An die Porsche-Cayenne-Mama, die mich neulich fast über den Haufen fuhr

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BERLIN BIKE
An die Porsche-Cayenne-Mama, die mich neulich fast über den Haufen fuhr | Paul Aguirre / EyeEm via Getty Images
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  • HuffPost-Autor Sebastian Christ wurde kürzlich fast von einer Mutter in einem SUV vom Fahrrad gefahren
  • Er nimmt ihr nicht übel, dass sie schneller zu Hause sein wollte als er
  • Aber er fragt sich, was die Liebe zu diesem Auto über unsere Gesellschaft aussagt

An die Porsche-Cayenne-Mama, die mich neulich fast über den Haufen fuhr:

Es war ein Tag Anfang Oktober - die Zeit, in der Berlin langsam beginnt, ein Arschloch zu sein.

Im Ernst, kaum jemand will in der kalten Jahreszeit freiwillig in Berlin leben. Das Licht in der Hauptstadt schummert dann wie in einem schlechten Horrorfilm aus den 50er-Jahren, und man verspürt nichts sehnlicher als den Wunsch, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

Genauso ein Tag war es, als wir uns begegneten. Ich war auf dem Fahrrad unterwegs, hatte gerade noch einige Besorgungen in Kreuzberg erledigt und kurvte gerade durch die engen Wohnstraßen von Prenzlauer Berg. Ich wohne da nicht mehr, die Sache mit den Mieten. Wenn man so will, war ich nur auf der Durchreise.

Du kamst von links in deinem schwäbischen Babypanzer. Ich hatte Vorfahrt, aber das ist im Berliner Straßenverkehr ohnehin eine ziemlich fragwürdige Feststellung.

Der Blick von oben - und von oben herab

Aus dem Augenwinkel konnte ich noch erkennen, dass du nicht alleine unterwegs warst. Auf dem Rücksitz, hinten links, saß deine Tochter, die einen Meter fünfzig über dem Asphalt auf die Welt um sich herum herabblickte.

Abgesehen davon, dass SUVs aus umweltpolitischen Gesichtspunkten eine Katastrophe sind, und dass du dir den Blick von oben für dich und deinen Nachwuchs mit einer Hypothek auf die klimapolitische Zukunft dieses Landes erkaufst:

Ist dir, liebe Cayenne-Mama, noch nie der Gedanke gekommen, in was für einem Land deine Tochter aufwachsen wird, wenn du ein Auto fährst, in dem du von dem Land so wenig mitbekommst?

Die Abschottung der Reichen sieht man auf der Straße

Es wird derzeit, auch im Zuge der AfD-Wahlerfolge, viel über die Spaltung der Gesellschaft diskutiert. Zugegeben, es ist schwer, solche abstrakten Vorgänge im Alltag sichtbar zu machen.

Aber wenn ich auf meinem Rad durch Berlin fahre, sehe ich kaum etwas auf den Straßen der Hauptstadt, das für mich so offensichtlich für die Abschottung der Reichen gegenüber den Armen steht wie die vielen Luxusklasse-SUVs, die man mittlerweile hier sehen kann.

suv berlin

Ein Porsche Cayenne, irgendwo in Berlin. Quelle: Gettystock.

Autos der "Nach-mir-die-Sintflut“-Klasse

Wobei man eigentlich sagen müsste, dass SUVs Autos der "Nach-mir-die-Sintflut“-Klasse sind. Der Verkauf von SUVs boomt. Immer noch.

Trotz aller Klimadebatten, trotz aller Erkenntnisse über die Risiken für die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer.

Ein Viertel aller neuzugelassenen Fahrzeuge sind mittlerweile überdimensionierte Blechkisten, in denen sich Menschen ohne den geringsten Willen zur Verantwortung gegenüber ihren Mitbürgern durch die Gegend bewegen.

Die Spaltung unseres Landes fängt nicht bei den Gehaltsabrechnungen und den Rentenbescheiden an. Sondern da, wo uns die Schwächeren und weniger Leistungsstarken in dieser Republik egal werden. Wo unser eigenes Ego wichtiger wird als das, was dieses Land zusammenhält.

