So kannst du deine psychische Erkrankung in einer neuen Beziehung ansprechen

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So kannst du deine psychische Erkrankung in einer neuen Beziehung ansprechen | Martin Dimitrov via Getty Images
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  • Beinahe jeder dritte Deutsche leidet unter einer psychischen Erkrankung
  • In einer neuen Beziehung fällt es oft schwer, darüber mit seinem Partner zu sprechen
  • Die HuffPost hat Experten und Betroffene gefragt, wie man das Gespräch am besten führt

Zum Beginn einer neuen Beziehung gibt es immer viele Dinge, die man noch nicht über seinen Partner weiß – das liebste Hobby, das absolute Hass-Essen und möglicherweise ekelhafte Angewohnheiten im Bad.

Über bestimmte Dinge spricht auf dem ersten Date einfach niemand gerne - wie zum Beispiel die psychische Gesundheit oder andere emotionale Probleme, mit denen viele von uns zu kämpfen haben.

In Deutschland leidet beinahe jeder dritte unter einer psychischen Erkrankung laut einer Untersuchung der "Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ (DGPPN).

Psychische Erkrankungen sind ein wichtiges Thema, über das wir sprechen müssen. Niemand sollte eine Erkrankung in einer Beziehung verschweigen müssen. Aber wie fängt man an und mit was für Reaktionen ist zu rechen, wenn die psychische Erkrankung offengelegt wird?

"Gesunde Beziehungen beruhen auf Vertrauen und Ehrlichkeit. Wenn eine Beziehung ernst wird, ist es wichtig das Vertrauen zu stärken, indem man seinem Partner zeigt, wie man wirklich ist – das beinhaltet auch eine psychische Erkrankung“, sagte Anshumen Bhagat, Arzt für Allgemeinmedizin, der HuffPost UK.

Die HuffPost UK fragte drei Experten und zwei Betroffene, die diese Erfahrung schon selbst durchgemacht haben, wie man mit seinem Partner am besten über psychische Erkrankungen redet.

Wann sollte in einer Beziehung über psychische Erkrankung gesprochen werden?

Sobald man sich ein bisschen besser kennt und eine Beziehung eingegangen ist, ist wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt darüber zu sprechen.

"Man sollte darüber reden, wenn die Beziehung ernsthaft wird und sie sich wichtig anfühlt“, sagt Barbara Bloomfield, eine Partnerschaftsberaterin.

Ein Sprecher der Wohltätigkeitsorganisation "Anxiety UK“ stimmt zu. Es gäbe keine Deadline – man solle darüber sprechen, wenn man sich damit wohl fühle: "Einige haben kein Problem darüber zu reden, andere brauchen Zeit, manchmal Wochen oder sogar Monate.“

Shea Wong wurde mit einer Bipolaren Störung diagnostiziert. Sie erzählt der HuffPost UK: "Jede Beziehung ist anders, darum sollte man sich nicht unter Druck setzen, sofort über seine Erkrankung sprechen zu müssen. Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt."

Sie versuchte in ihrer momentanen Beziehung aus emotionaler Sicht zu entscheiden, wann sie darüber reden möchte. "Ich sah eine gemeinsame Zukunft mit ihm und ich fühlte mich bereit, darüber zu sprechen. Wenn man das erkennt, ist es ein guter Zeitpunkt über seine Gesundheit zu reden, besonders wenn die Krankheit chronisch ist.“

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Wie sollte das Thema zur Sprache gebracht werden?

Bevor sich Hals über Kopf in das Thema gestürzt wird, sei es sinnvoll alles aufzuschreiben was der Partner wissen sollte, empfiehlt Bahgat. So wäre man besser auf die Situation vorbereitet.

"Man sollte immer daran denken, dass andere, die keine psychische Erkrankung haben, es nie ganz verstehen können. Es kann also eine Weile dauern alles zu erklären", sagt der Arzt.

Sobald alles aufgeschrieben ist, sei es wichtig einen Ort und Zeitpunkt zu finden, bei dem man nicht unterbrochen werden kann und sich in Ruhe und offen über seine Krankheit unterhalten kann.

