Ungeachtet der Politik: Was die FPÖ den meisten anderen Parteien voraus hat

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OESTERREICH
Ungeachtet der Politik: Was die FPÖ den meisten anderen Parteien voraus hat | dpa
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  • Auch in Österreich hat die einstige sozialdemokratische Partei bei den Wahlen eine Niederlage erlebt - auch, weil sie den Kontakt zu den Arbeitern verloren hat
  • Die rechtspopulistische FPÖ hat der SPÖ etwas wichtiges voraus: ein Gemeinschaftsgefühl
  • Das war am Wahlabend auf der Wahlparty der Rechten deutlich zu sehen

Wenn man heute in Deutschland noch die Reste der alten Arbeiterkultur besichtigen will, braucht man folgende Zutaten: eine Gruppe romantisch gesinnter Jusos, zwei Flaschen Gin, anfangs noch etwas Tonic-Water und etwa zwei Stunden Zeit.

Wenn der Gin zu wirken beginnt, und man kann sich fast die Uhr danach stellen, klappt einer von ihnen den Laptop auf und sucht bei Youtube nach den Arbeiterliedern, die der große Hannes Wader in den 1970er-Jahren aufgenommen hat.

Dann sitzen die Jungsozialisten um den Bildschirm wie um ein Lagerfeuer und schmettern gemeinsam die alten Hits: "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit", "Spaniens Himmel" oder am besten gleich die "Internationale".

Den jungen Juso-Studenten geht es um die Sehnsucht nach Geborgenheit in einer Bewegung. Ein Wir-Gefühl, der Kampf für eine gemeinsame Sache. All das, wofür die SPD, die einstige Arbeiterpartei, einmal stand.

Heute wirken die Lieder von damals betagt, aus der Zeit gefallen. Und jene, die sie singen, beschwören einen kulturellen Ort, der längst schon nicht mehr existiert. Die Zahl der Arbeiter, die für die SPD im neuen Bundestag sitzen, kann man an der Hand eines Sägewerksmalochers ablesen.

Die Wahrheit ist bitter, aber an die Stelle der vormals linken Arbeiterkultur ist heute eine rechte Heimatkultur getreten. Die AfD ist zu plump und zu grobschlächtig in ihrem Auftreten, um dieses Phänomen zu studieren. Es lohnt jedoch ein Blick nach Österreich, wo die FPÖ am Sonntag bei der Nationalratswahl eines der besten Wahlergebnisse ihrer Geschichte geholt hat.

Die Lieder der Freiheitlichen

Ein Grund, warum die FPÖ mit ihren haarsträubend hanebüchenen Warnungen vor einer angeblichen "Islamisierung" Österreichs so viel Erfolg hatte, war, dass sie einen sehr geschickten Wahlkampf geführt hat. Den Freiheitlichen gelingt es schon seit Jahren, einen neuen kulturellen Ort zu definieren, an dem sich ihre Anhänger heimisch fühlen.

Dadurch ist die FPÖ viel mehr geworden als eine Protestpartei wie die deutsche AfD. Sie füllt eine Lücke, genau dort, wo sie durch die zunehmende Akademisierung der Linken entstanden ist.

Ein gutes Beispiel dafür war der Auftritt von Heinz-Christian Strache am späten Abend des Wahlsonntags bei der Feier seiner Partei in der Wiener Marx-Halle. Der Vorsitzende der FPÖ, kurz auch "HC" genannt, zog gegen 22 Uhr in den Saal ein. Notdürftig abgeschirmt von Leibwächtern nahm er ein Bad in der Menge. Es dauerte mehr als zehn Minuten, bis er an der Bühne angelangt war.

Auch die Freiheitlichen haben heute ihre eigenen Lieder. Sie funktionieren sogar nach einem ähnlichen Prinzip wie früher die Gassenhauer der Arbeiterbewegung: eingängige Rhythmen, die sich im Gemeinschaft mitklatschen lassen; eingängige Texte, die das Gemeinschaftsgefühl treffen und die man mit gutem Gefühl mitsingen kann.

Mehr zum Thema: Wie die SPD den Kontakt zu ihren Wählern verloren hat – vor allem zu den Arbeitern

Es geht um Heimat, Pathos - und die Bewahrung

Die inoffizielle Parteihymne der FPÖ ist "Immer wieder Österreich" - ein Schlager, dessen Sound Anklänge von Bierzelt und Hüttengaudi hat. Man muss Schlager nicht mögen, um zu erkennen, dass dieses Lied ein Identifikationspotenzial bei einer gewissen Zielgruppe auslösen kann.

