Kinder des Terrors: Verfassungsschutz warnt vor jungen Dschihadisten in Deutschland

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IS KINDER
Ein nicht identifizertes IS-Mitglied zeigt am im Sommer 2015 Kindern anderer K├Ąmpfer den Umgang mit einer Pistole an einem nicht genannten Ort in der Kunar-Provinz in Afghanistan | dpa
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  • Die Terroristen der IS-Miliz setzen auch auf Kinder: Sie indoktrinieren sie, schicken sie zum T├Âten
    • Experten f├╝rchten, dass bald viele deutsche IS-K├Ąmpfer in ihre Heimat zur├╝ckkehren
  • Und ihre Kinder mitbringen

Als der Junge auf den Abzug der Pistole dr├╝ckt, verzieht er keine Miene, er will keine Angst zeigen.

Die Waffe h├Ąlt er mit beiden H├Ąnden, die Arme durchgestreckt. Das gefesselte Opfer, ein Gefangener der IS-Terrormilz, kippt nach vorn. Der Junge schie├čt noch mal und noch mal, dann streckt er den rechten Arm mit der Pistole in der Hand nach oben und schreit "Allahu akbar".

Das Opfer verliert in diesem Moment sein Leben - und der Sch├╝tze seine Kindheit und Unschuld.

Als er abdr├╝ckt, ist er vielleicht 13 Jahre alt, so jung jedenfalls, dass in seinem Gesicht noch nicht einmal ein d├╝nner Flaum zu sehen ist. Ein Video der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat jedes Detail dieser Tat festgehalten.

Der IS setzt Kinder als M├Ârder ein

Der Film ist ein Beleg daf├╝r, wie kaltbl├╝tig die Terrormiliz Kinder f├╝r ihre Zwecke einsetzt. In IS-Propagandavideos tauchen Minderj├Ąhrige auch als K├Ąmpfer auf.

Zeitweise sollen die Extremisten sogar eigene Rekrutierungsb├╝ros eingerichtet haben, um Nachwuchs anzuwerben. Aber auch Kinder, die einer Rekrutierung entgingen, indoktrinierte der IS in Schulen mit seiner Ideologie.

Angst vor einer neuen Generation von Dschihadisten

Das weckt Sorgen, dass eine neue Generation von Dschihadisten entsteht, die die Miliz auch nach ihrer milit├Ąrischen Niederlage in Syrien und im Irak weiterleben l├Ąsst.

Und: Dass Kinder ausgereister deutscher IS-K├Ąmpfer in die Bundesrepublik zur├╝ckkommen k├Ânnten - radikalisiert, stramm radikal-islamistisch erzogen und traumatisiert.

Verfassungssch├╝tzer sch├Ątzen das als gro├čes Sicherheitsrisiko ein.

"Wir sehen die Gefahr, dass Kinder von Dschihadisten islamistisch sozialisiert und entsprechend indoktriniert aus den Kampfgebieten nach Deutschland zur├╝ckkehren", sagt Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maa├čen.

"Damit k├Ânnte auch hier eine neue Dschihadisten-Generation herangezogen werden." Dieses Risiko m├╝sse man genau im Blick haben.

Kommen die IS-K├Ąmpfer jetzt zur├╝ck?

Rund 950 Islamisten aus Deutschland sind ├╝ber die Jahre Richtung Syrien und Irak ausgereist, um sich dort dem IS anzuschlie├čen.

20 Prozent davon waren Frauen, 5 Prozent minderj├Ąhrig. Manche der Frauen reisten mit ihren M├Ąnnern - und Kindern - aus, andere brachten erst in den Kampfgebieten Kinder auf die Welt, Kinder von IS-K├Ąmpfern.

Der IS hat zuletzt riesige Gebiete in Syrien und im Irak verloren. Der Verfassungsschutz rechnet damit, dass aufgrund der Lage nun IS-Frauen mit ihren Kindern zur├╝ckkommen k├Ânnten.

Nadja R. will zur├╝ck nach Deutschland

Eine dieser Frauen soll Nadja R. sein: eine 31-J├Ąhrige, die laut Hessischem Rundfunk (HR) erst in S├╝ddeutschland, sp├Ąter in Hessen lebte und 2014 nach Syrien aufbrach, dort einen deutschen IS-K├Ąmpfer heiratete und mit ihm zwei Kinder bekam.

