Aus Protest gegen Polens Regierung hat sich ein Mann angezündet - die angespannte Situation droht zu eskalieren

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  • Mitten in Warschau hat sich am Donnerstag ein Mann aus Protest gegen die Regierung selbst verbrannt
  • Während regierungskritische Medien den Mann zum Helden verklären, warnen Beobachter vor einer möglichen Eskalation
  • So zeigt sich Politikwissenschaftler Bartosz Rydliński besorgt, dass "Menschen zu radikalen Schritten greifen könnten - inklusive der Erschießung von Politikern"

Der Mann brannte lichterloh.

Auf den Stufen vor dem Warschauer Kulturpalast, dem Wahrzeichen der polnischen Hauptstadt mitten im Zentrum, hatte sich der 54-Jährige am Donnerstagnachmittag erst mit einer brennenden Flüssigkeit überschüttet und dann angezündet.

Schwerverletzt brachten ihn Rettungskräfte ins Krankenhaus, er befindet sich noch immer in kritischer Verfassung. Zwar werde derzeit noch nach dem genauen Motiv des Mannes gesucht, wie Polizeisprecher Robert Koniuszy am Freitag erklärte.

Aber ein am Tatort hinterlassenes Schreiben gibt Hinweise: Der Mann aus der Nähe von Warschau setzte sich selbst in Brand, um gegen die von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) geführte Regierung zu protestieren.

Nach der Verzweiflungstat könnte die ohnehin angespannte Situation in Polen - wo derzeit Ärzte und Krankenhauspersonal für bessere Löhne auf die Straße gehen und es schon seit Sommer immer wieder zu landesweiten Großprotesten gegen eine umstrittene Justizreform kommt - weiter eskalieren.

Politikwissenschaftler warnt vor Eskalationsspirale

Genau das befürchtet die Warschauer Lokalpolitikerin Paulina Krystyna Piechna-Więckiewicz, die selbst Augenzeugin des Vorfalls war.

Und auch für Politikwissenschaftler Bartosz Rydliński zeigt der Fall, genauso wie die Selbstverbrennung im Jahr 2013, als sich ein Mann vor dem Büro des Ministerpräsidenten anzündete, dass sich "der politische Kampf in Polen auf einem sehr hohen und gefährlichen Level" befindet.

"Sowohl als Politologe als auch als polnischer Bürger bin ich sehr besorgt, dass weitere Menschen zu vergleichbar radikalen Schritten greifen könnten - inklusive der Erschießung von Politikern", sagt Rydliński, der an der Warschauer Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität forscht.

Heroischer Akt der Selbstverbrennung

Ein solcher Akt der Selbstverbrennung gilt in Polen - genauso wie in Tschechien - "als Symbol des Widerstands gegen eine repressive Macht", erklärt Rydliński der HuffPost.

Der Hintergrund: Um gegen das sozialistische Regime in Polen und den Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei im August 1968 zu protestieren, hatte sich Ryszard Siwiec, Philosoph und Ex-Soldat der polnischen Heimatarmee, im September 1968 inmitten der Zuschauer im vollbesetzten Warschauer Stadion Dziesięciolecia angezündet.

Nach der aktuellen Tat bedient der regierungskritische Publizist Jan Hartman in seinem Blog beim linksliberalen Magazin "Polityka" genau jene Gefühle.

Hartman dankt dem Mann und schreibt pathetisch: "Wenn dieser Mensch stirbt, bekommt unser schwerfälliger und ungleicher Kampf gegen das PiS-Regime ein neues Symbol und einen neuen Helden".

Protest gegen die Hassreden der Regierung

Wie Augenzeugen und auch die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" berichteten, hatte der Mann vor seiner Tat Flugblätter verteilt, deren Inhalt sich deutlich gegen die in Polen allein regierende PiS richtet.

So schrieb der Mann - der laut dem Radiosender RMF FM wegen Depressionen in Behandlung gewesen sei - darin: "Ich protestierte gegen diese Regierung und ihre freiheitsberaubenden Rechte, (...) ihre Hassreden und Fremdenfeindlichkeit (...), den Bruch der demokratischen Grundsätze und der Verfassung" sowie gegen die "Diskriminierung von Minderheiten, Frauen, Homosexuellen (und anderen LGBT) und Muslimen".

Sein Flugblatt endet mit der Drohung, PiS-Chef Jarosław Kaczyński und dessen "gesamte PiS-Nomenklatura (...) werden mein Blut an ihren Händen haben“.

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(ll)

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