Ein Arzt warnt: "Zur mir kommen immer mehr Menschen, die in Moscheen missbraucht wurden"

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MOSCHEE
Moslems beim Mittagsgebet am Tag der offenen Moschee (Symbolbild) | dpa
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  • Ein Arzt berichtet von einer steigenden Zahl an Patienten, die als Kinder in Moscheen sexuell missbraucht wurden
  • In einem dramatischen Appell fordert er mehr Hilfe für die Opfer

2011 vergeht sich ein junger Imam in Ingolstadt zwei Mal an einem Schüler, im Ferienkurs einer Moschee.

2016 soll der Angestellte eines Ladens einer Hamburger Moschee etwa 15 junge Mädchen befummelt haben.

2017 berichten Eltern aus Berlin in der MDR-Sendung "Fakt", dass ein Koranlehrer ihren sechsjährigen Sohn ausgezogen, ihm den Mund zugehalten und ihn mit einer Toilettenbürste missbraucht habe. Um ihm anschließend Kekse und Saft in die Hand zu drücken und das Kind nach Hause zu schicken.

Arzt berichtet von mehr als 20 Missbrauchsfällen

Es sind nicht viele Fälle sexuellen Missbrauchs im Umfeld von Moscheen, die in Deutschland bekannt werden. Verschwindend gering ist die Aufmerksamkeit dafür im Vergleich zu den Verbrechen in der katholischen Kirche.

Der bekannte muslimische Arzt Mimoun Azizi allerdings warnt, dass sich in Moscheen viel mehr Dramen abspielten, als bekannt sei. Dramen, die vertuscht würden, aus Angst, Scham und falschem Ehrgefühl. Und dass diese Opfer allein gelassen werden, von der muslimischen Community und der deutschen Gesellschaft.

Er arbeite seit 15 Jahren als Neurologe und Psychiater. Insbesondere in den vergangenen fünf Jahren hätten sich mehr und mehr Opfer bei ihm gemeldet, die in Deutschland oder vor ihrer Flucht nach Deutschland in Moscheen sexuell missbraucht wurden, sagt Azizi der HuffPost.

mimoun azizi

Der Arzt Mimoun Azizi fordert Hilfe für Menschen, die im Umfeld von Moscheen missbraucht wurden. Foto: Azizi

Er vermutet, dass sich die Menschen heute eher als vor zehn Jahren trauten, wenigstens mit einem Arzt zu reden. Und dass es sich herumgesprochen habe, dass er sich mit dem Thema beschäftigt. "Inzwischen sind mir weit über 20 Fälle bekannt", sagt er.

Belastbare Daten über den Missbrauch in Moscheen gibt es nicht

Wie groß das Problem tatsächlich ist, lässt sich nicht mit Zahlen beschreiben. In den Kriminalstatistiken wird die Moschee als Tatort nicht separat ausgewiesen. MDR-Recherchen bei den Polizeidienststellen aller großen deutschen Städte ergaben nur vier Anzeigen innerhalb der vergangenen fünf Jahre.

Bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring heißt es auf Anfrage der HuffPost, man erfasse keine Daten über Tatorte oder kulturellen Kontext. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, der sich im Auftrag der Bundesregierung um Prävention bemüht, hat keine Erkenntnisse.

Übergriffe passieren überall - Moscheen seien keine Ausnahme

Aber Experten zweifeln nicht daran, dass das Risiko für Übergriffe auch in Moschee und den ihnen angeschlossenen Sprach- und Koranschulen und sozialen Einrichtungen besteht. Wie überall, wo Erwachsene mit Kindern arbeiten.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Die Kriminalpolizei in Nordrhein-Westfalen etwa verweist darauf, dass die meisten sexuellen Übergriffe in der Familie oder dem sozialen Umfeld stattfinden. Dass Täter es ausnutzen, wenn sie im Beruf oder als Ehrenamtliche auf Kinder treffen.

Und je größer das Tabu, desto größer das Schweigen.

Kelec: Es braucht eine Revolution

Schon vor zehn Jahren sagte die Soziologin Necla Kelek in einem Interview, es brauche eine "Revolution", damit sich auch muslimische Opfer an die Öffentlichkeit trauten. "Mit den Ungläubigen über Missbrauch reden? Ausgeschlossen. Über Sex reden? Ein Tabu. Aus religiösem Schamgefühl wird die Sexualität in der islamischen Community totgeschwiegen."

Wer dem Arzt Azizi zuhört, bekommt das Gefühl, dass Deutschland da keinen Schritt weitergekommen ist.

"Ich musste den Betroffenen wieder und wieder versprechen, dass ich ihre Identität niemals offenlege", sagt Azizi. "Für sie wäre es eine Katastrophe, wenn das rauskäme. Insbesondere Frauen fürchten, dass man ihnen die Schuld für den Vorfall in die Schuhe schiebt, dass sich ihre Männer scheiden lassen. Diese Angst ist nicht aus der Luft gegriffen."

Er erzählt von einer Frau, die den Peiniger aus ihrer Kinderzeit auf einer Hochzeitsfeier wiedergesehen habe. Damit seien die Erinnerungen wieder hochgekommen.

Die Frau schaffe es nicht mehr, mit ihrem Mann intim zu werden. Und traue sich auch nicht, ihm ihre Geschichte zu erzählen. Der Ehemann glaube deshalb, sie habe eine Affäre. Für diese Frau steht alles auf dem Spiel. Glück, Gesundheit, Familie, Zukunft.

