Der Krieg zwischen dem Irak und den Kurden hat begonnen – es geht um weit mehr als um die Unabhängigkeit

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KIRKUK
Der Krieg zwischen dem Irak und den Kurden hat begonnen – es geht um weit mehr als um Unabhängigkeit | Reuters TV / Reuters
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  • Die irakische Armee hat die Stadt Kirkuk von den Kurden im Norden des Landes unter Kontrolle gebracht
  • Es geht in dem Konflikt um Unabhängigkeit, türkische und iranische Interessen und Öl
  • Der Chef der Kurdischen Gemeinde in Deutschland spricht von einem "Angriffskrieg"

"Die Stadt fühlt sich an, wie im Bürgerkrieg", schreibt Jenan Moussa. Die Journalistin fährt durch das nordirakische Kirkuk, das seit der Rückeroberung von der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) im Jahr 2015 unter kurdischer Kontrolle steht.

Nun kann von Kontrolle keine Rede mehr sein. "Die Leute schießen über unsere Köpfe", schreibt Moussa bei Twitter.

Auch die HuffPost war noch vor wenigen Wochen in Kirkuk vor Ort. Damals dachte kaum jemand an eine Eskalation. Kurdische Flaggen wehten über einigen Gebäuden. Die Kurden in der ethnisch gemischten Stadt fieberten auf das Referendum hin, das ihrer Region die nationale Unabhängigkeit bringen soll.

Doch nun, keine zwei Monate später, könnte sich dieser Traum zumindest für die Kurden in Kirkuk ausgeträumt haben.

In einer gezielten Militäroperation haben irakische Einheiten und Soldaten der schiitischen Miliz al-Haschd asch-Schaʿbī am Montag das Gebäude der Provinzregierung sowie den Militärflughafen unter Kontrolle gebracht.

Auch die wichtigen Ölfelder außerhalb der Stadt Kirkuk fielen ohne oder mit geringer Gegenwehr der kurdischen Peschmerga-Kämpfer an die irakische Armee. Die kurdischen Kämpfer, die sich in Erwartung eines Angriffs zu zehntausenden in der Stadt versammelt hatten, haben sich offenbar ins Zentrum der Stadt zurückgezogen.

Auch PKK-Kämpfer sollen sich weiter in der nordirakischen Stadt aufhalten.

Die Stimmung ist hochexplosiv, es scheint, als könne der Krieg zwischen den Kurden und den Soldaten der irakischen Zentralregierung jederzeit losbrechen.

Viel steht auf dem Spiel. Denn es geht längst um mehr, als um die Frage, ob Kirkuk, dessen Identität – kurdisch, arabisch, turkmenisch – so umstritten ist, zu Kurdistan gehören soll oder zum Irak.

Es geht um die Hoheit in einer viel größeren Region, um die Interessen Bagdads, der Türkei und des Irans. Es geht um Öl. Und es geht um einen womöglich folgenschweren Verrat.

Geheime Vereinbarungen um Kirkuk

Viele Experten zeigten sich überrascht über den rapiden Vorstoß der Iraker. Denn die Peschmerga hatten schon in den vergangenen Tagen signalisiert, jeden Akt der Gewalt von Seiten der Zentralregierung mit Gewalt zu beantworten.

Mehr zum Thema: 10.000 kurdische Peschmerga machen sich kampfbereit: Irakische Armee plant Angriff auf Kirkuk

Grund für die geringe Gegenwehr ist offenbar ein Deal zwischen Bagdad und der in Kirkuk regierenden Kurdenpartei PUK. "Es gab Vereinbarungen zwischen der irakischen Regierung und der PUK, was zu einem Zusammenbruch der Moral innerhalb der Peschmerga geführt hat", sagte der Analyst Ömer Özkizilcic von der Middle East Foundation (Ortadoğu Vakfı) in Ankara der HuffPost.

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Kurdische Kämpfer in Kirkuk, bislang gab es wenig Gegenwehr, Quelle: Kurdistan24 TV, Reuters.

Noch kürzlich sei der iranische Kommandeur Qassem Sulejmani bei der PUK zu Gast gewesen. Suljemani führt die al-Quds-Spezialeinheit, die Einsätze außerhalb des Irans durchführt.

Auch der Chef der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, Ali Toprak, wittert einen Verrat. "Einige kurdische Einheiten der PUK ziehen sich kampflos zurück, weil Politiker der Partei, die schon immer unter dem Einfluss des Irans stand, sich von Bagdad haben kaufen lassen", sagte er der HuffPost.

Auch die Türkei steht hinter der Offensive

Doch es ist nicht nur der Iran, der den Vorstoß gegen die Kurden unterstützt.

Der Nationale Sicherheitsrat der Türkei erklärte am Montag, das Land stehe hinter der Offensive Bagdads. Ankara bietet dem Irak an, Truppen zum Kampf gegen kurdische PKK-Kämpfer im Norden des Landes beizusteuern.

Die Türkei hofft auf weitere Offensiven der Zentralregierung gegen die Kurden, die derzeit in Syrien und dem Irak einen Korridor kontrollieren, der sich beinahe vom Mittelmeer bis zur iranischen Grenze erstreckt.

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Gelb das kurdische Gebiet in Syrien und dem irak, Quelle: ISIS Liveuamap.com.

Offenbar haben diese Angriffe bereits begonnen. Am Dienstagmorgen meldete der Kurden-Sender Rudaw, dass die Miliz al-Haschd asch-Schaʿbī die jesidische Stadt Sinjar im Westen des Kurdengebiets eingenommen habe. Um die Kontrolle der Region herrscht Streit, seit die Kurden die jesidische Provinz vom IS befreiten.

