"Ich tat so, als würde mir Sex gefallen" - Junge Menschen erzählen wie es ist, nie Lust zu empfinden

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Laut einer Umfrage identifiziert sich 1% der Weltbevölkerung als asexuell (Foto: Maria Dubova via Getty Images) | iStock
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  • Laut einer Umfrage bezeichnet sich ein Prozent der Weltbevölkerung als asexuell
  • Das sind Menschen, die kein Interesse an sexuellen oder romantischen Beziehungen haben
  • Fünf Menschen erzählen, wie es sich anfühlt, asexuell zu sein

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29.

Untertreibung des Jahrhunderts: Sexualität ist kompliziert. Wenn wir eines in den letzten paar Jahren gelernt haben, dann dass die Idee von binärer Sexualität nicht nur einschränkend ist - sie missachtet auch komplett die Realität.

Und während wir nun offener mit dem Spektrum zwischen hetero- und homosexuell umgehen, scheint es, dass wir oft eine Orientierung vergessen, die nicht so schön in unser Spektrum passt: Asexualität.

Es gibt kaum Forschung zur Asexualität

Einfach ausgedrückt bezeichnet Asexualität und Aromantik Menschen, die kein Interesse an sexuellen oder romantischen Beziehungen mit anderen Menschen haben. Historisch gesehen gibt es wenig Forschung, die sich mit der asexuellen/aromantischen Community, auch bekannt als Ace/Aro-Community, befasst.

Unter anderem, weil es in Frage stellt, was viele Psychoanalysten uns so lange erzählt haben: dass Sex der essentiellste aller menschlichen Triebe ist. (Was geht, Freud?)

Dank dem Zuwachs von Ace/Aro-Communities auf Twitter, Tumblr, und Reddit in den letzten Jahren, haben sich lokale Meet-Ups und Organisationen in nie da gewesenem Ausmaß entwickelt.

Das Asexual Visibility and Education Network (AVEN), die größte und am meisten etablierte dieser Organisationen, schätzt, dass rund ein Prozent der Weltbevölkerung sich als asexuell identifiziert. Bei einer Umfrage unter 195 asexuellen Menschen im Jahr 2004 identifizierte sich etwa ein Drittel als trans, non-binary, oder Gender non-conforming.

Wie es sich anfühlt, asexuell zu sein

Also haben wir uns entschieden, mit ein paar Menschen aus der Ace/Aro-Community zu sprechen, um ein besseres Verständnis zu erlangen.

Wenn uns immer gesagt wurde, dass so viel der menschlichen Experience durch die Suche nach Sex und romantischer Liebe motiviert ist, wie sieht das Leben dann aus, wenn genau diese Motivation nicht da ist?

Es folgen fünf Menschen, die uns erzählen, wie es ist, in den 20ern und 30ern asexuell zu sein.

Sophie, 22

Wo befindest du dich auf dem Ace/Aro-Spektrum und was bedeutet das für dich?

"Ich verstehe mich als grey asexuell (grey Ace) und grey aromantisch (grey Aro). 'Grey‘ bedeutet, dass ich mich zwischen den zwei Polen des Spektrums bewege: Ich fühle sexuelle und romantische Anziehung, aber das kommt so selten vor, dass ich unter den Mantel der Asexualität und Aromantik falle.

Viele Aces, so auch ich, fühlen einen Abstand zwischen sich selbst und den Menschen, die eine*n erregen. Ich schaue Pornos und habe sexuelle Fantasien, aber ich habe nie den Wunsch, diese in Wirklichkeit auszuleben.“

Kannst du mir erzählen, wann du Freunden und Familie von deiner Asexualität erzählt hast und wie die Reaktionen waren?

"Ich kann mich erinnern, mit meiner Mutter und Schwester im Auto gesessen zu haben und daran, wie ich sagte, ich glaubte, ich sei asexuell. Meine Mutter antwortete, 'Du wirst nur später reif‘ und meine Schwester sagte, 'Du hast nur noch den Richtigen nicht gefunden.‘

Sie wollten mich beruhigen, also hatten sie asexuell als etwas Schlechtes verstanden. Das ist eine ganz gängige Reaktion, die Aces, die sich outen wollen, bekommen.

