Russland soll im US-Wahlkampf Millionen Facebook-Anzeigen geschaltet haben, um die Amerikaner aufzuhetzen

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Russland soll im US-Wahlkampf Millionen Facebook-Anzeigen geschaltet haben, um die Amerikaner aufzuhetzen | Getty/HuffPost
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  • Bei 10 Millionen politischen Werbeanzeigen zur US-Wahl auf Facebook führen die Spuren nach Russland
  • Nun erklären IT-Spezialisten aus dem Sillicon Valley hinter vorgehaltener Hand, wie die Manipulation funktionieren
  • Sie sagen: Werbung werde genutzt, um „ethische und soziale Spannungen zu vergrößern“

Nach meiner Reise ins Silicon Valley werde ich Facebook, Google, Twitter und Co. nie mehr so sorglos nutzen können wie zuvor.

Was ich an den Abenden am Rande einer Konferenz zum Thema Desinformation an der Stanford University diesen Sommer von Mitarbeitern der Firmen bei einigen Bieren erfahren habe, verändert meinen Blick auf ihre Angebote für immer.

Mir haben IT-Spezialisten aus dem Sillicon Valley hinter vorgehaltener Hand erklärt, wie perfide Facebook-Anzeigen dazu eingesetzt wurden, um die US-Wahl zu beeinflussen. Der Auftraggeber war offenbar in vielen Fällen: Russland.

“Stell Dir vor, Du hast etwas gegen Homosexuelle”

Ich hatte bereits einiges über Big Data gelesen. Darüber, wie Unternehmen ihre Informationen dazu nutzen, um dem jeweiligen Nutzer maßgeschneiderte Werbung einzublenden.

Ich wusste auch, dass diese Methoden im US-Wahlkampf massiv genutzt wurden - und Kritiker sogar davon ausgehen, dass sie mitentscheidend waren für den Erfolg von Donald Trump. Denn der setzte sie massiv ein.

Was mir die Männer aus dem Silicon Valley dann aber nach einigen Bieren erzählten, eröffnete mir eine ganz neue Dimension des Problems.

“Stell Dir vor, Du hast etwas gegen Homosexuelle und gegen Ausländer”, sagte einer der Männer. Ich wollte mich schon fast erschrocken umdrehen, da fuhr er fort: “Nur theoretisch. Also wenn jemand so eine Einstellung hat, dann bekommt Facebook das sofort mit. Anhang der Klicks, des Leseverhaltens, ja sogar, weil sie sehen, welche Videos man wie lange ansieht.”

Massive Manipulationen möglich

All das war mir nicht völlig neu.

Mein neuer Bekannter fuhr fort: „Und nun stell Dir vor, Du bist ein ausländischer Propaganda-Sender und suchst passendes Publikum. Oder Du bist ein Politiker, der auf Homophobe und Ausländerfeinde setzt. Du buchst dann bei Facebook Werbung beziehungsweise Inhalte bei genau dieser Zielgruppe.”

Er nahm sich einen Schluck: “Facebook weiß auch, um welche Zeit welcher Nutzer in der passendsten Stimmung ist, dass entsprechende Botschaften wirken. Genau dann bekommt er sie eingeblendet.”

Die Methode kann auch über Bande gespielt werden: “Um bei dem Beispiel zu bleiben, kann man dann etwa dem Ausländerfeind genau die Sprüche des jeweiligen politischen Gegners einblenden lassen, in denen der sich für mehr Zuwanderung ausspricht; oder dem homophoben Aussagen des Kontrahenten gegen Homophobie.”

Auf diese Weise könnten für die Nutzer Informations-Blasen geschaffen werden. Und massiven Manipulationen der öffentlichen Meinung ist Tür und Tor geöffnet.

Schon heute würden diese Methoden sehr weitgehend genutzt, erzählten mir die Fachleute.

Angriff der Bots

Ein weiteres Problem sind sogenannte Bots. Es gibt regelrechte digitale Armeen von Fake-Nutzern, die Stimmungen machen in den sozialen Netzwerken und nur sehr schwer von echten Nutzern zu unterscheiden sind.

Solche Bots sollen etwas auch im deutschen Bundestags-Wahlkampf massiv zum Einsatz gekommen sein.

Ob durch Memes, kurze Videos oder Hetz-Seiten wie jene der AfD zu Merkel, die Anfang September online ging - der Onlinewahlkampf entfaltete eine Mobilisierungskraft, wie es sie so vor vier Jahren noch nicht gab.

Erst vor Kurzem wurde auch bekannt, dass Facebook es beispielsweise Anzeigenkunden ermöglichte, Werbung speziell für Antisemiten zu schalten.

"In den USA haben wir gesehen, wie auf der Zielgeraden kriegsentscheidende Schmutzkampagnen gegen die Kandidaten gefahren wurden", warnt etwa die Schweizer Buchautorin und Politikwissenschaftlerin Adrienne Fichter.

Mehr zum Thema: Netz-Expertin warnt vor "kriegsentscheidender Schmutzkampagne im Wahlkampf-Endspurt"

10 Millionen Facebook-Anzeigen aus Russland

Jetzt legte Facebook vor einem Ausschuss des US-Kongresses, der die Wahlbeeinflussung durch Russland untersucht, offen, dass rund zehn Millionen Facebook-Nutzer Anzeigen eingespielt bekamen, mit denen offenbar die US-Wahlen aus Russland beeinflusst werden sollten.

Die Reklame wurde vor und nach dem Urnengang 2016 platziert und konzentrierte sich auf umstrittene Themen wie Waffenbesitz, Einwanderung und LGBT-Rechte.

Also genau die Masche, von der mich die Männer aus dem Silicon Valley warnten.

Die Spuren reichten nach Russland und führten oftmals zu nicht authentischen Accounts, erklärte Facebook-Vizepräsident Joel Kaplan laut „Welt“. Viele dieser Anzeigen hätten offenbar das Ziel gehabt, „ethische und soziale Spannungen zu vergrößern“.

„Wir leben im Jahr 1948“

Ich überlege mir inzwischen jeden Klick zweimal. Der große Bruder schaut immer mit zu.

Und mir wird angesichts der massiven Einflussnahme durch Russland im Internet und vor allem in den sozialen Netzwerken mulmig angesichts einer Aussage, die Putin-Berater Andrej Krutskych bereits im Februar 2016 machte.

Putins Mann für den Cyberkrieg deutete auf einer Konferenz an, Moskaus sei bereit für einen vernichtenden Schlag mit Informationstechnologien gegen die USA.

„Wir leben im Jahr 1948“ sagte Krutskych stolz – dem Jahr, als Stalins Ingenieure ihre eigene Atombombe schufen.

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(mf)

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