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12/10/2017 16:02 CEST | Aktualisiert 12/10/2017 16:03 CEST

Emmy wurde Opfer von Sex-Handel - jetzt will sie andere vor der Hölle bewahren, die sie erlebte

  • Emmy Myers ist als Opfer von Sex-Handel durch die Hölle gegangen

  • Vor drei Jahren half ihr das FBI, der schrecklichen Situation zu entkommen

  • Jetzt will sie mit einem gemeinnützigen Projekt dafür sorge, dass andere Mädchen nicht Dasselbe durchmachen müssen

Vielen erschien Emmy Myers in der High School wie die Vorzeige-Schülerin schlechthin. Sie turnte, machte Leichtathletik und war in der Landwirtschafts-AG.

Doch ihr Leben nahm eine dunkle Wende - sie wurde drogensüchtig und Opfer von Sex-Handel.

Heute will die 28-Jährige aus Wisconsin andere Menschen darauf aufmerksam machen, dass dieses Schicksal jeden ereilen kann - und dass die Menschen, die Frauen und Mädchen kaufen, aus jeder sozialen Schicht kommen können.

"Das passiert nicht nur in Filmen, sondern auch normalen Menschen im echten Leben", sagte Myers der HuffPost.

"Lacey's Hope Project" macht auf Sex-Handel aufmerksam

Sie hat eine gemeinnützige Aktion Lacey's Hope Project gestartet und spricht offen über ihre Erfahrungen. Der Name der Organisation ist eine Anlehnung an ihren damaligen Bühnennamen, mit dem sie auftrat, um gegen Geld zu tanzen.

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(Foto: Emmy Myers)

Menschenhandel nimmt in den USA stark zu. 2016 stiegen die Fälle im Vergleich zum Vorjahr laut der National Human Trafficking Hotline um 35,6 Prozent an.

Die Opfer werden gezwungen, körperliche Arbeit zu verrichten oder gegen ihren Willen mit Fremden Sex zu haben.

Armut und Arbeitslosigkeit helfen dem Menschen-Handel

Dass der Menschenhandel ansteigt, hat laut Experten mehrere Gründe. Jarrett Luckett, Geschäftsfüher der Organisation Exploit No More, sieht vor allem Armut und Drogenkonsum als Faktoren an.

Exploit No More unterstützt Menschen, die Opfer von Sex-Handel wurden. Luckett arbeitet gemeinsam mit Myers daran, über Sex-Handel in den Städten aufzuklären und auf die Gefahr aufmerksam zu machen.

"Armut und Drogen machen die Opfer anfälliger, in die Falle des Sex-Handels zu tappen", sagte Luckett der HuffPost.

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Diese beiden Probleme sind daran schuld, dass Myers Geburtsstadt Milwaukee zu einem Knotenpunkt für Menschenhandel geworden ist.

Milwaukee ist ein perfekter Ort für die Händler. Sie können ihre Opfer an viele größere Städte in der Nähe transportieren - etwa nach Chicago und Madison. Weit verbreiteter Heroinmissbrauch und die hohe Arbeitslosenrate in Milwaukee helfen den Händlern, ihre Opfer zu ködern.

Sex-Handel hat sich in Milwaukee so weit verbreitet, dass die Stadt auch "Harvard der Zuhälter" genannt wird.

Jeder kann zum Opfer werden

Myers Geschichte zeigt, dass Händler aber auch Erfolg haben können, wenn die Opfer aus einer guten Familie kommen. Sie wuchs als das aufgeweckte, fröhliche Kind auf, das sich alle Eltern wünschen.

In der Zeit zwischen ihrem dritten und sechsten Lebensjahr aber wurde sie von einem Freund der Familie mehrfach missbraucht. Einen Großteil ihrer Kindheit über machte sie sich Vorwürfe.

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Myers wurde mehrfach verhaftet. Sie hat ein Strafregister, aber keine Einstufung als Schwerverbrecherin. (Foto: Emmy Myers)

Sie glaubte, sie sei selbst daran schuld, dass er sich immer wieder an ihr verging. Die Zweifel seien so stark geworden, dass sie angefangen habe, Drogen zu nehmen, sagt Myers. Und irgendwann sei sie einem manipulativen Menschenhändler in die Hände gefallen.

Ihre ersten Erfahrungen mit Drogen habe sie in der High School gemacht, erzählt sie. In ihrem letzten Jahr an der Schule wurde das Geld knapp und sie begann zu strippen, um ihre Sucht zu finanzieren. Nach der High School steig sie auf Heroin um und war zwei Mal in einer Entzugsklinik - das alles geschah, bevor sie 20 Jahre alt war.

Mit 24 versuchte sie erneut, clean zu werden und zog ausgerechnet mit ihrem gewalttätigen Drogendealer zusammen. Er wusste von ihrer Situation und bot ihr an, sie unter seine Obhut zu nehmen und sich um sie zu kümmern. Er stellte ihr eine Wohnung zur Verfügung und versorgte sie mit Kleidung und Essen.

