Wieso die bittere Niederlage der Kurden im Irak jetzt sogar für die Gegner Kurdistans zum Problem wird

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KIRKUK
Wieso die bittere Niederlage der Kurden im Irak jetzt sogar für die Gegner Kurdistans zum Problem wird | Alaa Al-Marjani / Reuters
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  • Der kurdische Traum von Unabhängigkeit im Nordirak ist nach der Offensive Bagdads in die Ferne gerückt
  • Doch auch die Gegner eines unabhängigen Kurdistans werden unter dem Chaos in der Region leiden
  • Die Türkei muss sich auf ein Erstarken der PKK einstellen, auch der Konflikt um Öl wird noch heikel

Der Zusammenbruch kam unerwartet plötzlich.

Tage und wochenlang hatten kurdische Politiker, Soldaten und Aktivisten immer wieder ihre Entschlossenheit betont, für ihren unabhängigen Staat im Norden des Iraks zu kämpfen – egal, wie groß der Widerstand sei.

Doch als irakische Truppen und Kämpfer der schiitischen Miliz Haschd Schaabi in der vergangenen Woche auf die Öl-Hauptstadt Kirkuk vorrückten, zerbrach die Verteidigungslinie der Peschmerga in nur wenigen Stunden.

Was in den folgenden sieben Tagen folgte, lässt sich nur als völliger Kollaps beschreiben. Wie das Nahost-Magazin "Al-Monitor" analysiert hat, haben die Kurden 40 Prozent des Gebiets, das sie seit 2014 kontrollierten, verloren.

Der Jahrzehnte, ja Jahrhunderte alte Traum von der Unabhängigkeit, ist in nur sieben Tagen zum Albtraum geworden. Denn so groß der Wunsch nach Selbstbestimmung war, so uneinig waren die politischen Entscheider in kurdischen Autonomiegebiet über das "wie" und "wann" des eigenen Staates.

Am Ende brach die kurdische Erhebung vor allem wegen egoistischer Machtgelüste und einer Verschwörung zusammen. Selbst für einen der erbittertsten Feinde Kurdistans, die türkische Regierung in Ankara, könnte diese schicksalhafte Woche bittere Folgen haben.

"Barzanis verzweifelter letzter Versuch"


Für Masud Barzani, den Regierungschef der kurdischen Autonomieregion, sind es besonders niederschmetternde Tage.

Als die Kurden vor zwei Jahren das jesidische Sindschar vom IS befreiten, trat Barzani vor die Kameras und verkündete feierlich, dass nur die kurdische Flagge in Zukunft über der Bergregion wehen würde.

Nun haben irakische Soldaten hier ihre rot-weiß-schwarze Fahne gehisst. Es ist nur das offensichtlichste Symbol einer totalen Niederlage.

Immer mehr Kurden fordern von Barzani den Rücktritt – zuletzt auch die drittstärkste Kurdenpartei Gorran.

Kritiker werfen dem Parteiführer der KDP vor, das Referendum zur Unabhängigkeit nur ausgerufen zu haben, um seine eigene Position zu verbessern. "Es war sein letzter, verzweifelter Versuch seine Legitimität zurückzugewinnen", sagte ein kurdischer Politiker der "Washington Post".

Denn eigentlich hat Barzani bereits seit zwei Jahren kein Mandat mehr, 2013 war seine auf zwei Amtszeiten begrenzte Legislatur bereits vom Parlament außerkonstitutionell um zwei Jahre verlängert worden.

Trotz Zweifeln der zweitgrößten kurdischen Partei PUK entschied sich Barzani dazu, das Referendum durchzuführen, zur Not nur in den Regionen, in denen seine KDP die Geschicke kontrolliert.

Die Kurden sprechen von Verrat

Die Spaltung, die der Kurdenführer riskierte, war es wohl auch, die den Fall von Kirkuk ermöglichte. Teile der PUK, die dem Iran nahestehen, sollen mit der Zentralregierung ein Abkommen verhandelt haben, dass den Irakern eine kampflose Übernahme wichtiger strategischer Punkte in und um Kirkuk ermöglichte.

