Forscher: Die EU schrumpft – doch für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland gibt es eine große Chance

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Die Bevölkerung in der Europäischen Union schrumpft (Symbolbild) | Maxiphoto via Getty Images
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  • In der Europäischen Union sterben zum ersten Mal mehr Menschen, als geboren werden
  • Deutschland gleicht diesen Trend mit Zuwanderern aus
  • Ein Migrationsforscher erklärt, welche Chancen das eröffnet

Die Europäische Union steht an einem historischen Wendepunkt: Zum ersten Mal sind 2015 mehr Menschen gestorben, als geboren wurden. Laut dem EU-Statistikamt Eurostat standen 5,23 Millionen Todesfälle 5,1 Millionen Geburten gegenüber.

Unterm Strich bedeutet das: Die Europäer werden nicht nur älter, sondern auch weniger.

Dieser Trend stellt vieles in Frage: Unser Rentensystem, das darauf aufbaut, dass viele junge Menschen weniger alte Menschen finanzieren. Aber die Wirtschaft wird in einer schrumpfenden Gesellschaft immer mehr Stellen nicht mehr besetzen können.

Doch das muss alles kein Drama sein. Vor allem Deutschland hat gute Chancen, von dieser Entwicklung zu profitieren, sagt Philip Anderson, Migrationsforscher und Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Regensburg.

Deutschland gleicht den demographischen Wandel durch Zuwanderung aus

Zwar werden in Deutschland schon seit 1972 weniger Menschen geboren als sterben. Im Jahr 2015 kamen auf 925.000 Todesfälle 738.000 Geburten. Lediglich in Frankreich schrumpft die Bevölkerung noch stärker.

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Die deutsche Bevölkerung schrumpft seit Jahrzehnten (Credit: Statistisches Bundesamt)

Aber Deutschland gleicht das Schrumpfen durch Zuwanderung aus. Die Bundesrepublik nahm 2015 rund 35 Prozent und 2016 etwa 60 Prozent aller Asylbewerber auf, die in die EU einreisten.

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Anzahl aufgenommener Flüchtlinge in den EU-Ländern (Credit: Eurostat)

“Wenn sie den notwendigen Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beruf bekommen, können Geflüchtete einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diese Lücken zu füllen. Zahlreiche junge Menschen kommen nach Deutschland und haben eine große Motivation sich zu etablieren”, erklärt Anderson.

Vor allem in mittelständischen Unternehmen und Handwerksbetrieben gebe es eine immense Nachfrage.

Deutschland fehlen vor allem Fachkräfte

Doch welche Qualifikationen bringen Asylbewerber tatsächlich mit?

Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge haben im vergangenen Jahr 460.000 Erwachsene einen Asylantrag in Deutschland gestellt. 80 Prozent von ihnen machten Angaben zu ihrer Berufsausbildung und ihrem Beruf.

Elf Prozent haben demnach keine formelle Schulbildung, 21 Prozent habe nur die Grundschule absolviert, 31 Prozent die Mittelschule, 22 Prozent das Gymnasium, 16 Prozent haben einen Universitätsabschluss.

Kritiker argumentieren, dass damit zu wenige Flüchtlinge bereits ausreichend qualifiziert sind, um auf Dauer dem deutschen Arbeitsmarkt zu nützen.

Auch ein Blick auf Prognosen zeigt, dass es in den nächsten Jahrzehnten nicht an einfachen Arbeitern, sondern an hochqualifizierten Fachkräften mangeln wird. Das Forschungsinstitut Prognos prognostiziert, dass im Jahr 2030 etwa drei Millionen, 2040 rund 3,3 Millionen Fachkräfte in der Bundesrepublik fehlen werden. Und das in allen Bereichen.

Migrationshistorische Erfahrungen machen deutlich, dass sich Zugewanderte tatsächlich vor allem um Arbeit bemühen, die in die Kategorie “dirty, difficult and dangerous” fallen, erklärt Anderson. Es sind Arbeitsstellen, die Einheimische meist nicht annehmen wollen - beispielsweise in der Landwirtschaft, Ölindustrie, im Pflege, Service- oder Tourismusbereich.

Aber: “Die Migrationsgeschichte auf der ganzen Welt zeigt, dass über kurz oder lang das Qualifikationsprofil von Immigrierten sich demjenigen der Mehrheitsgesellschaft anpasst – vorausgesetzt, sie werden nicht durch Diskriminierungsmechanismen ausgeschlossen und ihnen werden die entsprechenden Ressourcen bereitgestellt”, sagt Anderson.

Experte: Der Erfolg kommt nicht sofort

Wichtig sei dabei, dass niemand erwarten dürfe, dass kurzfristig riesige Erfolge aus dem Boden schießen. “Wir müssen den Menschen Raum und Zeit geben, sie haben vieles aufzuarbeiten, sind traumatisiert, haben vielleicht Heimweh. Aber sie bringen Ressourcen mit, die langfristig wichtig werden für unsere Gesellschaft.”

Ein Beispiel: “Ein Asylbewerber merkt, dass er noch nicht gut genug Deutsch spricht, um erfolgreich eine Ausbildung abzuschließen. Also fängt er an zu jobben. Nach zwei, drei Jahren merkt er oder sie dann ‘hey, das genügt mir nicht’, kann inzwischen besser Deutsch und will sich höher qualifizieren. Das ist der Punkt, an dem wir ihm eine zweite Chance ermöglichen müssen.”

Auch wenn es natürlich nicht komplett ausbleiben wird, dass deutsche Bürger und Zugewanderte um Arbeitsstellen konkurrieren, brauche Deutschland diese Arbeitskräfte dringend.

“Die Asylbewerber von heute sind die Sozialversicherungsbeschäftigten und Einzahler in die Rentenkassen von morgen”

Auf lange Sicht wird das noch einen weiteren positiven Effekt mit sich bringen, sagt Anderson: “Die wirtschaftlich positiven Effekte, die mit dem Mehr an Arbeitskräften zu uns kommen, werden auch wiederum dafür sorgen, dass es neue, zusätzliche Arbeitsplätze geben wird”, sagt Anderson.

Davon könne die Gesellschaft nur profitieren. Denn hinzu kommt auch noch ein anderer Effekt. “Die Asylbewerber von heute sind die Sozialversicherungsbeschäftigten und Einzahler in die Rentenkassen von morgen”, sagt der Migrationsforscher.

Die Veränderung ist schon längst Realität

“Dass für auf Arbeitskräfte ist dem Ausland zugreifen müssen, ist schon lange Teil unseres Lebensstils und wird im Zuge der Globalisierung immer mehr werden”, sagt Anderson und verweist auf Sektoren wie Landwirtschaft, Gastronomie, Tourismus und Pflege, in denen Gastarbeiter und Saisonarbeiter seit den 1960er Jahren Lücken füllen.

Deutschen, die Flüchtlingen mit Angst und Skepsis gegenübertreten, will Anderson vor allem eines sagen: “Die Prozesse, die sich da abspielen, sind nicht aufzuhalten. Sie sind real und das schon seit Jahren.”

Große deutsche Firmen haben Büros in Neu Delhi, Rio de Janeiro, Shanghai. Die Angestellten gehen Beziehungen ein, fassen Fuß in einem anderen Land, kommen vielleicht irgendwann wieder zurück. Junge Menschen studieren im Ausland, machen Praktika.

“Ob man will oder nicht - darauf muss sich jeder von uns einlassen.”

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