Aus- und Rücktrittswelle nach Petry-Weggang in der AfD: "Der Rechtsruck ist nicht mehr aufzuhalten"

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  • Nach dem Rücktritt von Parteichefin Frauke Petry hat die AfD eine Welle von Aus- und Rücktritten von Funktionären erfasst
  • In der HuffPost melden sich sechs von ihnen zu Wort - und warnen vor einem Rechtsruck in der Partei

Noch vor wenigen Wochen erlebte die AfD ihren größten Triumph.

Mit einem zweistelligen Ergebnis zog die Partei als drittstärkste Kraft in den Bundestag ein.

Doch die Euphorie ist bei einigen Mitgliedern offenbar schnell verflogen. Die Partei erlebt einen bemerkenswerten Aderlass.

Seit dem Rückzug der früheren Parteichefin Frauke Petry schmeißen quer durchs Land einfache Mitglieder wie auch hochrangige Funktionäre hin.

”Strukturen einer Sekte”

Die HuffPost hat mit sechs von ihnen gesprochen.

Einige machen sich Sorgen vor einem weiteren Rechtsruck der AfD, andere haben schlicht Angst vor Angriffen - sowohl aus der Partei selbst wie auch von AfD-Gegnern. Und wieder andere zeigen sich entsetzt, was für ein Monster sie geholfen haben zu schaffen, weil die Partei längst Strukturen einer Sekte habe.

Diese Aussagen zeigen die Zerrissenheit der AfD. Sie erinnert Beobachter an die Austrittswelle nach dem Weggang von Parteigründer Bernd Lucke. Und doch gibt es gewaltige Unterschiede zu damals.

"Die Partei wird häppchenweise zur Ader gelassen", sagt Werner Patzelt, Politologe an der TU Dresden. Statt einem Massenaustritt wie 2014, als 5000 AfD-Mitglieder innerhalb kurzer Zeit die Partei verließen, verliefe die Austrittswelle nun "tröpfchenweise".

Hinzu komme, dass "jeder Austritt öffentlichkeitswirksam erfolgt, weil hochrangige Funktionäre zurücktreten - und nicht nur einfache Mitglieder."

Im Gespräch mit der HuffPost erklären die Frustrierten ihre Beweggründe. Einige wollen Petry folgen, andere fürchten einen weiteren Rechtsruck und wieder andere wurden persönlich bedroht und angegriffen.

"Dafür wollte ich nicht länger meinen Namen hergeben"

neppe

Frank Neppe

So wie Frank Neppe, nordrhein-westfälischer Landtagsabgeordneter.

Am ersten Montag im Oktober schleuderten Unbekannte einen Stein gegen Neppes Haus und in die Fensterscheibe des Autos seines Sohnes. Neppe vermutet dahinter einen Anschlag aus linken Kreisen.

"Da wurde mir bewusst, was einige führende Parteifunktionäre mit ihren rechten Äußerungen verursachen", sagt Neppe im Gespräch mit der HuffPost.

Vier Jahre habe er für die Partei gelebt. Von morgens bis abends habe er nichts anders gemacht als AfD. Aber "dafür wollte ich nicht länger meinen Namen hergeben."

Neppe steht zwar nach wie vor zum AfD-Programm.

"Womit ich aber nichts zu tun haben will, sind die Aussagen und Auftritte der Höckes, Tillschneiders und Maiers der Partei", sagt er. "Jetzt raus zu sein, ist bitter. Aber so ging es nicht mehr weiter."

Neppe hat eine neue politische Heimat gefunden: Petrys "Blaue Wende", deren erste Fraktion sich in Iserloh gründete.

"Schlimmer als die Angriffe von außen ist der Beschuss von innen"

nahlob

Ralf Nahlob

Ralf Nahlob trat in der Woche nach der Bundestagswahl von seinem Vorstandsposten im sächsischen Landesverband und als Schatzmeister der AfD-Jugendorganisation zurück. Außerdem verließ er die AfD.

"Schlimmer als die Angriffe von außen ist der Beschuss von innen", sagt er heute.

Wie Petry in der Partei "erbarmungslos abgeschossen" wurde, habe ihn schockiert. Auch er wurde verbal angegriffen, etwa von dem Abgeordneten Jens Maier, der für Sachsen in den Bundestag eingezogen ist.

"Der Mann ist bekennend homophob und hat mich das in Postings auf Facebook immer wieder auf widerlichste Art und Weise spüren lassen", sagt Nahlob.

Meier sei obendrein ein "waschechter NPD-Fan". In Reden äußerte er Verständnis für den Rechtsterroristen Anders Breivik und spricht von "Mischvölkern".

Durch Politiker wie Maier stehe die Partei nun vor einem "Rechtsruck, der durch die Firewall von Petry nicht mehr aufgehalten werden kann", sagt er. "Sachsen wird jetzt stramm rechts".

Die AfD habe in den vergangenen Jahren tausende gescheiterte Existenzen, Querulanten und Pöbler angezogen und ähnlich viele gemäßigte Mitglieder verloren.

"Das war ein Austausch, von dem sich die Partei nie wieder erholen wird", sagt Nahlob. Den Landesverband mutiere etwa zu einem "Höcke-Fanclub", der dem Flügel gehorcht.

"Bin fassungslos darüber, was ich miterschaffen habe"

hartung

Thomas Hartung

Die Gründungsurkunde von Höckes Flügel trägt auch die Unterschrift von Thomas Hartung. In der Woche nach der Bundestagswahl ist er von seinem Posten als sächsischer AfD-Vize zurückgetreten.

Eine Personalie, die für Aufsehen sorgte. Hartung gründete den Landesverband, galt bis dahin als einflussreicher Strippenzieher in der Partei, in der er von nun an als einfaches Mitglied arbeitet.