Vertreter der KDP dementieren, dass sie in das Geschäft involviert waren. Als irakische Soldaten Kirkuk besetzten, verweigerten zahlreiche Peschmerga den Kampf, selbst diejenigen, die den Deal nicht akzeptierten, mussten sich zurückziehen, weil sie bereits von eintreffenden Truppen umzingelt waren.

Viele Kurden sprechen von einem Verrat. Zahlreiche Beobachter warnen vor einem "kurdischen Exodus" aus den umstrittenen Gebieten wie Kirkuk.

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Kurdenführer Barzani nach dem Unabhängigkeits-Votum, Quelle. Reuters.

In der Türkei herrscht Sorge über den Iran – und die PKK

Die türkische Regierung hatte sich schon vor der Offensive demonstrativ hinter Bagdad gestellt. Schon vor dem Referendum hatte es aus Ankara geheißen, die kurdische Regierung werde einen “Preis zahlen”, wenn sie ihre Unabhängigkeit erkläre.

Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Regierung haben Angst vor einem Aufbegehren der kurdischen Minderheit in der Türkei – ebenso wie vor einem feindlich gesinnten Kurdenstaat vor der eigenen Haustür.

Denn: Kurdische Gruppen kontrollieren in Syrien und dem Irak derzeit einen Korridor, der sich beinahe vom Mittelmeer bis zur iranischen Grenze erstreckt.

Die Offensive Bagdads ist daher auch ein Anliegen Ankaras. Doch es ist mit Risiko verbunden. Zum einen würde von einer Schwächung der irakischen Kurden auch der schiitische Iran profitieren – kein klassischer Partner der sunnitischen Türkei.

Schon die Präsenz von Haschd Schaabi im Irak erregt in der Türkei die Gemüter – und lässt Forderungen nach einer verstärkten türkischen Militärpräsenz im Nordirak laut werden.

Zum anderen bietet das Chaos und die Uneinigkeit der Kurden im Nordirak einen perfekten Nährboden für militante Gruppen wie die PKK. Der Einfluss der Einheit, die von Ankara als Terrorgruppe eingestuft wird, wachse besonders unter jungen Kurden im Irak, analysiert “Al-Monitor” – besonders in Gebieten, die von der PUK verwaltet werden.

Was droht, ist eine Radikalisierung in der kurdischen Autonomiezone, die sich zuletzt politisch und wirtschaftlich an die Türkei angenähert hatte.

Das Öl-Problem

Auch ökonomisch vertiefte sich die Zusammenarbeit zwischen Erbil und Ankara. Jetzt, da die wichtigen Ölquellen bei Kirkuk wieder von der irakischen Regierung kontrolliert werden, gibt es für die Türkei vor allem offene Fragen.

Etwa die Hälfte der irakischen Ölexporte werden in Kirkuk gefördert. Für die Kurden, die ohne das Öl wirtschaftlich von Bagdad abhängig sind, ist der Verlust der Ölfelder fatal.

Doch auch für die irakische Zentralregierung könnten sich in der Folge der Rückeroberung Probleme ergeben. Denn bisher wird das Öl aus Kirkuk in die türkische Hafenstadt Ceyhan exportiert, erklärte der Nahost-Experte Ömer Özkizilcic von der Middle East Foundation (Ortadoğu Vakfı) in Ankara zuletzt in der HuffPost. Dafür muss es durch das kurdische Autonomiegebiet über die türkische Grenze gebracht werden.

Jabbar al-Luaibi, Öl-Minister des Iraks, warnte die Kurden zwar, den Export nicht zu behindern, doch die angespannte Lage macht einen direkten Transport in die Türkei hochbrisant.

Eine andere Option für Bagdad wäre ein Export in den Iran. Für die Türkei wäre dieser Ausschluss aus dem Ölhandel ein politischer Affront – und ein wirtschaftlicher Schlag.

Schon jetzt kommt es zu Ausfallerscheinungen. Am vergangenen Donnerstag flossen nur noch 196.000 Barrel Öl aus der Region um Kirkuk in die Türkei, statt wie gewohnt rund 600.000. Mehrere internationale Firmen, die der Kurdischen Regierung Vorauszahlungen geleistet haben, bangen laut “Bloomberg” um ihr Geld.

Die Kurden sind die Verlierer im Konflikt um Profit und Land. Doch ihre Gegner sind nicht automatisch die Gewinner.

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