Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden steigt – schon die Umsetzung bestehender Regeln könnte das ändern

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KINDERARMUT
Politiker schlagen bei der Armut von Alleinerziehenden Alarm - dabei müssten sie zuerst bestehende Regelungen umsetzen | Getty
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  • Aktuelle Zahlen zeigen: Das Armutsrisiko bei Alleinerziehenden hat sich in den letzten zehn Jahren erhöht
  • Verbände kritisieren, die Regierung ignoriere Verfassungsvorgaben "kontinuierlich"

Michaela Müller* hat ihren Glauben, dass es gerecht in Deutschland zugeht, schon lange verloren.

Sie ist alleinerziehende Mutter, arbeitet Vollzeit im Callcenter eines deutschen Großkonzerns in Brandenburg - und kann dennoch mit ihrem spärlichen Gehalt gerade einmal ihre Fixkosten decken.

Müllers Fall, den die Betroffene ausführlich in einem Blog-Beitrag für die HuffPost schildert, spiegelt die Lebensrealität fast jedes zweiten Alleinerziehenden wieder.

Ihr Armutsrisiko hat sich nach einem Bericht der "Saarbrücker Zeitung" in den letzten Jahren spürbar erhöht. 2016 verfügten 43,6 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe über entsprechend geringe Einkünfte. Im Jahr 2005 lag der Anteil noch bei 39,3 Prozent.

In regelmäßigen Abständen empören sich zwar Politiker über die Missstände, ändern tut sich bislang nichts - im Gegenteil. Dabei würde es laut Verbänden bereits helfen, die bestehende Rechtssprechung konsequent umzusetzen.

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"Mindestlohn reicht nicht einmal für einen Erwachsenen"

Die "Saarbrücker Zeitung" beruft sich für seine Angaben auf aktuelle Daten der Bundesregierung, die die Sozialexpertin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, abgefragt hatte.

Alarmierend: Demnach war auch deutlich mehr als jeder dritte Alleinerziehenden-Haushalt mit minderjährigen Kindern auf Hartz IV angewiesen. Der Anteil lag bei 36,9 Prozent. In absoluten Zahlen waren das 606.000 - knapp 42.000 mehr als 2005.

Erika Biehn ist vom steigenden Armutsrisiko bei Alleinerziehenden nicht überrascht. Die Bundesvorsitzende des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) sagt der HuffPost: "Diese Entwicklung basiert maßgeblich auf zwei Faktoren: Einerseits hat die Beschäftigung im Niedriglohn- und Mindestlohnsektor erheblich zugenommen. Andererseits können Alleinerziehende keinen Vollzeitjob aufnehmen ohne adäquate Kinderbetreuung."

Klar ist aus ihrer Sicht: "Auch generell ist die Zahl der Alleinerziehenden gestiegen."

Um die Probleme zu lösen, fordert Biehn - wie auch Linken-Politikerin Zimmermann - vor allem zwei Maßnahmen:

Die Kinderbetreuung muss ausgebaut werden - "sowohl in der Breite als auch zeitlich", erklärt Biehn. "Allein damit wäre vielen geholfen, sodass sie ihre Ausbildung beenden oder länger arbeiten können - damit könnten sie sich selbst aus der Armut befreien."

"Zudem muss der Mindestlohn adäquat erhöht werden. 8,84 Euro pro Stunde reichen nicht einmal für einen einzigen Erwachsenen", betont die VAMV-Chefin.

Regierung ignoriert die Verfassungsvorgaben

Der Deutsche Familienverband macht zudem noch ein anderes Problem aus. Bereits 2001 hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass es mit dem Grundgesetz nicht zu vereinbaren ist, dass diejenigen, die Kinder erziehen und betreuen mit demselben Geldbeitrag in der Sozialversicherung belastet werden, wie diejenigen, die keine aktive Verantwortung für Kinder tragen.

Doch weil die Regierung die Verfassungsvorgaben "kontinuierlich ignoriert", wie Siegfried Stresing, Vizepräsident des Deutschen Familienverbandes, erklärt, "sehen sich die meisten Eltern trotz harter Arbeit nicht in der Lage, ihre Kinder mindestens oberhalb der Grenze des existenzminimalen Lebensstandards zu erziehen."

Stresing fordert daher einen Kinderfreibetrag in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung.

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"Bundesregierung tut nichts"

Weitere Hürden warten in der freien Wirtschaft. "Alleinerziehende haben es besonders schwer auf dem Arbeitsmarkt", erklärte Linken-Politikerin Zimmermann der "Westdeutsche Zeitung".

Dabei seien diese zumeist gut ausgebildet. "Und sie beweisen tagtäglich, dass sie Mehrfachbelastungen stemmen können", bemerkt Zimmermann.

Buchautorin Christine Finke kennt die Probleme. In einem Beitrag für die HuffPost betont sie: "Ich bin nicht arm, weil ich faul bin. Sondern weil mich keiner mehr einstellt, aus Angst, dass ich wegen kranker Kinder ständig fehle."

Michaela Müller klagt, "die Bundesregierung tut nichts, um diesen Zustand (der Armut bei Alleinerziehenden) zu ändern".

Offen bleibt, ob eine mögliche Jamaika-Koalition dies ändern wird. Linken-Chefin Katja Kipping zeigte sich am Montag skeptisch, immerhin gaben die Grünen aber vor, etwas für die Abgehängten und gegen die Armut zu tun. "Das muss in Sondierungsgesprächen eine zentrale Rolle spielen", hatte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt in der vergangenen Woche betont.

"Das ist ein Anspruch, den wir haben an dieses Bündnis. Das ist ein Anspruch, von dem wir auch gar nicht abgehen können und wollen." Wenn die Grünen mitregieren, wollten sie nicht in vier Jahren noch sagen müssen: "2,5 Millionen Kinder leben in Armut und alleinerziehend zu sein, ist ein Armutsrisiko."

Ein hehres Ziel. Daran werden sich nicht nur die Grünen messen lassen.

* Michaela Müller möchte anonym bleiben, deshalb wurde der Name von der Redaktion geändert.

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(lp)

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