"Das ist eine Milchmädchen-Rechnung": Experte nimmt Merkels Afrika-Plan auseinander

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  • Ein Experte fällt ein vernichtendes Urteil über den Afrika-Plan der Bundesregierung
  • Statt Fluchtursachen wirksam zu bekämpfen, unterstütze Berlin korrupte und autokratische Staaten
  • Das Fazit des Experten über den "Marshall-Plan" für Afrika seht ihr auch oben im Video

Die Bundesregierung hat die Herausforderung erkannt. Vom "Marschall-Plan" für Afrika ist oft die Rede, wenn es darum geht, eine Antwort auf die Krisen des afrikanischen Kontinents zu finden. Mit Investitionen sollen Fabriken gebaut und Jobs geschaffen werden.

Doch Experten halten die Maßnahmen der deutschen und anderen europäischen Regierungen für ungenügend. Er habe gleich Bedenken gehabt, "dass das eine Milchmädchenrechnung ist", sagte der Schriftsteller und Reporter Hans Christoph Buch im Gespräch mit der deutschen Tageszeitung "Welt".

Denn um den Plan umzusetzen, müssten die Regierungen der Industriestaaten mit zweifelhaften Regierungen in Afrika zusammenarbeiten. "Und wenn man korrupten Regierungen Geld und Hilfe anbietet, werden die Verhältnisse nicht unbedingt besser", warnt Buch. "Vor allem die Flüchtlingsströme lassen dann nicht nach."

Niemand will wahrhaben, wie groß die afrikanische Krise ist

Afrika stecke in einer Krise, deren Ausmaß niemand wahrhaben wolle, sagt der Autor des Buchs "Black Box Afrika". Tatsächlich zeigen allein schon ein paar wenige Zahlen, wie groß die Herausforderungen sind:

Allein in Subsahara-Afrika werden bis 2050 800 Millionen junge Männer und Frauen auf den Arbeitsmarkt drängen.

Die Bevölkerungszahl wird sich auf dem Kontinent laut Prognosen bis 2050 von einer auf zwei Milliarden Menschen verdoppeln.

Allein im Jahr 2015 mussten 2,4 Millionen Afrikaner vor Krieg und Gewalt flüchten.

Buch alarmiert vor allem, dass die meisten Regierungen in Afrika korrupt oder autokratisch seien. Der Kontinent versinke in einem "Sumpf der Korruption". Und die europäischen Regierungen würden nun diese Regierungen mit Investitionen weiter fördern.

"Wir alimentieren Regimes, vor denen gerade die Leute weglaufen. Die fliehen, weil sie keine Chance haben in Staaten, die von einer Ethnie oder Partei zu einem Selbstbedienungsladen gemacht worden sind", sagt Buch.

"Merkel behandelt die Krise als Algebra-Problem"

Auch das renommierte US-Magazin "Foreign Policy" widmete sich kürzlich in einer mehrteiligen Serie der europäischen Afrika-Politik. Das Urteil der Autoren fiel vernichtend aus. Die Regierungen würden kurzsichtig handeln und die humanitären Krisen vor ihren Toren verschärfen.

"Europäische Staats- und Regierungschefs, inklusive Merkel, behandeln die Krise primär als Problem politischer Algebra", kritisierten die "Forein Policy"-Autoren.

Ein anonymer Mitarbeiter des Bundesentwicklungsministeriums gestand im Gespräch mit dem Magazin über den "Marschall-Plan": "Wir haben genau diese Hilfe seit Dekaden geleistet. Jetzt packen wir ein neues Schild drauf, nennen es Marshall-Plan und tun so, als ob wir damit das Migrations-Problem lösen. Es hat auch früher nicht geklappt."

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Das müsste Europa tun

Dabei gebe es schon heute gute und sinnvolle Projekte, sagt Schriftsteller Buch gegenüber der "Welt". Allerdings seien viele Projekte immer noch eher Symbolpolitik - und keine echte Hilfe für die Menschen vor Ort.

Er fordert, den Kampf gegen Fluchtursachen ernsthaft anzugehen. Außerdem rät er den europäischen Staaten:

Menschen in Afrika sollten die Chance haben, schon in ihren Ländern einen Visumsantrag zu stellen.

Die EU und die UN müssten Lager für Asylsuchende einrichten, in denen die menschenwürdige Zustände herrschen.

Was bleibt, ist die Hoffnung

Zumindest die Asylanträge will die EU zukünftig auch schon in Afrika ausstellen lassen. Das sagte der französische Präsident Emmanuel Macron im August auf dem EU-Migrationsgipfel in Paris.

Bundeskanzlerin Merkel verfolgt zugleich weiter den Plan, die Mittelmeer-Route für illegale Asylsuchende zu schließen - und akzeptiert damit auch Lösungen wie die Zusammenarbeit zwischen Italien und Libyen. Dabei berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder von den schrecklichen Zuständen in den libyschen Flüchtlingslagern.

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Buch zeigt sich am Ende des Gesprächs mit der "Welt" ratlos. "Ich bin immer wieder in Afrika gewesen und denke stets aufs Neue darüber nach: Was kann man machen, wie kann man Fehler der Vergangenheit vermeiden?" Ein Patentrezept gebe es jedenfalls nicht.

Seit die afrikanischen Staaten sich von den Fesseln des Kolonialismus befreit hätten, sei die Lage nicht besser, sondern eher schlechter geworden. Was bleibe, sei die Hoffnung, dass sich die Situation doch noch wendet.

"Hoffnung gibt es immer. Vielleicht sieht es schon in ein paar Jahren besser aus, wer weiß das", lautet das Fazit des Experten.

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(sk)

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