Wie kann das Thema am besten formuliert werden?

"Am besten startet man damit, über seine Einstellung zur eigenen psychischen Erkrankung zu sprechen - wie man gelernt hat damit umzugehen und was man macht, um sich besser zu fühlen“, sagt Bloomfield.

Wenn man erst sehen möchte, wie der Partner zu dem Thema steht, könne man die Situation vorher abschätzen, indem man fragt: "Kennst du Menschen mit psychischen Erkrankungen?", fügt die Beraterin hinzu.

Wenn man das Thema aufbringt, solle man mit Selbstbewusstsein darüber reden, ohne sich zu schämen.

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Wie viel sollte mit dem Partner geteilt werden?

Wenn man einmal damit anfängt sich mitzuteilen, ist es schwer einzuschätzen, an welchem Punkt man aufhören sollte.

Man solle sich selbst als eine Art Lehrer sehen, der einen Schüler unterrichtet, meint Wong, die aus eigener Erfahrung spricht.

"Man will seinen Partner nicht überwältigen, aber man will auch nicht Details zurückhalten, die die Wissenslücken des anderen über die Krankheit füllen“, sagt sie.

"Am besten gibt man einen Gesamtüberblick über die Krankheit: Was passiert im Gehirn, was macht sie mit dir, wie gehst du damit um. Man sollte seinen Partner dazu anregen, Fragen zu stellen, sobald sie bereit sind mehr Informationen aufzunehmen", sagt Wong. "Man sollte klar machen, dass es keine dummen Fragen gibt und dass man möchte, dass sie einen verstehen.“

Was soll mit dem Gespräch erreicht werden?

Eine Sache sollte klar sein, bevor mit dem Partner über psychische Erkrankungen gesprochen wird: Wie soll die gewünschte Reaktion sein und wie soll das Gespräch helfen, mit der Krankheit umzugehen?

Gina Hadden ist 33 und leidet unter Zwangsstörungen. Sie erzählt, dass ihr Partner Sam ihr half, sich mit der Krankheit auseinander zu setzen, sich zu informieren und sich Hilfe zu holen.

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"Sam ermutigte mich, offen mit meiner Krankheit umzugehen - inzwischen mache ich aktiv auf Zwangsstörungen aufmerksam und schreibe öffentlich darüber", sagt Hadden gegenüber der HuffPost UK

Aber es sei wichtig im Bewusstsein zu haben, dass der Partner nicht die eigenen Probleme lösen wird.

Auch Bhagat sagt: "Letztendlich ist man selbst für sein Verhalten verantwortlich und für die Pflege seiner eigenen Psyche. Es ist absolut in Ordnung, seinen Partner um Hilfe zu bitten, aber man sollte ihn nicht denken lassen, er habe die Verantwortung dafür – das könnte nur zu ungewolltem Druck führen und die Beziehung belasten. Am besten ist es, um Geduld und Verständnis zu bitten und zu versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden.“

Der Umgang mit der Reaktion des Partners

Natürlich wünscht sich jeder, dass der Partner die Krankheit sofort akzeptiert, doch das wird nicht immer der Fall sein. Einige Menschen haben Vorurteile und sind nicht dazu bereit, dem anderen eine Chance zu geben, um sich zu erklären. Andere brauchen vielleicht ein bisschen Zeit, um das Gesagte zu verarbeiten.

"Man sollte versuchen, keine bestimmte Reaktion zu erwarten – man sollte aber bereit sein, eine Menge Fragen zu beantworten. Vor allem sollte man sein Bestes geben, dem anderen zu helfen, die psychische Erkrankung zu verstehen“, sagt Bhagat.

Aber wenn es nicht so läuft, wie man es gehofft hat, sollte man laut dem Arzt trotzdem weiter machen: "Man sollte sich selbst nicht die Schuld daran geben. Besonders wichtig ist: Auch wenn man einen Rückschlag erlebt hat, sollte man nicht aufhören, zukünftigen Partnern von seiner Erkrankung zu erzählen.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der HuffPost UK und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

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(ame)