Arzt der Berliner Charité: Ausgerechnet ein bekanntes Antibiotikum könnte die Behandlung von Depressionen revolutionieren

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Ausgerechnet ein bekanntes Antibiotikum könnte die Behandlung von Depressionen revolutionieren. | Martin Dimitrov via Getty Images
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  • Immer mehr Studien zeigen: Depressionen und Entzündungsprozesse hängen zusammen
  • Jetzt wird an der Berliner Charité untersucht, ob ein antientzündlich wirkendes Antibiotikum gegen bestimmte Depressionen helfen kann
  • Auch an der Cambridge University startet ein ähnliches Forschungsprojekt

"Depression ist heute weltweit die Hauptursache für Lebensbeeinträchtigung“, sagt Dan Chisholm von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Millionen Deutsche erkranken daran – und müssen einen Weg finden, sich aus dem Klammergriff der Erkrankung zu befreien.

Erkrankte leiden an einem Gefühl der inneren Leere, fühlen sich niedergeschlagen und antriebslos - den meisten hilft eine Behandlung mit Therapien und Antidepressiva. Doch bei manchen Betroffenen schlagen die Antidepressiva nicht an: Bei 30 Prozent der Behandelten zeigen die Medikamente nicht die gewünschte Wirkung.

Diese Gruppe hat der Arzt Julian Hellmann-Regen von der Berliner Charité im Blick: Er hofft, dass den Betroffenen stattdessen ein als Antibiotikum bekanntes Medikament helfen kann.

Depressionen und Entzündungen hängen zusammen

"Wir glauben, dass ein Teil der an Depressionen Erkrankten unter einer unterschwelligen, chronischen Entzündung leidet, die sich auf das Gehirn auswirkt“, sagt Hellmann-Regen im Gespräch mit der HuffPost.

Die Theorie dahinter ist schon länger bekannt: Seit einigen Jahren wiesen Wissenschaftler an mehreren Universitäten in Deutschland, Großbritannien und USA immer wieder nach, dass Depressionen und Entzündungen im Körper zusammen hängen.

Mehrere Studien – unter anderem Untersuchungen der University of Toronto und der University of Illinois - zeigen: Ein gewisser Anteil der depressiven Menschen hat erhöhte Entzündungswerte im Körper. "Interessanterweise sind das vor allem die Patienten, die nicht auf Antidepressiva anschlagen“, meint Hellmann-Regen.

Wie der Entzündungsprozess genau mit der Entstehung von Depressionen zusammen hängt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. "Wir gehen davon aus, dass Entzündungen zu einer Freisetzung von Botenstoffen führen, die sich auf das Gehirn auswirken und Depressionen auslösen. Anstoß können verschiedene Entzündungen im Körper sein, die von den Betroffenen oft nicht bemerkt werden“, erklärt Hellmann-Regen.

Mit diesem Entzündungsprozess hänge auch der Vitamin-A-Stoffwechsel im Gehirn zusammen. "Denn Vitamin-A-Moleküle kontrollieren Entzündungen im Körper.“

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Mit Minocyclin den "entzündlichen Teufelskreis" durchbrechen

Dort will Hellmann-Regen ansetzen, um den "entzündlichen Teufelskreis“ zu durchbrechen - und zwar mit dem Antibiotikum Minocyclin. "Minoyclin hat in Studien gezeigt, dass es den Vitamin-A-Haushalt beeinflusst und antientzündlich wirkt“, sagt Hellmann-Regen.

Bei Minocyclin handelt es sich um ein breit eingesetztes und relativ gut verträgliches Medikament, das vor allem bei Atemwegserkrankungen und Akne verschrieben wird. "Allerdings wird es bei uns nicht als Antibiotikum, sondern als hirngängiges, antientzündliches Medikament eingesetzt“, betont Hellmann-Regen.

Der Ansatz des Forscherteams der Berliner Charité ist natürlich sehr mechanisch. Depressionen sind komplexe Erkrankungen deren genaue Entstehung und Verlauf noch nicht vollständig erforscht werden konnte – oft spielen mehrere Faktoren eine Rolle.

Entzündungsprozesse können einer dieser Faktoren sein – und da ist es natürlich naheliegend, mit antientzündlichen Medikamenten gegenzusteuern. Fraglich ist allerdings, ob Entzündungsprozesse für alle Depressionserkrankungen verantwortlich gemacht werden können und ob antientzündliche Medikamente dann Besserung bringen können.

"Führen Entzündungen zu Depressionen oder ist es anders herum?"

Denn auch wenn erste Versuche an Mäusen Hoffnung machen, steckt die Forschung dafür noch in den Kinderschuhen. Amit Etkin, Professor für Psychiatrie an der Stanford University merkt bei der amerikanischen Recherche-Webseite "Snopes" kritisch an: "Depression sind durchaus für gewöhnlich ein mit entzündlichen Erkrankungen verbundener Krankheitszustand. Jedoch kann es sein, dass ein Großteil der Depressionen nichts mit Entzündungen zu tun hat – auch wenn es bei manchen der Fall ist.“

Auch Ed Bullmore, Professor für Psychiatrie an der Cambridge University, meint in einem Statement seiner Universität: "Die Frage ist: Führen Entzündungen zu Depressionen oder ist es anders herum? Oder ist es nur Zufall?"

Und versucht sich an einer Antwort: "Bei experimentellen medizinischen Studien zeigte sich, dass ein erheblicher Prozentsatz gesunder Probanden, wenn man sie mit entzündungsfördernden Medikamenten wie Interferon behandelt, depressiv werden.“ Er schlussfolgert: "Wir denken also, wir haben Hinweise, dass es einen kausalen Effekt gibt.“

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Ähnliches Forschungsprojekt in Cambridge

Bullmore startet in Cambridge gerade ein ähnliches Forschungsprojekt wie an der Berliner Charité. Er möchte herausfinden, ob entzündungshemmende Medikamente depressive Symptome lindern können. Auch er fokussiert sich dabei auf die Gruppe schwer Depressiver, bei denen Antidepressiva keine Wirkung zeigen. Dafür hat er vom Wellcome Trust, eine für die medizinische Forschung sehr wichtige Treuhand, Forschungsgelder bekommen.

Sollten die Studien positive Ergebnisse zeigen, würde das die Behandlung von Depressionen revolutionieren – und Menschen helfen, die bisher nicht auf die herkömmlichen Antidepressiva angesprochen haben. Allerdings nehmen Patienten das Medikament nicht ein, wie ein Antipressivum - sondern nur über einen Zeitraum von einigen Wochen.

Wer selbst an Depression erkrankt ist und sich für die Studie an der Berliner Charité interessiert, kann sich dort bei dem Forscherteam melden. Es werden Probanden gesucht, die an einer mittelgradigen bis schweren Depression erkrankt sind und denen Antidepressiva nicht weiterhelfen.

"Wir haben etwa 50 Patienten und brauchen noch dreimal so viel Teilnehmer. Es gibt eine Gruppe, der Minocyclin verabreicht wird, und eine Kontrollgruppe, die ein Placebo bekommt." Laut Hellmann-Regen werden die Teilnehmer über einen Versuchszeitraum von sechs Wochen überwacht, denn innerhalb dieses Zeitraums sollte die Behandlung Erfolge zeigen. Der Arzt betont auch: "Wenn es den Teilnehmern nicht besser, oder gar schlechter geht, reagieren wir sofort und schlagen andere Behandlungsmethoden vor“.

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(ks)

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