Im MDR erzählte die Familie des sechsjährigen Jungen aus Berlin, der Vorstand der Moschee habe ihnen viel Geld geboten, wenn sie den Missbrauch des Kindes verschwiegen. Sie riefen aber die Polizei und den Rettungsdienst.

Und appellieren an andere, sich ebenfalls den Behörden zu offenbaren.

Der Arzt wurde bedroht, weil er das Thema öffentlich machte

Nur wenn sich das Klima des Schweigens, des Wegschauens ändert, haben die Opfer eine Chance. Azizi nennt seinen Gang an die Öffentlichkeit dann auch "einen Schrei, einen Hilferuf".

Azizi hatte das Thema im Frühjahr in der HuffPost öffentlich gemacht. "Doch statt das Tabu zu brechen, statt die Kinder zu schützen, üben Muslime gigantischen Druck aus, wenn man das Thema anspricht. Ich wurde als Depp und Verräter gebrandmarkt, man hat versucht, mich als unseriös zu diffamieren. Und massiv bedroht", sagt er.

"Sie ritzen sich, leiden unter Depressionen"

Bedroht wurden auch die Missbrauchsopfer. Betroffen seien Jungen wie Mädchen, "insbesondere hübsche Kinder". Man habe ihnen gedroht, ihre Eltern umzubringen, wenn sie sagten, was man mit ihnen gemacht hat.

"Als Erwachsene leiden sie immer noch. Sie ritzen sich, haben Depressionen, Ängste, Schlafstörungen. Manche versuchen, das mit Alkohol oder anderen Drogen zu verdrängen."

Experte mahnt Strukturen in Islamverbänden an

Anders als die Opfer etwa katholischer Priester hätten die Opfer muslimischer Geistlicher und Lehrer keine speziellen Anlaufstellen. "In den Moscheen fehlen Strukturen, um die Kinder zu schützen und Opfer zu betreuen. Es gibt keine Ansprechpartner", sagt Azizi.

Der Anti-Missbrauchsbeauftragte Rörig hatte schon vor zwei Jahren fünf islamisch geprägte Verbände kontaktiert, um mit ihnen zusammen entsprechende Strukturen zu schaffen. Doch nur einer, der Zentralrat der Muslime (ZMD), hat bislang kooperiert. Was konkret der ZMD seither unternommen hat, war vom Verband auf Anfrage allerdings nicht zu erfahren.

Mit dem größten Moscheeverband Deutschlands, der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) gibt es laut Rörigs Sprecherin allerdings nach wie vor keine Zusammenarbeit, ebenso wenig wie mit dem Islamrat (IRD), dem Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ), Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF).

Eine Anfrage der HuffPost nach dem Grund für die Nicht-Kooperation ließ Ditib unbeantwortet.

Der Islamrat teilte mit, es gebe bei seinen Mitgliedern noch keine Strukturen oder Ansprechpartner zur Prävention sexuellen Missbrauchs, "weil bisher noch kein Fall an uns herangetragen wurde". "Wir werden aber Gespräche mit dem Bundesbeauftragten führen, um bei Bedarf vorbereitet zu sein."

Die AABF will in der nächsten Vorstandssitzung darüber beraten, ob es Gespräche mit Rörig geben soll. Von einer Anfrage Rörigs wisse man nichts, sagt ein Vertreter der HuffPost.

Der VIKZ schreibt, dass er mit Rörig sprechen wolle und das Wohl der Kinder schon jetzt "an oberster Stelle" stehe. Außerdem hole der Verband erweiterte Führungszeugnisse von Mitarbeitern etwa in Schülerwohnheimen ein. Es gebe Seminare und Fortbildungen.

Tatsächlich regelt das Bundeskinderschutzgesetz von 2012, dass Menschen, die hauptamtlich mit Kindern arbeiten, ein solches Zeugnis vorlegen müssen, nicht aber Ehrenamtliche.

"Man würde als missbrauchter Katholik nicht zu Opus Dei gehen"

Der Arzt Azizi fordert darüber hinaus unabhängige Anlaufstellen. "Denn die Islamverbände sind konservativ. Man würde sich als missbrauchter Katholik schließlich auch keine Hilfe bei Opus Dei suchen." Die katholische Laienorganisation Opus Dei gilt als extrem konservativ.

Die Hilfsangebote, die es bereits gibt und die allen Menschen offenstehen, hält Azizi nicht für ausreichend. Es fehlten Experten für Fremdsprachen und mit Erfahrungen in der muslimischen Kultur.

"Immer wieder haben mir Patienten gesagt, dass sie auch deswegen Angst haben, dort nicht verstanden zu werden. Das ist der entscheidende Punkt", sagt Azizi.

Rörig: "Kein Psalm, keine Sure hat je ein Kind wirksam geschützt"

Azizi fordert darüber hinaus verpflichtende Führungszeugnisse für Imame. "Bei Imamen aus dem Ausland ist es schwierig, daher sollte die Ausbildung in Deutschland erfolgen."

Der VIKZ verweist darauf, dass Kindesmissbrauch "islamisch gesehen eine große Sünde" sei, was den Theologen in der Ausbildung und auch später im Beruf vermittelt werde.

Das klarzustellen, ist wichtig. Aber reicht eben nicht. Rörig sagte dem MDR: "Noch kein Psalm und keine Sure hat jemals ein Kind wirksam vor sexueller Gewalt geschützt."

UPDATE 20. Oktober, 12.08 Uhr: Der Text wurde um das Statement des Islamrats ergänzt.

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(ll)

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