Es geht um Heimat, Pathos, die Bewahrung des Ererbten – und zwischendrin kommt auch mal eine Zeile für jene, die sich lauthals als "Patrioten" bekennen wollen. Das funktioniert im Kosmos der FPÖ sehr gut.

An diesem Abend wird das Lied gut ein halbes Dutzend Mal gespielt. Allein zweimal, als Strache auf dem Weg zur Bühne ist. Und selbst beim letzten Durchgang stehen die Menschen auf den Bierbänken und singen.

Für die Gäste in der Marx-Halle ist ein Büffet aufgebaut. Es gibt nichts Raffiniertes: Spätzle, Haxn, Kartoffel-Pü und dazu ein Bier oder ein Almdudler. Solide, aber gut zubereitete Hausmannskost.

Auf den Tischen liegen Werbe-Feuerzeuge der FPÖ, an deren Rückseite eine kleine Taschenlampe angebracht ist. Manche Gäste fangen schon vor den ersten Hochrechnungen an, die Werbematerialen gezielt von den Tischen zu greifen.

Außerdem gibt es kostenlose Strache-Werbeschals, die zwar recht preiswert produziert sind, aber an diesem Abend ihre Wirkung nicht verfehlen: Hunderte von ihnen gehen in die Luft, als Strache die Bühne erklimmt.

Die rechte Familie

Manch einer mag anmerken, dass solche Bilder wohl eher ins Fußballstadion gehören als auf eine politische Veranstaltung. Man könnte auch erwidern: Die FPÖ holt ihre Wähler dort ab, wo sie kulturell zu Hause sind.

Auf der Bühne angekommen fasst sich Strache kurz: Wer politische Statements erwartet hatte, wird enttäuscht. Und dennoch gibt es sie, nur eben nicht so, wie sich das Politikjournalisten bisweilen vorstellen. Strache sagte seiner Frau, dass er sie liebe. Er umarmte den von ihm sogenannten "Bundespräsidenten der Herzen": Norbert Hofer war im vergangenen Jahr im zweiten Wahldurchgang knapp gescheitert, Bundespräsident wurde Alexander Van der Bellen.

Strache bedankte sich bei fast einem Dutzend Mitglieder seines Wahlkampfteams persönlich, er ging so sehr ins Detail, dass man ihm bisweilen kaum folgen konnte. Passend dazu der Schlager, der danach kam: "Wir sind eine große Familie".

Die Rechten und die Emotionen

Genau das ist Programm bei der FPÖ, und man muss das verstehen, um den Erfolg dieser Partei nachvollziehen zu können: So wie die Freiheitlichen bei den ersten Hochrechnungen über die schlechten Ergebnisse der Grünen geklatscht haben, sind die Freiheitlichen umgekehrt bei den Linken verhasst.

Die Lagerbildung in der österreichischen Politik und die misslungenen Ausgrenzungsversuche haben dazu geführt, dass die FPÖ-Anhängerschaft so etwas wie ein Familiengefühl entwickeln konnte.

Diese Emotionalisierung von Politik ist nicht ungefährlich. Sie lenkt den Blick von der tatsächlichen Gestalt ab, ferner: Sie hilft, Politik von den Tatsachen abzukoppeln. Doch nur die Debatte über Tatsachen und Fakten macht einen demokratischen Austausch erst möglich, wie schon Hannah Arendt schrieb.

Vielleicht ist es so, dass der Wahlkampfabschluss der FPÖ im besten wie im schlechtesten Fall "sinnlich" war. Die große Qualität der demokratischen Volksparteien im deutschsprachigen Raum war es immer, diese Sinnlichkeit unter Kontrolle zu halten, sie gezielt dazu einzusetzen, um Menschen auf die Seite der Demokratie zu ziehen.

Wenn diese Fähigkeit verloren geht, und das Emotionale wieder eine Qualität der Radikalen wird, dann haben wir ein Problem in Europa. Und es steht zu hoffen, dass die AfD einfach zu hüftsteif bleibt, um von der FPÖ zu lernen.

Mehr zum Thema: Die Wahl in Österreich zeigt das Versagen der europäischen Linken im Kampf gegen die rechte Gefahr

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