Der IWF kritisiert Ungleichheit in der Welt - das schade dem Wirtschaftswachstum

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CHRISTINE LAGARDE
Der IWF kritisiert Ungleichheit in der Welt - das schade dem Wirtschaftswachstum | Mike Theiler / Reuters
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  • Der Internationale Währungsfonds hat auf seiner Jahrestagung die Ungleichheit kritisiert
  • Sie hemme - entgegen dem früheren Standpunkt - das Wirtschaftswachstum
  • Besonders ein Land nahm IWF-Chefin Lagarde hart in die Kritik

Lange galt unter Wirtschaftswissenschaftlern: Ungleichheit ist gut für die Wirtschaft. Ungleichheit lässt die Wirtschaft wachsen. Umverteilung dagegen schade nur.

Doch dieses Credo gehört offenbar der Vergangenheit an: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat auf seiner Jahrestagung in Washington nun die wachsende Ungleichheit in vielen Ländern kritisiert. Und die These aufgestellt, dies hemme das Wirtschaftswachstum.

Die ungerechte Verteilung von Wohlstand ist tatsächlich extrem - nicht nur unter den einzelnen Ländern, sondern auch innerhalb der Volkswirtschaften. Die Hälfte des weltweiten Vermögens ist laut IWF auf nur ein Prozent der Weltbevölkerung konzentriert.

Dabei wird die Kluft zwischen den ärmsten und den reichsten Ländern laut IWF-Studien sogar kleiner. Innerhalb der einzelnen Staaten wird sie jedoch größer.

Kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum mehr

"Während kräftiges Wachstum nötig ist für die ökonomische Entwicklung, ist es doch nicht ausreichend“, sagt der Chefökonom des Währungsfonds, Maurice Obstfeld laut der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Ungleichheit schadet laut Obstfeld nicht nur dem sozialen Zusammenhalt sondern fördere auch politische Polarisierung. Und: Wirtschaftswachstum sei dann nicht mehr nachhaltig, wenn große Teile der Bevölkerung davon nichts mehr haben.

IWF-Chefin Christine Lagarde forderte die Regierungen auf der Start-Pressekonferenz auf, die Ungleichheit zu beseitigen. Die gute Lage, in der die Weltwirtschaft sich befinde, schaffe die ideale Gelegenheit, um mehr Menschen an Wachstum und Vorteilen wie der Digitalisierung teilhaben zu lassen. Außerdem sollen Bildungssysteme verbessert werden.

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Allerdings ist das nicht die einzige Idee, die der IWF hat, um Ungleichheit zu beseitigen. Bereits vor der Konferenz hat Lagarde offen über Steuererhöhungen nachgedacht. Die Besteuerung von hohen Einkommen könnte helfen, das Problem der Ungleichheit zu beseitigen.

Spitzensteuersatz erhöhen, Grundeinkommen schaffen

Noch 1981 sei der Spitzensteuersatz in den führenden Wirtschaftsnationen im Schnitt bei 62 Prozent gelegen. 2015 waren es nur noch 35 Prozent, heißt es vom IWF. Die Ökonomen gehen davon aus, dass eine Erhöhung der Spitzensteuer keinen Einbruch des Wirtschaftswachstums zur Folge hätte.

Ein weiteres Instrument, dass der IWF in den Raum wirft, um Ungleichheit zu bekämpfen, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Natürlich sei das sehr teuer und die Finanzierung müsse von den einzelnen Staaten zunächst geklärt werden.

Dieser Kurswechsel ist für den IWF schon erstaunlich. Denn eigentlich steht der in einer sehr liberalen Tradition. Es hieß jahrzehntelang, dass der Ansporn, in eine höhere Klasse aufzusteigen, für Wachstum sorgen würde. Und die Ungleichheit deshalb aus ökonomischer Sicht begrüßenswert sei.

Doch die vergangenen Jahre haben gezeigt: So einfach ist das nicht. Laut einer Studie der Deutschen Bundesbank vom vergangenen Jahr besitzen die ärmeren 50 Prozent der Deutschen gerade einmal 2,5 Prozent des gesamten Nettovermögens aller privaten Haushalte.

Dabei fällt auf, dass die Einkommensungleichheit recht stabil bleibt, die Ungleichheit von Vermögen in Deutschland jedoch ungewöhnlich hoch ist.

"America first" steht gegen alles, was der IWF predigt

Aber: Auch wenn der IWF sicher mehrere Staaten anspricht, wenn er die Ungleichheit anprangert, steht ein Land besonders im Fokus - die USA. Lagarde hat US-Präsident Donald Trumps Politik, ohne ihn direkt zu erwähnen, scharf kritisiert.

Die IWF-Chefin sprach sich für freien Handel, für Klimaschutz und Globalisierung aus - all das, was Trump mit seiner "America first"-Strategie hemmt. Auch Trumps Steuerpläne sind nicht gerade auf IWF-Kurs. Denn der US-Präsident hat vor, besonders Unternehmen immense Steuererleichterungen zu verschaffen.

Lagarde hatte bereits am Mittwoch eine flammende Rede für mehr Globalisierung gehalten. "Wir wissen, dass diese wirtschaftliche Integration oder Globalisierung der Welt enorm viel Wohlstand beschert hat", sagte sie. Eine Studie habe kürzlich ergeben, dass die ärmsten zehn Prozent rund 63 Prozent ihrer Kaufkraft verlieren würden, wenn alle Grenzen dicht gemacht würden.

Dies ist als klare Kritik an Trump und dessen "America first"-Politik zu verstehen, die unter anderem höhere Zölle und eine Mauer zum Nachbarn Mexiko vorsieht.

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Mit Material der dpa.


(lm)