Man nimmt es nicht ernst, wie eben 'Keine Sorge, du bist normal und heterosexuell, da bin ich mir sicher!‘

Es ist hart, weil ein kleiner Teil von mir immer noch genau damit kämpft. Wir sind so durch die Medien und unsere Kultur getrimmt, in Beziehungsstrukturen zu denken, dass Menschen, die sich außerhalb bewegen, oft von Selbstzweifeln geplagt sind.“

Was sind die häufigsten Missverständnisse, wenn es um Asexualität geht?

"Ich habe schon einige angesprochen: Wir entwickeln uns nur langsamer, wie haben die richtige Person nur noch nicht gefunden, wir haben Trauma erfahren, mit uns stimmt etwas physiologisch nicht, wir lügen, wir sind eingeschüchtert, uns hat man es nur noch nicht gut besorgt, wir sind emotionslos/gefühllos, wir sind eine komische pro-Zölibats Gruppe, wir sind Sex-negativ (eine Abneigung gegen Sex ist eine Entscheidung, also zählt das eh nicht).“

Wie ist deine Perspektive anders im Vergleich zu jemandem, der sich mit der dominanten Narrative in Bezug auf sexuelle und romantische Beziehungen identifiziert?

"Da ist diese Idee, dass wir einfach nicht verstehen, wie Anziehung funktioniert und wir nichts über Liebe und Sex wissen. Diese Idee ist falsch. Wir verstehen wahrscheinlich sogar mehr über die kulturellen Vorgaben, die es rund um Sex und Romantik gibt.

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Wir passen da nur nicht genau rein, wenn überhaupt, also beobachten und lernen wir aus dem Abseits. Nur können diese Lehren und Beobachtungen eben nicht ganz in unsere persönliche Erfahrung eingebunden werden.

Geschichten über Sex und Liebe gehen an uns nicht verloren. Sie fesselnd zu finden ist eine Reflexion der kulturellen Faszination.“

Bauer, 27

Wo befindest du dich auf dem Ace/Aro-Spektrum und was bedeutet das für dich?

"Ich bin asexuell; Ich bin potentiell ein bisschen grey. Das heißt, dass ich mich nicht sexuell von anderen angezogen fühle, ich habe dieses Bedürfnis nicht. Ich freue mich sehr darüber, nie wieder Sex haben zu müssen.“

Kannst du mir erzählen, wann du Freunden und Familie von deiner Asexualität erzählt hast und wie die Reaktionen waren?

"Meine Mutter sagte mir, dass Sex nicht immer schrecklich ist, und ich fand das so witzig. Es war das erste Mal, dass ich mit meiner Mutter über Sex gesprochen hatte, also war es im Grunde genommen das Gegenteil von dem, wie diese Gespräche normalerweise verlaufen.

Und meine Schwester hatte eine ganze Weile die Hoffnung, dass ich nicht wirklich asexuell war, weil sie nicht wollte, dass ich alleine ende.“

Was sind die häufigsten Missverständnisse, wenn es um Asexualität geht?

"Selbst wenn ich den Menschen, mit denen ich in einer sexuellen Beziehung war, endlich sagte, dass ich asexuell bin, hofften sie irgendwie immer, dass ich quasi da rein wachse.

Ich musste dann immer wieder erklären, 'Ich bin ausschließlich deinetwegen hier – das ist der einzige Grund, warum ich bei dieser Aktivität mitmache.‘

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Aber das reicht dem anderen Menschen oft nicht, weil den Partner zu befriedigen eben ein großer Teil des Sex ist. Ich wusste nicht, was für ein wichtiger Teil das sein kann, bis ich eben so tun musste, als würde es mir total gefallen.

Und darum war da immer diese Erwartung, dass ich da irgendwann Gefallen dran finde – aber das tat ich nie.“

Wie ist deine Perspektive anders im Vergleich zu jemandem, der sich mit der dominanten Narrative in Bezug auf sexuelle und romantische Beziehungen identifiziert?

"Es gibt viele Dinge, die ich gar nicht bemerke. Dinge, die mir einfach nicht auffallen. Ich muss mich dann immer daran erinnern, darauf zu achten, weil andere Menschen manche Dinge, die ich tue, als sexuell empfinden könnten.

Ich vergesse, dass mein Körper ein sexueller Gegenstand für andere ist, und dann werd ich darauf aufmerksam gemacht. Ich sehe das aber einfach nicht, weil ich es auch nicht will, und es gibt nicht viel, was ich dagegen tun kann.

Also ja, dieses plötzliche darauf aufmerksam werden, dass dein Körper ein sexuelles Objekt für andere ist, irritiert mich. Aber das könnte auch so oder so nervig sein.“

Julia, 24

Wo befindest du dich auf dem Ace/Aro-Spektrum und was bedeutet das für dich?