Myers konnte sich nicht wehren

Dass er plante, sie für Sex zu verkaufen, ahnte sie nicht. Er erstellte eine Werbeanzeige auf Backpage.com, einer Seite, die Produkte und Dienstleistungen anbietet. (Dieses Jahr musste die Firma ihren Bereich für Erwachsenen-Werbung schließen, da sie wegen Unterstützung von Prostitution und Menschen-Handel unter Verdacht steht.)

"Ich hätte niemals gedacht, dass ich mich jemals verkaufen würde", sagt Myers. "Aber als ich an diesem Punkt angelangt war, gab es keine Ausweg mehr", sagt Myers. "Zuhälter wissen, was sie tun. Sie geben vor, dich zu lieben. Sie finden heraus, wie du tickst und wovor du am meisten Angst hast."

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Als Myers sich wehrte, drohte ihr der Dealer. Er sagte, wenn sie nicht einwillige, würde er ihre Neffen töten. Er konfiszierte ihren Personalausweis und nahm ihr das wenige Geld, das sie noch hatte.

Ihr Zuhälter und seine Freundin brachten Myers zu Hotels in verschiedenen Städten. Dort musste sie sich schon um 6.30 Uhr mit Männern treffen, bevor diese zu ihren Meetings gingen. Bis spät in die Nacht musste sie mit den Klienten Sex haben. Damit sie sich nicht wehren konnte, verabreichte der Dealer ihr permanent Drogen.

"Es sind häufig die Männer, die in ihrem Umfeld anerkannt sind"

Gewissermaßen hatte sie "Glück" - keiner der Männer, mit denen sie schlafen musste, war ihr gegenüber gewalttätig. Viele von ihnen waren erfolgreiche Geschäftsmänner. Viele von ihnen hatten Familie.

"Das überrascht viele Menschen am meisten", sagt Myers. "Es sind nicht immer die großen, fetten, ekligen Typen. Es sind häufig die Männer, die in ihrem Umfeld anerkannt sind."

Einen Monat später wurde Myers in Milwaukee verhaftet - für eine Sache, die nichts mit Sex-Handel oder Prostitution zu tun hatte. Die Anzeige gegen sie machte das FBI auf sie aufmerksam. Die Ermittler boten an, ihr zu helfen und sie aus dieser Situation zu befreien.

2013 musste sie für etwa einen Monat ins Gefängnis und ging danach erneut in eine Entziehungsklinik - zum dritten Mal. Nachdem sie wieder draußen war, fiel sie erneut für kurze Zeit dem Sexhandel zum Opfer.

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Heute will die 28-Jährige darauf aufmerksam machen, dass jeder Opfer von Sex-Handel werden kann. (Foto: Emmy Myers)

Ein halbes Jahr später war sie wieder im Gefängnis - dieses Mal für sieben Monate. In dieser Zeit durfte sie arbeiten gehen (Anm. d. Red.: In den USA gibt es Integrations-Programme für Insassen. Sie können an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, werden aber streng überwacht. Nach ihrer Schicht müssen sie zurück ins Gefängnis.).

Nach dieser Zeit im Gefängnis zog Myers für zwei Monate in eine soziale Einrichtung für Gewaltopfer. Mit Hilfe eines Übergangsprogramms fand sie eine eigene Wohnung.

Die Aufklärung in den großen Städten ist wichtig

Heute hat Myers seit drei Jahren keine Drogen mehr genommen. Sie hat ein Strafregister, ist aber nicht als Schwerverbrecherin eingestuft - zu ihrem großen Glück.

Viele, die in Amerika Opfer von Sex-Handel geworden sind, haben Prostitutions-Vorwürfe in ihrem Register stehen - und das, obwohl sie dazu gezwungen wurden.

Sie haben keine Möglichkeiten, ihre Register löschen zu lassen. Das bedeutet: Für sie ist es beinahe unmöglich, eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden.

Derzeit arbeitet Myers als Pflegerin in einem Altersheim. Zusätzlich engagiert sie sich für ihr gemeinnütziges Projekt, mit dem sie Fälle von Sex-Handel verhindern will.

Sie erzählt ihre Geschichte in Schulen, Kirchen und anderen Gemeindeeinrichtungen. Sie klärt Ärzte, Schüler, Studenten, Eltern und Ordnungsämter auf, spricht über die Realität des Sex-Handels und erklärt, wie man ein solches Schicksal verhindern kann.

Ärzten erklärt sie beispielsweise, dass sie auf blaue Flecken an sonderbaren Stellen achten sollen und dass mehrfache Fehlgeburten sie ebenso stutzig machen sollten wie Patienten, die nicht wissen, wie viele Geschlechtspartner sie hatten oder die nicht genau angeben können, wo sie wohnen.

Diese Aufklärung sei entscheidend, um den Sex-Handel aufzuhalten, bestätigt Luckett.

"Diese präventive Arbeit ist wichtig, damit andere Menschen nicht in 'dieses Leben' abrutschen - sie sollen nicht auch noch durch diese Hölle gehen", sagt er. "Es lässt sich nicht pauschal sagen, wie ein Menschen-Händler aussieht - oder wie ein Opfer aussieht. Das macht es besonders schwer. Aber es gibt Zeichen, die einen davor warnen."

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der HuffPost US und ist Teil der Serie "Listen To America". Er wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

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(lk)