Sie m├╝ht sich nun, nach Deutschland zur├╝ckzukommen, mit Hilfe des Au├čenamts. Laut HR beteuert sie, sie sei nicht gef├Ąhrlich. Ist das glaubw├╝rdig? Und was ist mit ihren Kindern?

Anschlagspl├Ąne eines Zw├Âlfj├Ąhrigen

Gerade ├Ąltere Kinder seien durch den IS schon radikalisiert und in Syrien und dem Irak allt├Ąglichen Gewalterfahrungen ausgesetzt gewesen, warnen Verfassungssch├╝tzer. Diese Sozialisation k├Ânne durch den Einfluss salafistischer Milieus in Deutschland noch verst├Ąrkt werden. So k├Ânnten Dschihadisten der zweiten Generation heranwachsen.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Die Gotteskrieger aus der Fu├čg├Ąngerzone: Die Salafisten von "We love Muhammad"

Drei islamistische Terrorattacken in Deutschland im vergangenen Jahr gingen bereits auf das Konto von Minderj├Ąhrigen: die Messerattacke einer 15-J├Ąhrigen auf einen Bundespolizisten am Hauptbahnhof Hannover, der Bombenanschlag von zwei Jugendlichen auf ein Gebetshaus der Sikhs in Essen und der Axt-Angriff eines 17-J├Ąhrigen in einer Regionalbahn bei W├╝rzburg. Hinzu kam ein Anschlagsversuch auf den Ludwigshafener Weihnachtsmarkt - geplant von einem Zw├Âlfj├Ąhrigen.

Etwa 600 Deutsche sollen noch im IS-Gebiet sein

Der Gastgeber, Italiens Innenminister Marco Minniti warnte k├╝rzlich, dass entkommene IS-K├Ąmpfer nun vermehrt auf Fl├╝chtlingsrouten nach Europa zur├╝ckkehren k├Ânnten. Es gebe eine neue Lage.

Auch in Deutschland beobachtet der Sicherheitsapparat mit Sorge, ob nun vermehrt R├╝ckkehrer kommen. Bislang ist das noch nicht der Fall. Aber gesch├Ątzt um die 600 Islamisten aus Deutschland sollen noch in den IS-Gebieten sein. ├ťber die Jahre ist es allerdings schwerer geworden, dort herauszukommen.

Angesichts der R├╝ckschl├Ąge des IS in Syrien und im Irak setzt die Miliz schon seit l├Ąngerem darauf, durch Anschl├Ąge in Europa auf sich aufmerksam zu machen. Die j├╝ngsten Gebietsverluste versch├Ąrfen dieses Risiko.

Allerdings d├╝rften die Niederlagen in den Kampfgebieten auch die F├Ąhigkeit des IS eingeschr├Ąnkt haben, komplexe Terroranschl├Ąge zu ver├╝ben. Lange war die jetzt von einem kurdischen B├╝ndnis eingenommene Stadt Al-Rakka in Nordsyrien die Zentrale, in der die Dschihadisten solche Attentate planten. Mittlerweile fehlen dem IS die einstigen R├╝ckzugsr├Ąume, um gesch├╝tzt Terrorpl├Ąne zu schmieden. Zudem hat der IS einen Gro├čteil seiner Finanzressourcen verloren, seit seine Gegner etliche ├ľlquellen wieder eingenommen haben.

Ein Messer, ein Auto reichen f├╝r einen Anschlag

Was aber weiterlebt, ist die Ideologie der Dschihadisten. Unz├Ąhlige Helfer verbreiten sie ├╝ber soziale Medien ungefiltert in der ganzen Welt: ein stetiger Fluss aus Bildern und Videos, der sich kaum stoppen l├Ąsst und der ausreicht, um junge Menschen zu radikalisieren - nicht selten so stark, dass sie zu Attent├Ątern werden. Ein Messer, ein Auto reichen ihnen als Waffen aus, um andere zu t├Âten.

Und den n├Âtigen Nachwuchs hat sich der IS schon herangezogen.

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