"Ich bin komplett asexuell. Keine sexuelle Anziehung. Auch wirklich so gut wie kein sexuelles Bedürfnis. Das ist nicht unbedingt ein Ace-Ding, aber definitiv ein Ich-Ding.

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Ich bin potentiell irgendwo auf dem aromantischen Spektrum, aber da bin ich mir im Moment nicht ganz sicher. Das ist sehr verwirrend, weil romantische Gefühle zu definieren so schwer ist, besonders wenn man nicht genau weiß, ob man sie jemals gefühlt hat.“

Kannst du mir erzählen, wann du Freunden und Familie von deiner Asexualität erzählt hast und wie die Reaktionen waren?

"Ich hatte wirklich Glück, weil die meisten meiner Freunde bereits wussten, was das ist, also gab es kaum komische Gespräche darüber, was Asexualität ist.

Die können sehr schnell echt ermüdend werden. Genau deshalb habe ich es meinen Eltern auch noch nicht erzählt, denn denen werde ich wahrscheinlich jedes Detail erklären müssen, und das ist kein Gespräch, auf das man sich freut.

Es gab eine komische Reaktion. Ich habe es meiner Mitbewohnerin im Vorbeigehen gesagt und sie sagte sowas wie, 'Ich wünschte ich wäre asexuell.‘

Und ich dachte mir nur, Das ist eine komische Reaktion. Ich glaube kaum, dass du das wirklich willst. Du willst nicht wirklich die Probleme haben, die ich habe.“

Was sind die häufigsten Missverständnisse, wenn es um Asexualität geht?

"Leute denken oft, dass wir uns das nur ausdenken, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich glaube, diese Leute denken auch nicht wirklich darüber nach, was sie da sagen, denn die Aufmerksamkeit die wir bekommen ist meistens: 'Oh so etwas gibt es doch gar nicht‘ oder 'Oh du denkst dir das nur aus.‘

Wer will denn bitte solche Aufmerksamkeit? Es macht für mich keinen Sinn, dass Leute das wirklich für einen Grund halten würden.

Und dann gibt es da Leute die denken, 'Oh, also bist du ein gefühlloser Roboter.‘“

Wie ist deine Perspektive anders im Vergleich zu jemandem, der sich mit der dominanten Narrative in Bezug auf sexuelle und romantische Beziehungen identifiziert?

"Ich wurde definitiv schon angeflirtet und habe es nicht bemerkt. Ich habe mich schon mit Leuten unterhalten und dann kam ich Stunden später nach Hause und dachte mir, 'Warte mal – hat der Typ mich angemacht? Mist!' Ich sehe das einfach nicht.

Und wenn es in Filmen romantische Spannungen gibt, erkenne ich das nicht. Ich kann es einfach nicht sehen. Ich bin mittlerweile ein bisschen besser darin geworden, aber das liegt nur daran, dass ich höre was andere Menschen über Anzeichen für romantische Spannungen sagen und dann denke ich, 'Ah,diese Charaktere schauen sich tief in die Augen. Das heißt sie mögen sich. Okay, jetzt sehe ich es.'

Aber das ist bei mir nicht instinktiv. Ich musste das lernen.“

Kristin, 21

Wo befindest du dich auf dem Ace/Aro-Spektrum und was bedeutet das für dich?

"Ich bin demi-romantisch und demi-sexuell, das heißt, dass ich sehr, sehr selten romantische oder sexuelle Anziehung verspüre, und dann auch nur, wenn ich der Person emotional sehr, sehr nahe stehe.“

Kannst du mir erzählen, wann du Freunden und Familie von deiner Asexualität erzählt hast und wie die Reaktionen waren?

"Ich hatte eine sehr unangenehme Erfahrung, als ich mich einem Freund gegenüber outete, zu dem ich mich romantisch und sexuell hingezogen fühlte. Diese Person wusste das also und hat sich entschieden, nur mit mir Sex zu haben, um mir zu zeigen, dass Sex gar nicht schlimm ist.

Aber er hat mir das erst im Nachhinein gesagt. Letztendlich hatten wir keinen Sex, aber wir haben rumgemacht, und danach sagte er mir, 'Ich wollte dir nur zeigen, dass Sex nichts Negatives sein muss.‘

Ich dachte mir nur, Ich weiß, dass Sex nichts Negatives sein muss. Du musst mir das nicht erst zeigen.“

Was sind die häufigsten Missverständnisse, wenn es um Asexualität geht?