Ein Bullerbü auf Rädern

Man sagt ja, dass SUVs das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrer erhöhen. Deswegen funktionieren sie ja so gut als Luxus-Autos: Man bekommt dafür nicht nur German Engineering und ein Statussymbol, sondern auch eine Menge Übersicht und den Eindruck von Geborgenheit.

Ich kann das nicht beurteilen, weil ich mir keinen Porsche Cayenne für den Preis eines Bauernhofs in der märkischen Provinz leisten kann.

Aber ich stelle mir vor, wie es ist, wenn man an einer engen Kreuzung einen Radfahrer von rechts kommen sieht, und dann schnell noch einmal röhrend Gas gibt, weil man fest davon überzeugt ist, das man vor allen anderen noch die andere Straßenseite erreicht.

Dieses Sicherheitsgefühl. Gerade in Berlin, man hört ja so viele schlimme Dinge in den Nachrichten, und überhaupt, das Jahr 2017.

Erst wird Donald Trump US-Präsident, und jetzt weiß man ja gar nicht mehr, ob nun er oder Kim Jong-Un zuerst auf den Knopf drückt.

Da ist so ein Cayenne natürlich ein Geschenk. Ein schwergewichtiges Bullerbü auf Rädern. Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Ich musste nicht mit dem Asphalt kuscheln

Keine Sorge. Ich bin zwar beim Bremsen auf dem ersten Laub dieses Herbstes abgerutscht. Doch ich habe ganz gute Reflexe und musste dieses Mal nicht mit dem Asphalt kuscheln.

Aber wie ich da so stand und versuchte, wieder auf den Pedalen Tritt zu finden, da beschäftigte mich der Gedanke an die ganzen anderen SUVs, die in Berlin und überall sonst in der Republik auf den Straßen unterwegs sind, irgendwie schon.

Mein Vater warnte mich noch vor den Lastwagen

Weißt du, liebe Porsche-Cayenne-Fahrerin: Mit dem Radfahren habe ich in den 1980er-Jahren in der westdeutschen Provinz angefangen.

Als mein Vater mir die Stützräder abmontierte, warnte er mich vor den Lastwagen. Die gab es zwar in der kleinen Wohnstraße, wo ich aufgewachsen bin, nicht sonderlich häufig. Aber wenn ich ihnen begegnete, sollte ich besonders gut aufpassen.

Die Fahrer säßen nämlich hoch über der Straße in ihrem Führerhaus, das müsse so sein, weil sie viele Tonnen Fracht transportierten. Manchmal aber verliere man von dort oben die Übersicht auf die Kleineren. In meiner Familie haben viele als Kraftfahrer gearbeitet.

Auch ich übrigens. Als ich in Bayern meinen Lkw-Führerschein gemacht habe, wollte mich mein Fahrlehrer in bestem Bayerisch auf sehr charmante Art und Weise daran erinnern, dass ich doch häufiger in den Rückspiegel schauen sollte, weil ich Verantwortung für die anderen Verkehrsteilnehmer trage.

Er sagte dann: "Depperter Saupreiß! Hättst fast a kloans Madl zsammgfahrn!“

Warum wollen so viele Deutsche auf andere hinunterschauen?

Was ich sagen will: Ich verstehe nicht, warum sich heute so viele Deutsche in ihren SUVs über den Straßenverkehr erheben wollen.

Was ist daran erstrebenswert, auf die Köpfe der anderen herabzublicken, wenn man das nicht unbedingt muss?

Womöglich fühlen sich gerade die wohlhabenderen Menschen in Prenzlauer Berg so unsicher, dass sie sich für ihre Kurzstreckenfahrten im Berliner Stadtgebiet einen übermotorisierten Geländewagen zulegen müssen, der ihnen in diesen wilden Tagen das Gefühl verschafft, die Dinge in der Hand zu behalten.

Überhaupt glaube ich, dass man über den Straßenverkehr mehr über ein Land lernen kann als aus den Politikteilen der großen Tageszeitungen.

Wenn viele Hunderttausend Menschen sich die Vorteile einer erhöhten Sitzposition sichern wollen, aber nicht bereit sind, die nötige Verantwortung dafür zu übernehmen: Dann läuft etwas schief in dieser Republik.

Das nehme ich dir übel, liebe Cayenne-Mama. Und nicht deinen Wunsch, womöglich schneller zu Hause sein zu wollen als ich.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(sk/ll)

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