"Ich rede über eine Revolution": Wie sich junge Katalanen auf eine Konfrontation mit Madrid vorbereiten

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  • Die Lage in Barcelona scheint sich beruhigt zu haben – doch die Katalanen streben weiter nach Unabhängigkeit
  • Junge Aktivisten bereiten sich auf einen längeren politischen Kampf vor
  • Die HuffPost berichtet aus Barcelona: Wie geht es dort nun weiter?

Barcelona im Oktober 2017. Ganz Europa blickt auf die Metropole im Nordosten Spaniens, als am Mittwoch den 5. Oktober Präsident Puidgemont eine Art "Unabhängigkeit Light" ausruft. Er erklärt die Abspaltung von Spanien – und setzt den Prozess dann gleich wieder aus.

Der spanische Staat hatte über Monate hinweg versucht, ein Referendum zu verhindern. Deshalb wurden im Verborgenen Urnen gefertigt, nach Katalonien geschmuggelt und in Wahllokale gebracht. Am Tag des Referendums kam es zur Konfrontation.

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Aktivisten besetzten Schulen, um dort die Abstimmung zu ermöglichen, Foto: Michael Trammer


Ungeheuerliche Bilder von Polizeigewalt gingen um die Welt. Nun scheint sich die Lage zu beruhigen. Die aufrührerischen Katalanen, die nach Sezession rufen, wollen an den Verhandlungstisch. Die Zentralregierung bleibt hart und will klare Kante zeigen: Kein Dialog mit denen, die sie als Verfassungsfeinde brandmarken.

Doch was sind die Motive junger Leute sich trotz aller Hindernisse, trotz der drohenden Gewaltspirale der Unabhängigkeitsbewegung anzuschließen? Was sind die Hoffnungen in einen neu-gegründeten Staat? Wie bereiten sich die Menschen auf die drohende Konfrontation vor?

"Kein Blut-und-Boden-Nationalismus"


Lluc ist Kunststudent an der Universität in Barcelona. Er hat geholfen, das Referendum durchzuführen, auch durch die Besetzung von Schulen, die dann als Wahllokale dienten. Für ihn bedeutet eine Sezession von Spanien, deutlich mehr als nur die Gründung eines neuen Staates.

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Lluc kämpft für die die katalanische Unabhängigkeit, Foto: Michael Trammer


Er sieht die Unabhängigkeit als einzige Chance, um einen Schlussstrich zu ziehen. Auch mit dem in seinen Augen ungenügend aufgearbeiteten Erbe des Francoregimes. Seine Hoffnung und Anspruch an einen katalanischen Staat ist vor allem: Mehr direkte Demokratie – ein basisdemokratischer Staat.

Doch was ist dran an den kritischen Stimmen, die die Separatisten für gefährliche Nationalisten halten?

Lluc zumindest streitet das vorsichtig ab. Laut seiner Einschätzung handelt es sich bei der katalanischen Ideologie nicht um einen Blut-und-Boden Nationalismus. Für ihn ist Katalane wer sich zum multikulturellen Leben in der spanischen Region zugehörig fühlt. Lluc gibt aber auch zu, dass sicher nicht alle Leute in der Unabhängigkeitsbewegung so denken wie er.

"Ich rede über eine soziale Revolution!"


Die wirtschaftlichen Konsequenzen, die Katalonien bereits jetzt zu spüren bekommt, kümmern ihn nicht. Mehrere Banken haben ihre Sitze aus der Region verlagert. Jobs werden gekündigt.

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Eine Frau beim Public Viewing – kurz bevor das Ergebnis des Referendums verkündet wurde

Lluc ist das egal. Er träumt ohnehin davon, dass sich alles ändert: "Ich rede hier über eine soziale Revolution! Die allererste Grundbedingung für genau so eine ist, dass Banken aus Katalonien verschwinden müssen und wir die Steuerung der Wirtschaft selbst in die Hand nehmen!“

Es ist eine radikale Position, die viele Katalanen teilen. Denn sie haben das Gefühl, dass von der wirtschaftlichen Stärke der Region wenig bei ihnen ankommt. Tatsächlich ist die Arbeitslosenquote in Katalonien, nach der Eurokrise kaum niedriger als im Rest von Spanien.

Auf die eine oder andere Art und Weise wird es in Llucs Augen eine Konfrontation zwischen der spanischen und der katalanischen Regierung geben. Er geht auch davon aus, dass die katalanische Regierung in naher Zukunft ihre realpolitische Macht verlieren wird. Dann wäre auch ein Militäreinsatz in Katalonien denkbar.

"Es wird große Generalstreiks geben!"

Wie genau es weitergeht, kann auch der Aktivist nicht absehen. Was seine Freunde und er planen, wenn die Unabhängigkeit final erklärt wird, weiß er aber genau: ‘Wir haben unsere Kräfte bereits vorbereitet und es wird Streiks geben – Generalstreiks! Ein Datum kann ich euch nicht nennen – aber es wird bald Generalstreiks geben! Große Generalstreiks!“

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Tausende junge Katalanen träumen von der Unabhängigkeit.

Diese sollen wohl auch einen verfassungsbildenden Prozess befürworten und beschleunigen. In seinen Augen, kann die Zentralregierung in Madrid zwar das Militär nach Katalonien schicken. Doch wie sollen sie gegen die Massen auf den Straßen vorgehen?

Gewaltsame Ausschreitungen in den Straßen von Barcelona wären auch für die spanische Regierung ein Fiasko.

Auszuschließen sind sie nicht: Denn die Lage in Katalonien scheint ganz und gar nicht beruhigt. Zwar sind die Protestwellen abgeebbt und momentan findet ein Konflikt auf parteipolitischer Ebene statt, doch erst am Donnerstagabend riefen nun auch bürgerliche Gruppen zu einer finalen Lossagung von Madrid auf.

Die zunehmende Geschlossenheit der katalanischen Bewegung könnte ihren Drang nach Freiheit weiter befeuern.

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Autor Michael Trammer berichtet für die HuffPost aus Barcelona.

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