"Man kriegt komische Reaktionen und viele denken, dass du bestimmt keine guten Erfahrungen mit Sex gemacht hast, oder gar keine, und dass du nur nicht weißt, was dir entgeht.

Und dann wollen sie eben manchmal die Dinge selbst in die Hand nehmen und denken es ist okay, dich quasi heilen zu wollen.“

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Wie ist deine Perspektive anders im Vergleich zu jemandem, der sich mit der dominanten Narrative in Bezug auf sexuelle und romantische Beziehungen identifiziert?

"Ich mag Mode und Make-up, aber es ist etwas sehr Persönliches. Es geht mir dabei nicht um andere Menschen. Ich habe mich noch nie geschminkt und ein Kleid angezogen und mir gedacht, 'Mmm ja, das wird vielen Leuten gefallen.'

Es geht um mich und nicht darum, wie andere mein Aussehen bewerten. Und manchmal fällt es mir extrem auf, weil ich ziehe mich dann an, wie ich mich eben anziehe, und ich gehe raus und sehe, das Menschen mich anstarren und ich denke dann immer, 'Habe ich was zwischen den Zähnen?'

Bei dem wie ich mich anziehe geht es mir nie darum, von anderen beachtet zu werden, oder dass jemand denkt, dass ich hübsch bin. Das ist gar nicht auf meinem Radar.“

Lina, 30

Wo befindest du dich auf dem Ace/Aro-Spektrum und was bedeutet das für dich?

"Ich denke, ich falle in eine Grauzone auf dem Ace-Spektrum, denn obwohl ich nie sexuelles Verlangen oder Anziehung empfunden habe, habe ich nichts gegen Sex oder bin davon angeekelt.

Zwar habe ich den sexuellen Aspekt bisher noch nicht in meinen Beziehungen erfahren, aber ich schließe nicht aus, dass ich es bei jemandem fühlen könnte.“

Kannst du mir erzählen, wann du Freunden und Familie von deiner Asexualität erzählt hast und wie die Reaktionen waren?

"Die Reaktionen waren unterschiedlich, aber ich habe es auch nicht vielen Leuten erzählt, denn ich denke, was ich im Schlafzimmer tue oder nicht tue, geht niemanden etwas an.

Die Reaktionen waren unterschiedlich, aber ich habe es auch nicht vielen Leuten erzählt, denn ich denke, was ich im Schlafzimmer tue oder nicht tue, geht niemanden etwas an.

Ich fühle mich sicherer mit online Freunden über meine Sexualität zu sprechen. Viele von ihnen identifizieren sich als queer oder irgendwo auf dem Ace Spektrum.“

Was sind die häufigsten Missverständnisse, wenn es um Asexualität geht?

"Dass ace sein bedeutet, dass man nie Sex hatte oder Sex abstoßend findet. Dass da etwas nicht in Ordnung mit der Person ist, oder dass man das 'fixen‘ kann.

Aber auch in der Ace Community habe ich schon gehört, dass du nicht wirklich ace bist, wenn du Sex hast – ein all-or-nothing Mindset – oder, dass Ace Menschen tugendhafter sind, weil sie eben nicht an etwas so niederem und fleischlichem wie sexuellen Gelüsten interessiert sind.“

Wie ist deine Perspektive anders im Vergleich zu jemandem, der sich mit der dominanten Narrative in Bezug auf sexuelle und romantische Beziehungen identifiziert?

"Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas mit meiner Persönlichkeit, oder meiner Sexualität zu tun hat, aber eine Beziehung zu führen war nie eine meiner Prioritäten.

Ich habe gedatet, ich war verliebt, ich habe geliebt, und obwohl ich denke, dass es der Gemeinsamkeit wegen schön wäre, einen Partner zu haben, war das nie etwas wonach ich gestrebt habe.

Das war für meine Familie immer ein Problem, weil sie die traditionelle Narrative über Heirat und Kinder kriegen sehr schätzen. Ich fühle mich, als würde ich die eigenartige Person in der Familie werden – die Tante/Cousine, die unverheiratet ist und nie einen Partner mitbringt.

"Wenn es um Labels geht, weil Sex für meine Identität eben keine wichtige Komponente ist, glaube ich nicht, dass ich ganz in die Queer-Community rein passe.“

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(ame)

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