Nato-Geheimpapier offenbart: Das Bündnis könnte im Ernstfall an seiner miesen Logistik scheitern

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Nato-Geheimpapier offenbart: Das Bündnis könnte im Ernstfall an seiner miesen Logistik scheitern | Ints Kalnins / Reuters
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  • Die Nato hat in Europa nach eigener Einschätzung massive logistische Probleme
  • Im Ernstfall wäre es schwierig, Personal und Material zum Einsatzort zu bringen

Stellt euch vor, es ist Krieg, und die Nato kommt nicht hin.

Glaubt man internen Nato-Dokumenten, dann ist das ein realistisches Szenario. Das Militärbündnis könnte seine Mitglieder im Ernstfall nicht wirksam verteidigen, weil die Logistik schlecht organisiert und aufgestellt ist. Das geht aus einem geheimen Papier des westlichen Bündnisses hervor, über das das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" am Samstag berichtet.

Was alles nicht klappt

Das Papier trägt den sperrigen Namen "Fortschrittsbericht über das verstärkte Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv der Allianz" und listet laut "Spiegel" massive Mängel auf:

Kommandostrukturen: Der Verantwortungsbereich des Nato-Oberbefehlshabers für Europa sei so aufgestellt, dass nicht einmal die speziell für solche Fälle gedachte Nato-Eingreiftruppe in der Lage sei, schnell und nachhaltig zu reagieren.

Gerät: Dem Bericht nach fehlen die Geräte, um schwere Kampfmittel wie Panzer zu transportieren – das betreffe Tieflader und Bahnwaggons, außerdem braucht es zum Transport Brücken, die das hohe Gewicht tragen können.

Sichere Nachschubwege: Der Nachschub über den Atlantik ist wichtig für einen Kriegsfall in Europa. Doch dort soll das russische Militär weit besser aufgestellt sein als die Nato.

Fehlende Übung: Das Magazin zitiert einen Nato-General, der sagte, nach dem Kalten Krieg habe man "das Bewegen von Truppen schlicht verlernt". Das ist umso bedenklicher, als die Nato zwar Truppen nach Estland, Lettland und Litauen verlegt hat, das aber bei einer Konfrontation mit Russland nicht reichen würde.

Bürokratie: Bevor Nato-Soldaten in den Mitgliedsländern Grenzen passieren dürfen, ist erst einmal Papierkram fällig. Es fehlen einheitliche Formulare. Und die Behörden können darauf bestehen, dass die Seriennummer jedes einzelnen Militär-Lkws oder Panzers aufgelistet wird.

So berichtet das US-Magazin "Defense One" , dass das zweite Kavallerieregiment der US-Streitkräfte im Rahmen einer internationalen Übung im Sommer mit einem Konvoi von Deutschland nach Georgien fahren sollte. In Rumänien saßen die Soldaten eineinhalb Stunden an der Grenze fest, bevor die Grenzer händisch die Papiere abgestempelt hatten und die Soldaten ausreisen durften.

US-General Steven Shapiro sagte dem "Spiegel", derlei Vorschriften seien auch im Kriegsfall nicht automatisch außer Kraft gesetzt.

Was nützt das Material, wenn es nicht an den Einsatzort kommt?

Das heißt: Selbst die besten militärischen und finanziellen Mittel nutzen der Nato wenig, wenn sie ihre Truppen samt Ausrüstung im Ernstfall nicht schnell dorthin bringen kann, wo sie gebraucht werden.

Die Nato weiß um die Mängel, die Kommandostrukturen werden reformiert. Doch das dauert.

Nato-General: Russische Invasion im Baltikum "sehr unwahrscheinlich"

Zwar rechnet derzeit kaum jemand mit einem großen Angriff Russlands auf europäische Staaten. Aber insbesondere die baltischen Staaten sehen mit Sorge, wie Russland seinen Einfluss nach Westen ausdehnt.

Der Kommandeur des US-Heeres in Europa, Ben Hodges, sagte jüngst zum Verhältnis der Nato-Staaten mit Russland: "Wir wollen die Tür für Russland offen halten - absolut." Es gebe einige Felder, "wo wir einander brauchen". Möglich sei etwa ein gemeinsames Vorgehen im Kampf gegen den Menschenhandel. "Und ich würde gern wieder Hockey spielen und zusammen üben", sagte Hodges.

"Aber Russland hat Gewalt angewendet, um die Grenze eines europäischen Landes zu verändern. Das war nicht akzeptabel", sagte er mit Blick auf die von Russland 2014 einverleibte ukrainische Halbinsel Krim.

Ziel bleibe es, Russland abzuschrecken, den osteuropäischen Verbündeten Sicherheit zu garantieren und die Interessen der USA zu schützen. Die Partner seien heute gut aufgestellt - mit trainierten und effektiven multinationalen Formationen, die über eine gute Infrastruktur verfügten. Mit Blick auf die Militärmanöver in den baltischen Staaten sagte Hodges, dass es wichtig sei, Präsenz zu zeigen. Eine russische Invasion im Baltikum bezeichnete er aber als "sehr unwahrscheinlich".

Mit Materia von dpa

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(lm)

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