Digitalexperte Boos: "Wir brauchen eine Willkommenskultur für digitale Innovationen"

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"Wir brauchen eine Willkommenskultur für digitale Innovationen" | Rawpixel via Getty Images
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  • Viele Deutsche machen sich Sorgen um die Folgen der Digitalisierung
  • Digitalchef Boos glaubt, die bevorstehenden Veränderungen werden zusätzliche Jobs schaffen
  • Er sagte der HuffPost: "Die Digitalisierung die größte Chance, die unser Land seit mehr als 100 Jahren hat"

Digitalisierung war eines der Schlagwörter im Wahlkampf. Es stand in großen Lettern auf Plakaten und wurde von den Spitzenkandidaten in große Hallen gerufen.

Seitdem hat sich die Euphorie um das Thema wieder gelegt: Über die Digitalisierung redet heute kaum jemand mehr.

Damit wollen wir uns nicht zufrieden geben. In einer mehrteiligen Serie spricht die HuffPost mit Experten, Tech-Pionieren und Politikern, um der Frage nachzugehen, was auf dem Weg in die Zukunft passieren muss.

Den Anfang macht Hans-Christian Boos, einer der bekanntesten deutschen Experten für künstliche Intelligenz. Boos ist Mitbegründer und CEO von Arago, einem Spezialisten für intelligente Automatisierung. Er fordert: “Wir brauchen eine Willkommenskultur für innovative, digitale Ideen und Innovationen”.

HuffPost: Herr Boos, FDP-Chef Christian Lindner hat kürzlich einen “Weltmeisterplan für die Digitalisierung” gefordert. Kommt das Thema in Deutschland jetzt in Gang?

Boos: Immerhin sprechen wir endlich über die Digitalisierung. Doch in der Regel bleibt es bei diesem Schlagwort. Allenfalls fordern Politiker noch den Ausbau der Glasfasernetze.

Ein Bereich, in dem Deutschland zurückfällt.

Richtig. Doch mit schnelleren Netzen allein ist es nicht getan. Hinter der Digitalisierung verbergen sich Technologien wie 3-D-Druck, Nanotechnik, Automatisierung, genetische Medizin und natürlich die künstliche Intelligenz - diese Technologien werden unsere Gesellschaft dramatisch verändern. Wir stehen vor einer Revolution vergleichbar mit der Zeit, in der das Automobil das Pferd als Transportmittel ablöste - in nur zehn Jahren. Die müssen wir gestalten.

Viele Menschen sehen da weniger die Chancen - sie haben vor allem Angst um ihren Job.  

Weil wir ihnen die Revolution nicht richtig erklären. Dabei ist es die Digitalisierung die größte Chance, die unser Land seit mehr als 100 Jahren hat. Das wichtigste Ziel ist es, jedem klar zu machen, dass er oder sie auch in Zukunft gebraucht wird.

Was antworten Sie Menschen wie Richard David Precht, die vor einer drohenden Massenarbeitslosigkeit warnen?

Das halte ich für gefährliche Panikmache. Denn das Gegenteil wird passieren: Technische Revolutionen haben immer dafür gesorgt, dass mehr Jobs entstehen.

Das mag sein, aber es sind immer auch alte Jobs verschwunden.

Die Menschen werden trotzdem gebraucht - zum Beispiel, um ihr Wissen und ihre Erfahrung an Maschinen weiterzugeben.

Ein Gedanke, der viele deprimieren dürfte.

Auf den ersten Blick vielleicht. Doch damit helfen die Menschen, ihr Wissen zu bewahren. Statt über die Risiken zu klagen, könnten Politik, Gewerkschaften und Wirtschaft Instrumente schaffen, die genau diesen Wissenstransfer organisieren: Mit staatlich geförderten Einheiten zum Beispiel, in denen Menschen daran arbeiten, ihre alten Jobs, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu digitalisieren. Ich glaube ohnehin, dass sich zu oft die Falschen Sorgen über die Zukunft ihrer Jobs machen.

Warum?

Bislang galt: Je spezialisierter ich bin, desto sicherer ist mein Job. Das ist vorbei. Denn je spezialisierter ein Job ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass ihn ein Computer übernehmen kann. Spezialisierung ist die Stärke von Maschinen. Das trifft dann Ärzte, Banker, Analysten...

Ärzte? Ernsthaft?

Schauen Sie sich an, was viele Ärzte - vor allem in Kliniken - heute tun: Sie analysieren Röntgenaufnahmen, Blutergebnisse und Gewebeproben und entscheiden basierend darauf über Therapien und Medikamentendosen. Für solche Tätigkeiten sind Maschinen perfekt. Sie können in Sekundenbruchteilen Millionen von Datensätze abrufen zum Vergleich abrufen, sind präziser und werden nicht müde. Das israelische Startup Zebra lässt Algorithmen zum Beispiel Röntgenaufnahmen analysieren - mit beeindruckenden Ergebnissen. Anderswo analysieren Computer Vital-Werte von Frühchen, um Komplikationen vorherzusagen.

Ärzte kümmern sich nebenbei noch um Patienten.

Das machen Krankenschwestern und Pfleger viel intensiver, vielleicht müssen sich auch Ärzte in diese Richtung entwickeln. Ärztliche Spezialisierung spielt dann eine geringere Rolle, sondern eher die Spezialisierung als guter Mensch. Das kann sobald kein Computer ersetzen.

