navara, Mitsubishi L200 und der Fiat Pullback. Seit kurzem ist auch Renault mit dem Alaskan mit von der Partie. Und jetzt eben auch Mercedes mit der X-Klasse. "Wir haben weltweit intensive Kundenbefragungen gemacht", sagt Dr. Marion Friese, Marketing Mercedes-Benz Vans. "Der globale Markt ist vielversprechend. Er soll von heute zwei bis 2025 auf jährlich über drei Millionen Einheiten wachsen."

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Zum Einstiegspreis ein karges Basismodell

Die X-Klasse ist mehr Luxus-Laster als Arbeitstier

Mercedes adressiert die X-Klasse nicht ausschließlich an Gewerbetreibende, sondern bewusst auch an den Privatkunden, Modell Abenteuer-Typ mit aktiver Freizeitgestaltung. Daher gibt es die X-Klasse ausschließlich als Doppelkabine. Das kostet zwar Ladelänge auf der Pritsche, ein Jet-Ski, Quad oder Cross-Motorrad kann jedoch noch immer mitfahren. Mit seinen fünf Sitzplätzen eignet sich der Pick-up dafür auch als Familienauto.

Entsprechend hochwertig gestalteten die Stuttgarter das Interieur, vor allem, was Materialien und Zierteile angeht. Auch das Angebot an schicken Extras ist üppig. Es bereitet keine Probleme, die X-Klasse zum kleinen Luxus-Laster werden zu lassen. Klar, dass sich das preislich niederschlägt. Generell sollte man den Einstieg von 37.295 Euro nicht für bare Münze nehmen. Dafür bekommt man ein recht karges Basismodell in tristem Outfit, ohne Chrom und Schick, mit 163 PS, Handschaltung und Hinterradantrieb.

Anfreunden sollte man sich daher eher mit Preisen um die 50.000 Euro. Und mit der Tatsache, dass unter X-Klasse keine Mercedes-Technik arbeitet. Der Motor, ein 2,3-Liter-Vierzylinder-Diesel, stammt aus dem Nissan Navara, ebenso das Getriebe, der Leiterrahmen und Teile des Fahrwerks. Grund: So spart man gewaltige Summen an Entwicklungskosten und Zeit. Zudem kooperiert Mercedes mit Nissan bei der Produktion. Die X-Klasse läuft zusammen mit dem Navara und dem ebenfalls technisch identischen Renault Alaskan in Barcelona vom Band.

Viele Gemeinsamkeiten - nur nicht beim Design

Der Benz-Pick-up wird in Barcelona gefertigt

Natürlich möchte Mercedes sich aus diesem Trio so weit wie möglich herausheben. Vor allem beim Design. Kein Blechteil gleicht dem der Brüder. Die Stuttgarter gingen sogar soweit, die Karosserie fünf Zentimeter breiter zu gestalten. Damit kann nicht einmal mehr die Windschutzscheibe gemeinsam verwendet werden. In der Gestaltung des Armaturenbretts erinnert die X-Klasse stark an die V-Klasse: gleiche Instrumente, gleiche Schalterleiste, gleiches freistehendes Display. "Wir wollten ein Coming-Home-Gefühl erzeugen", sagt Kai Siebert, Designchef Mercedes-Benz Vans. Leider hat man es aus Kostengründen versäumt, die Lenksäule auch in Längsrichtung verstellbar zu machen. So etwas haben heute Autos teils in der Kompaktklasse serienmäßig. In der X-Klasse lässt sich das Lenkrad lediglich hoch und runter bewegen. Das mag für viele, aber eben nicht für alle ausreichen und vereitelt mitunter eine optimale Sitzposition.

Dass unter den Hauben keine eigenen Motoren werkeln, muss kein Nachteil sein. Im Gegenteil, die 190-PS-Version (Sechsgang-Automatik, zuschaltbarer Allradantrieb, ab 41.781 Euro), die wir fahren konnten, überzeugte mit guter Elastizität und Fahrkultur. Es überrascht, wie fest und solide sich die X-Klasse anfühlt, wie leise und komfortabel sie sich fahren lässt. "Wir haben sehr viel Aufwand bei der Geräuschdämmung und bei der Fahrwerksabstimmung getrieben", sagt Entwicklungs-Ingenieur Christophe Pierron. Die X-Klasse erhielt im Vergleich zu Navara und Alaskan eine breitere Hinterachse, eine andere Geometrie und andere Lager, alles mit dem Ziel, den Laster locker über Löcher und cool um die Kurven gehen zu lassen. Selbst längere Autobahnstrecken sollten damit ohne weiteres möglich sein.

In der Stadt hat man mit dem Pick-up keinen Spaß

Das Armaturenbrett erinnert stark an die V-Klasse

In ihren Grenzbereich dürfte die X-Klasse dagegen in der Stadt kommen. Sie misst immerhin 5,34 Meter in der Länge, mehr als die S-Klasse. Mit 1,92 Meter Breite und 1,82 Meter Höhe ist das Auto ein ziemlicher Brocken und man ist dankbar um jeden Sensor und um die serienmäßige 360-Kamera.

1,1 Tonnen erlaubt Mercedes als maximale Zuladung, was im Privatgebrauch wohl selten erreicht wird, es sei denn, man packt die Pritsche mit Ziegelsteinen voll. Boots- und Pferdebesitzer können sich über eine Anhängelast von bis zu 3,5 Tonnen freuen. Und auf einen kräftigen Sechszylinder-Selbstzünder. Denn schon im nächsten Sommer will Mercedes einen V6 mit 258 PS, 7-Gang-Automatik und neu entwickeltem Allradantrieb nachreichen.

Die X-Klasse ist übrigens nicht das erste Pritschen-Modell der Stuttgarter. Anfang der Siebziger Jahre liefen in Argentinien Pick-ups auf Basis des Strich-8 von den Bändern. Das Modell hörte auf den wohlklingenden Namen "La pickup". Einige Exemplare schafften es sogar bis nach Europa. Auch von der G-Klasse gab es ein Pick-up-Derivat.

Technische Daten Mercedes X-Klasse: Viersitziger Pritschenwagen, Länge: 5,34 Meter, Breite: 1,92 Meter, Höhe: 1,82 Meter, Radstand: 3,15 Meter, Zuladung: 1,067 kg, Anhängelast: 1,65 bis 3,5 Tonnen. X 250 d 4MATIC: 2,3-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel, 140 kW/190 PS bei 3.750 U/min, maximales Drehmoment: 450 Nm bei 1.500-2.500 U/min, 0-100 km/h: 11,8 s, Vmax: 175 km/h, Durchschnittsverbrauch: 7,9 Liter, CO2-Ausstoß: 207 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Preis: 41.781 Euro.

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