"Die Türkei hat großes Interesse daran, dass Bagdad die Gebiete zwischen Sinjar und der türkischen Grenze unter Kontrolle bringt. Denn so würde der Landkorridor der PKK-Einheiten im Irak zu den YPG-Einheiten in Syrien unterbrochen werden", erklärte Özkizilcik der HuffPost.

Toprak: "Wo bleibt der Aufschrei?"

Kurden-Vertreter Toprak spricht von einem "Drama". "Wo bleibt der Aufschrei der Welt über den Angriffskrieg des Regimes in Bagdad?", sagte er der HuffPost.

Es sei fatal gewesen, dass der Westen nur die Kurden vor dem Referendum gewarnt habe. "Die Türkei, der Irak und der Iran haben sich dadurch bestärkt gefühlt."

Ende September hatten die Kurden in einer Volksabstimmung für die nationale Unabhängigkeit gestimmt, auch Kirkuk sollte Teil eines neuen Kurdenstaats werden. International fand das Ergebnis kaum Zustimmung, auch die Regierung in Bagdad erkannte das Referendum nicht an.

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Kurden-Präsident Barzani bei der Stimmabgabe im September, Quelle: Reuters.

Nun fliehen die Kurden zu Zehntausenden aus Kirkuk. Karwan Wahed, der in Erbil und Umgebung als Touristenführer arbeitet, sagte der HuffPost, die meisten Menschen würden versuchen, nach Sulaimaniyya oder Erbil zu gelangen. "Ich bin heute nur damit beschäftigt, diesen Menschen zu helfen", sagte Wahed.

Bilder aus dem Nordirak zeigen verstopfte Straßen, Kinder sitzen neben den Leitplanken, weil es nicht vor und nicht zurück geht. Alle wollen nur noch weg.

Ein Kampf um das Öl

Bei dem Konflikt geht es nicht nur um ethnische Grenzziehungen in der schwierigen Region. Es geht auch um Öl.

Kirkuk gilt als Öl-Hauptstadt des Landes, etwa die Hälfte der irakischen Ölexporte werden hier gefördert. Für die Kurden, die ohne das Öl wirtschaftlich von Bagdad abhängig sind, ist der Verlust der Ölfelder fatal.

Doch auch für die irakische Zentralregierung könnten sich in der Folge der Rückeroberung Probleme ergeben. Denn bisher wird das Öl aus Kirkuk in die türkische Hafenstadt Ceyhan exportiert, erklärt Özkizilcik. Dafür muss es jedoch durch das kurdische Autonomiegebiet über die türkische Grenze gebracht werden.

Jabbar al-Luaibi, Öl-Minister des Iraks, warnte die Kurden zwar, den Export nicht zu behindern, doch die angespannte Lage macht einen direkten Transport in die Türkei hochbrisant.

Eine andere Option für Bagdad wäre ein Export in den Iran. Für die Türkei wäre dieser Ausschluss aus dem Ölhandel ein Affront. Auch deshalb gibt es seit längerem Verhandlungen zwischen Ankara und Bagdad über den Wiederaufbau einer älteren Pipeline: durch das derzeit kurdische Gebiet um Sinjar.

Özkizilcik erklärte: "Dies soll durch die Einnahme von Sinjar und der syrisch-irakischen Grenzregion ermöglicht werden. Der Grenzübergang ist westlich des Habur-Grenzübergangs geplant."

Der Kampf um das Öl - Toprak sieht darin ein niederes Motiv, Kurdistan zu zerschlagen. "Die sunnitische Türkei und der schiitische Iran arbeiten zusammen gegen Kurdistan. Sie wollen Kurdistan unter sich teilen", mahnte der Chef der Kurdischen Gemeinde.

Der Westen findet keine Antwort

Er appelliert an Deutschland und die USA, sich hinter die Autonomieregierung zu stellen. Denn die Kurden seien "der wahre Verbündete des Westens".

Für beide Länder ist die Lage aber höchst zwiespältig. Denn sowohl die USA als auch Deutschland unterstützen beide Konfliktparteien, den Irak und die Peschmerga, mit Waffen und Ausbildern.

Bei Twitter macht nun das Bild eines irakischen Soldaten die Runde, der auf eine kurdische, eine amerikanische und eine deutsche Flagge tritt.

In die Auseinandersetzung reinziehen lassen will sich niemand. US-Präsident Donald Trump erklärte in Washington, die Vereinigten Staaten würden nicht Partei ergreifen. Die USA seien sehr besorgt über die Lage im Irak, sagte Außenministeriumssprecherin Heather Nauert in einer wenig entschlossen klingenden Stellungnahme.

Die Bundeswehr unterbrach derweil ihre Ausbildungsmission im Norden des Landes. Im Verteidigungsministerium ist die Rede von einer "unklaren Lage".

Dahinter steckt wohl vor allem die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg. Eine Angst, die auch in anderen Ländern wächst.

Ein britischer Soldat, der in Erbil stationiert ist, sagte der HuffPost, die Situation sei besorgniserregend. "Eigentlich soll ich am Montag wieder nach Schottland fliegen, aber es sieht nicht so aus, als würde das klappen." Der internationale Flugverkehr wurde eingestellt.

Kurdistan ist isoliert und in die Enge getrieben. Dass eine Reaktion der kurdischen Kämpfer ausbleibt, daran glaubt im Irak wohl niemand.

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(ll)

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