"Nicht reden, sondern sie bekämpfen": Extremismus-Experte übt nach Buchmesse-Ausschreitungen Kritik

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BUCHMESSE
"Nicht reden, sondern sie bekämpfen": Extremismus-Experte übt nach Buchmesse-Ausschreitungen Kritik | dpa
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  • Auf der Frankfurter Buchmesse treten rechte Politiker und Verleger auf
  • Mehrfach kommt es zu Ausschreiungen
  • Experten und Politiker kritisieren die Einladung der "Neuen Rechten"

Bei der Frankfurter Buchmesse soll es um herausragende Literatur gehen. Um neue Romane, Sachbücher und Erzählungen. Bei der diesjährigen Buchmesse gerät etwas ganz anderes in den Vordergrund: politische Gewalt.

Schon am Freitag kommt es zu Ausschreitungen, als Verleger Achim Bergmann den Vortrag eines rechten Buchautoren Karlheinz Weißmann mit einem kurzen Zwischenruf stört. Ein Unbekannter schlägt Bergmann ins Gesicht, der muss im Krankenhaus behandelt werden.

Auch der Frankfurter Stadtverordnete Nico Wehnemann soll auf der Messe von Rechtsradikalen angegriffen worden sein. "Dutzende Identitäre schrien 'Sieg Heil'", behauptet "Titanic"-Autor Leo Fischer später.

Vollkommen außer Kontrolle gerät die Situation am Samstag bei einer Veranstaltung des rechten Antaios-Verlags, bei der auch AfD-Politiker Björn Höcke anwesend ist. Demonstranten protestieren mit Transparenten und Rufen wie "Nazis raus" gegen die Veranstaltung. Höckes Anhänger skandieren "Jeder hasst die Antifa". Die Polizei muss schlichtend eingreifen.

Augenzeugen berichten von überforderten Beamten, dutzende Identitäre brüllen rechte Parolen, irgendwann bricht Jürgen Boos, Chef der Buchmesse, die Veranstaltung ab. Der völkische Verleger Götz Kubitschek bedrängt Boos. Die Stimmung ist explosiv.

All das wirft die Frage auf: Macht es Sinn, rechte Verleger und Politiker auf die Buchmesse zu laden? Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels - Organisator der Messe - hatte die Zulassung der rechten Stände mit der Meinungsfreiheit begründet und zur "aktiven Auseinandersetzung" aufgerufen.

Sieht eine aktive Auseinandersetzung im Jahr 2017 so aus?

Felix S. Schulz ist Referent für Strategien gegen Rechtsextremismus im Berliner Abgeordnetenhaus. Er sagte der HuffPost: "Ich halte nichts davon, Faschisten einen solchen Raum zu geben. Das sorgt für eine Normalisierung rechter Parolen."

Daraus resultiere eine "Diskursverschiebung". Zudem sorge man in Frankfurt damit, dass Menschen von rechter Gewalt betroffen seien, die sonst nie in Kontakt mit Extremisten gekommen wären.

"Bei Menschen wie Jürgen Elsässer und seinem Compact-Magazin glaube ich, es ist der verkehrteste Weg, einen Diskurs aufrecht erhalten zu wollen", kritisiert Schulz. Schon bei der Buchmesse in Leipzig im März hatte es massive Diskussionen über einen Stand des rechtsextremen Compact-Magazins gegeben.

"Die Vertreten völlig irrationale Ideen und einen extremen Antisemitismus, dem kann man sich nicht mit Argumenten nähern", sagt Schulz. Er ist überzeugt: "Man sollte mit diesen Leuten nicht reden, man sollte sie bekämpfen."

Auch die linke Politikerin und Soziologin Jutta Ditfurth kritisierte bei Facebook die Entscheidung der Veranstalter: "Tatsächlich hat die Leitung der Frankfurter Buchmesse mit der fatalen Einladung von völkischen und von Nazi-Verlagen möglich gemacht, dass diese und ihr Publikum Menschen angreifen und verletzen."

Schuld an den Gewaltausschreitungen seien "die Nazis". Doch auch die Initiatoren würden Mitverantwortung tragen. "Wer Nazis einlädt, hat Nazis auf der Messe - und, oh Wunder, die verhalten sich dann wie Nazis", schrieb Ditfurth.

Hanning Voigts, Journalist der "Frankfurter Rundschau" schrieb bei Twitter: "Frankfurter Buchmesse 2017. Als militante Nazis, Völkische und Rassisten alles Couleur gemütlich die nationale Revolution planten."

Journalist Volker Dohr fasste die besorgniserregenden Vorfälle perfekt bei Twitter zusammen: "Dass man Leuten mal 'Pass auf dich auf' sagen muss, wenn sie zur Buchmesse fahren, ist nun wohl auch Realität."

Anmerkung: Im Bundestag arbeitet Felix S. Schulz als Referent für den Abgeordneten Harald Petzold.

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