Konkurrenz für Putin? Das halten Kremlkritiker von der Präsidentschaftskandidatur der "russischen Paris Hilton"

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SOBTSCHAK
Konkurrenz für Putin? Das denken Kremlkritiker über die Präsidentschaftskandidatin der "russischen Paris Hilton" | GETTY
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  • TV-Moderatorin Ksenia Sobtschak will bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in Russland antreten
  • Die Schlagzeilen zu Sobtschak in deutschen Medien klingen, es wäre sie eine echte Konkurrentin für Amtsinhaber Putin
  • Doch Kremlkritiker halten ihre Kandidatur für eine Inszenierung - und gehen hart mit der deutschen Berichterstattung ins Gericht

Die Schlagzeilen in vielen deutschen Medien waren ebenso einprägsam wie falsch:

"Eine 'Blondine in Schokolade' macht sich auf den Weg in den Kreml", schrieb das Magazin "Stern". Bei der Berliner "Tageszeitung" hieß es: "Wladimir Putin bekommt Konkurrenz". Und noch einmal bei "Stern": "Diese TV-Moderatorin will Putin bei der Präsidentschaftswahl herausfordern".

Eilige Leser, die nur die Überschriften ansehen, hätten so einen völlig falschen Eindruck von der Präsidentschaftskandidatur der "russischen Paris Hilton", Ksenia Sobtschak, bekommen, klagen russische Regimekritiker.

Für sie ist klar: Die Kandidatur ist eine Inszenierung – und viele im Westen fallen darauf hinein.

"Zirkus", "Betrug", "Big Brother"

Die Reaktionen der Kremlkritiker auf die Entscheidung der 35-jährigen Tochter von Wladimir Putins politischem Ziehvater, dem früheren Petersburger Bürgermeister Anatolij Sobtschak, fielen böse aus: "Zirkus", "Betrug", "Big Brother" oder "Zynismus" lauteten die Schlagwörter.

Die russischen Präsidentschaftswahlen finden im Frühjahr 2018 statt. Obwohl Putin sich offiziell noch bedeckt hält, bestehen keine Zweifel, dass er antritt und sich mit einem Sieg eine neue sechsjährige Amtszeit sichert.

Große Angst haben die Polit-Ingenieure im Kreml vor einer geringen Wahlbeteiligung – gerade, weil das Ergebnis schon vorab festzustehen scheint. Und auch, weil viele Russen die Wahlen für eine Farce halten. Bei der Duma-Wahl im vergangenen Dezember gaben nur 47,88 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab.

Kritik gegen "die da oben"

Schon in dem Video, in dem sie ihre Kandidatur ankündigte, vermeide es Sobtschak tunlichst, Putin selbst zu kritisieren, beklagt der Oppositionspolitiker Maxim Kaz. Das ehemalige IT-Girl, das sich hartnäckig gegen das Gerücht wehrt, Putin sei ihr Taufpate, adressiere ihre ganze Kritik am System unpersönlich auf ein abstraktes "sie" (was ins Deutsche am besten mit "die da oben" zu übersetzen wäre).

Obwohl die mit einem eher robusten Charme ausgestattete Sobtschak seit Jahren Putin kritisiert und zur Opposition gezählt wird, handle es sich um eine "Potemkinsche Kandidatur", glaubt auch Alfred Koch. Der frühere Vize-Premier von Russland mit deutschen Vorfahren war einst selbst in der Petersburger Politik aktiv und kennt die Akteure persönlich.

"Sobtschaks Kandidatur war eine Idee des Kremls, und wer von dem gebeten wird, sagt nicht nein in Russland", glaubt Koch, der heute einer der prominentesten Kritiker Putins ist und im Exil in Oberbayern lebt, im Gespräch mit der HuffPost.

"Einziges Ziel der Aktion ist, den Präsidentschaftswahlen wenigstens etwas den Anschein zu geben, als seien es echte Wahlen, und als gebe es eine Alternative", betont Koch. "In Wirklichkeit gibt es die nicht, Putins Sieg steht vorher fest."

Das demokratische Feigenblatt

Bei den vergangenen Wahlen 2012 habe der Milliardär Michail Prochorow diese Rolle als demokratisches Feigenblatt gespielt, so der frühere Vize-Regierungschef.

Genau das hatte Sobtschak selbst dem Unternehmer damals vorgeworfen. Prochorows Kandidatur sei mit dem Kreml abgestimmt worden, dort habe man begriffen, dass man für die Wahlen eine Alternative vorzeigen müsse, klagte sie damals auf Twitter.

Dass die Überschriften in vielen deutschen Medien zu Sobtschaks Kandidatur nun so klingen, als gäbe es echte Wahlen und eine echte Herausforderung für Putin, ärgert Koch: "Ich weiß nicht, ob viele Journalisten in Deutschland wirklich so blöd sind, oder ob sie die Leute absichtlich falsch informieren und den Eindruck erwecken, in Russland gibt es echte Wahlen."

"Sie haben das System Putin nicht verstanden"

"Die Redaktionen, die solche Überschriften auf die Artikel setzen, zeigen damit, dass sie überhaupt nicht verstehen, wie das System Putin funktioniert“, klagt auch Igor Eidman, russischer Soziologe und Regimekritiker im Exil in Berlin, im Gespräch mit der HuffPost: "Zu den Wahlen in Russland werden nur Kandidaten zugelassen, deren Teilnahme für den Kreml von Vorteil ist."

Die Korrespondenten vor Ort in Moskau seien sich in ihren Texten der Problematik von Sobtschaks Kandidatur durchaus bewusst und sprächen sie auch an, sagt der Soziologe.

Allerdings wünsche er sich von ihnen mehr Meinungsfreude: "Nur zu schreiben, die einen sagen so, und die anderen sagen so, und dann neutral in der Mitte stehen zu bleiben, wird den Herausforderungen, die ein autoritäres Regime an Berichterstattung stellt, nicht im Geringsten gerecht. Journalisten müssen gegenüber Unrecht, wie hier in Form von Schein-Wahlen, Position beziehen und Haltung zeigen."

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"Die Nieten sollen Putin heller erstrahlen lassen"

Allein die 300.000 Unterschriften zu sammeln, die für eine Zulassung zur Wahl notwendig sind, sei für Sobtschak ohne Hilfe von oben kaum möglich, erklärt Eidman, der früher selbst in Moskau als Wahlkampfberater tätig war.

Jeder Kandidat habe bei dieser inszenierten Show eine bestimmte Rolle spielen. "Sie alle erfüllen vor allem einen Zweck – als Nieten darzustellen, so dass der Stern von Putin vor ihnen als Hintergrund noch heller erstrahlt", so Eidman.

Die Rolle Sobtschaks in dieser Show sei es, das Interesse am Wahlkampf zu erhöhen und vor allem für eine höhere Wahlbeteiligung unter den jungen Wählern zu sorgen.

Eidmans Fazit fällt bitter aus: "Während sich die deutschen Medien freuen, dass ein neuer Fake-Kandidat ins Rennen geht, sitzt der einzige reale Gegenspieler Putins in Haft – Alexej Nawalnij".

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