Der Flügel sollte die Partei thematisch öffnen - die AfD sah man zu sehr auf den Euro verengt.

"Wenn ich mir heute anschaue, was daraus geworden ist, bin ich fassungslos, was ich miterschaffen habe." Diese "Höckesche Bewegung" beschreibt er als eine Truppe, "die sich selbst radikalisiert, die logischen Argumenten nicht mehr zugänglich ist."

Für Hartung ist diese Strömung unvereinbar mit seinen Vorstellungen der AfD - er will, dass seine Partei nach der Landtagswahl 2019 in der Regierung sitzt.

Der Flügel hingegen sieht die Partei in der Fundamentalopposition. "Weil diese Strömung gerade den Ton angibt, bin ich von meinem Posten zurückgetreten", sagt er.

Die AfD verlassen, das kommt für Hartung aber nicht in Frage. "Lieber bleibe ich in der AfD, als sie rechten Spinnern wie Höcke & Co. zu überlassen", sagt er. "Ein Austritt wäre jetzt feige."

Er hofft auf die "Alternative Mitte", die sich vor wenigen Wochen gründete. Petrys "Blauer Wende" hingegen räumt er wenig Chancen ein. "Ich sehe derzeit nicht, dass diese Gruppe Erfolg hat", sagt er.

"Mit diesem Politikstil kann ich nichts anfangen"

kersten

Andrea Kersten

Auch die Landtagsfraktion in Sachsen erlebte einen nie dagewesenen Aderlass. Von vormals 14 AfD-Parlamentariern sind noch neun übrig.

Davon kann die Abgeordnete Andrea Kersten berichten, die der Fraktion gemeinsam mit Petry, dem Vogtländer Gunter Wild, dem früheren AfD-Generalsekretär Uwe Wurlitzer und der Abgeordneten Kirsten Muster den Rücken kehrte.

Kersten trat zurück, weil sie sicher ist, dass sich die AfD ohne Petry von radikalen Äußerungen nicht mehr distanzieren wird.

"Die radikalen, abseitigen und von der Programmatik der AfD nicht gedeckten Äußerungen einzelner Politiker der AfD kann und will ich nicht mittragen", sagt sie. Mit diesem Politikstil könne sie nichts anfangen.

"Die AfD hat sich damit auf viele, viele Jahre der Möglichkeit beraubt, koalitionsfähig zu sein."

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Situation ähnlich. Seit der Bundestagswahl ist eine regelrechte Erosion des bürgerlichen Flügels des Landesverbands zu beobachten.

Mit Bernhard Wildt verließ einer der beiden Landessprecher die Partei. Und vier der 18 Landtagsabgeordneten kehrten der Fraktion und anschließend auch der Partei den Rücken, weil sie ihnen zu weit nach rechts gerückt war. Sie gründeten die Fraktion "Bürger für Mecklenburg-Vorpommern".

"Die Partei ist wie eine Sekte"

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Matthias Manthei

Einer von ihnen ist der frühere Amtsrichter und spätere Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion, Matthias Manthei.

"Die Partei ist wie eine Sekte", sagt er über die AfD, die bei der Landtagswahl zweitstärkste Kraft hinter der CDU wurde.

"Jede Kritik von Außen wird abgeblockt, man schottet sich vollständig ab." Kritische Berichte der Medien seien Lügen, Analysen von Politologen Meinungen von "Systemwissenschaftlern".

So mutiere die Partei zu einem Sammelbecken für Radikale und Verschwörungstheoretiker.

Manthei erinnert sich daran, wie er vor einem Jahr einen Parteitag abbrechen musste, weil ein Mitglied sich hinstellte und den Parlamentarismus in Frage stellte und zum Widerstand aufrief.

"Dass ich so etwas sogar schon in einer Bewerbungsrede für einen Kreisvorsitzenden höre, hätte ich nicht erwartet", sagt er.

Es gebe viele Mitglieder in der Partei, die "nicht etwas Neues wollen, sondern in der Vergangenheit leben". Nach dem Scheitern der NPD sei die AfD eine "neue Plattform" für sie geworden. "Jeder, der drin bleibt, muss sich fragen, ob er solche Radikale hoffähig machen will", sagt Manthei.

"Die Mitte wurde massiv bekämpft"

borschke

Ralf Borschke

Mit ihm ist Ralf Borschke ausgetreten. Anders als Thomas Hartung glaubt er nicht mehr daran, dass sich die Mitte in der AfD durchsetzen kann.

"Man sagt immer, eine Partei muss zwei Flügel haben. In der AfD aber ist Höckes Flügel erstarkt und der andere wurde massiv bekämpft", sagt er.

Nachdem sich der Anklamer Kreis - eine Gruppierung von gemäßigten AfD-Mitgliedern - gegründet habe, wurde die Gruppe sofort bekämpft, bis hin zu persönlichen Angriffen.

Seine Hoffnung, dass die AfD eine rechtskonservative Kraft neben der CDU werden könne, hat Borschke deswegen aufgegeben.

Er spricht von einem Rechtsruck, als dessen Höhepunkt er die Wahl von Thomas de Jesus Fernandes zum Kandidaten der AfD für das Schriftführeramt des Landtags beschreibt.

"Damit stellte sich die Fraktion hinter jemanden, der im gleichen Chat wie Holger Arppe aktiv war und diesen mitgetragen hatte", sagt Borschke.

In den Protokollen, die vor gut drei Wochen an die Öffentlichkeit gerieten, hetzt der AfD-Politiker Arppe gegen anderen Politikern ("aufs Schafott schicken") und offenbart pädophile Gedanken.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

(ll)

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