Es werden aber auch viele einfache Jobs wegfallen. In manchen Supermärkten werden jetzt schon Kassierer durch Automaten ersetzt, an Flughäfen checken Computer die Passagiere ein, im Internet beraten mich Algorithmen, bald schon liefern Paketroboter Bestellungen aus - sogar die Passkontrolle übernehmen Maschinen.

Das ist aber nicht Teil der digitalen Revolution, sondern die Weiterführung der Industrialisierung. Bisher war die Devise immer, Effizienzen gerade beim Kundenkontakt zu heben. Bereits jetzt kann man aber sehen, dass Konsumenten in einer digitalisierten Welt wesentlich umkämpfter sind und ich gehe fest davon aus, dass wir mehr und mehr in persönlichen Service investieren werden. Einfach weil Unternehmen sonst Kunden verlieren werden. Menschen kaufen lieber einem Menschen - statt mit einem Bot zu chatten. Der Mensch als die Schnittstelle zu anderen Menschen wird mit großer Macht zurückkommen.

Welche Jobs haben eine Zukunft?

Schauen Sie sich einfach die Schwächen von Computern an: Betreuung, Pflege, Erziehung, Coaching - mit Empathie und zwischenmenschlichen Beziehungen scheitern Computer. In diesen Feldern werden neue Jobs entstehen. Darüber hinaus sehe ich Wachstum in kreativen Berufen, in Feldern, in denen Menschen über den Tellerrand schauen. Das können Computer nicht. Drittens Erfinder und Innovatoren, die sich mit bestehenden Verhältnissen nicht abfinden wollen. Doch die vielen Chancen sehen die meisten Deutschen nicht.

Wie erklären Sie sich das?

Politik und Medien wiederholen Ängste immer wieder und verstärken sie dadurch. Stattdessen sollte eine neue Bundesregierung sich zum Ziel setzen, einen greifbaren, nachvollziehbaren Fahrplan in diese digitale Zukunft zu entwickeln. Wir müssen endlich konkret werden.

Dann lassen Sie uns das tun. Was wäre so ein Ziel?

Dass in fünf oder zehn Jahren alle in Deutschland hergestellten Autos autonom fahren können.

Beim besten Willen: Das ist nicht realistisch.

Wir müssen uns ehrgeizigere Ziele setzen, sonst werden wir diesen Wettlauf nicht gewinnen. Im Übrigen ist die Technik für selbstfahrende Autos schon weiter als viele ahnen - aktuell behindern Gesetze die Entwicklung.

In dem Feld gibt es tatsächlich viele offene Fragen. Wer ist Schuld, wenn ein autonom fahrendes Auto ein Kind überrollt?

Die Frage müssen wir klären. Gleichzeitig sollte uns die Debatte nicht daran hindern, die Technik voranzubringen. Mein Vorschlag: Regeln Sie nicht das selbstfahrende Auto so, dass es einen Fahrer braucht, sondern so, dass es selbst fahren kann und die Haftung klar bei den Herstellern liegt.

Aber bestimmte Haftungsfragen können wir nicht den Herstellern überlassen. Nehmen Sie an, das Auto muss ausweichen und entscheiden, ob es entweder ein Kind oder zwei Rentner überfährt.

Das sind wichtige Fragen, die wir klären müssen. Trotzdem sollten wir nicht versuchen, die Zukunft zu regeln, bevor sie stattfindet. Eine Entscheidung, wie Sie sie hier ansprechen kann kein Mensch treffen, warum muss eine Maschine das tun? Maschinen verursachen weniger Unfälle als Menschen, also im Ganzen kommen weniger Menschen zu Schaden. Lassen sie uns die Dinge doch erst einmal entwickeln, dann testen und am Ende regulieren. Würde der legendäre Mediziner Robert Koch heute noch leben, er wäre mit seiner Arbeitsweise schon nach einem Tag im Knast. Andere Länder sind da wesentlich offener.

Die alte Leier.  

Ja, aber die Lage ist problematischer denn je: Bei dem wichtigen Thema Künstliche Intelligenz ist Europa stark in der Grundlagenforschung. Doch die USA und zunehmend China machen aus unserer Forschung kommerzielle Erfolge. Mit unseren Steuermitteln finanzieren wir den wirtschaftlichen Erfolg anderer Länder. Und schlicht deshalb, weil die Menschen dort viel eher bereit sind, neue Dinge zu testen und Risiken einzugehen. Vor allem die Chinesen sind hungrig auf neue Ideen und Innovationen, die ihr Leben verändern.

Ich frage mich, ob die Ursache dafür die alternde Gesellschaft in Europa ist, in der die meisten den größten Teil ihres Lebens schon hinter sich haben?

Das könnte ein Grund sein. Gleichzeitig zeigen aktuelle Umfragen, dass viele Deutsche das Thema Digitalisierung positiv sehen. Ich glaube, uns fehlt vor allem ein konkreter und gleichzeitig ambitionierter Plan - und ein Ziel, das die Menschen begeistert, die Fantasien von Innovatoren beflügelt und die Unternehmen dazu anregt, zu investieren. Das wünsche ich mir von einer neuen Bundesregierung.

Was passiert, wenn wir es jetzt nicht hinbekommen?

Dann wird Deutschland in zehn Jahren nicht mehr in der G8 sein und wirtschaftlich keine Rolle mehr spielen. Ich will aber nicht so negativ sein. Denn ich bin davon überzeugt, dass wir gerade im Feld der künstlichen Intelligenz, zum Beispiel beim autonomen Fahren gewinnen können. Wir haben ein sehr gutes Bildungssystem, viele innovative Unternehmen und letztlich den Ehrgeiz, weltweit mitzuspielen.

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(lp)