Ein Abschiedsbrief an Air Berlin: Scheiß auf die Schokoherzen – Du hast Deutschland wirklich verändert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AIR BERLIN
Ein Abschiedsbrief an Air Berlin: Scheiß auf die Schokoherzen – Du hast Deutschland wirklich verändert | dpa
Drucken
  • Die Lufthansa übernimmt große Teile der insolventen Fluglinie Air Berlin
  • HuffPost-Autor Sebastian Christ schreibt, warum er Air Berlin vermissen wird

Liebe Air Berlin!

Meine Facebook-Timeline ist voll mit Abschiedspostings. Es ist die Zeit der letzten Air-Berlin-Flüge. Ich finde es rührend, was da zu lesen ist: Viele meiner Freunde sprechen dem Personal ein letztes Mal Mut zu und wünschen ihnen alles Gute für den Weg in eine ungewisse Zukunft.

Jetzt, da eine Ära vorbei geht, scheint das geschäftige Treiben an den Flughäfen dieser Republik, zwischen Rollkoffern und Businessanzügen, plötzlich menschliche Züge zu bekommen. Das ist ein gutes Zeichen.

Andere schreiben wehmütig über den Geschmack der Schokoherzchen, die es früher beim Aussteigen gab. Zugegeben, ich fand die Teile auch lecker. Aber sie sind so ziemlich das Unwichtigste, was ich an Air Berlin vermissen werde.

Früher war Fliegen noch außergewöhnlich

Seit Donnerstag ist klar, dass Air Berlin größtenteils von der Lufthansa übernommen wird. Damit dürfte sich der Flugverkehr, so wie wir ihn kennen, radikal ändern. Jeder, der das Fliegen noch in den 1990er-Jahren erlebt hat, dürfte da eine Vorahnung haben.

Ich habe meinen ersten Flug in einem Linienjet erst mit 22 Jahren machen können. Dabei hatte ich weder Flugangst noch war ich jemand, der keine Lust aufs Reisen hatte. Ich konnte mir es schlicht und einfach nicht leisten, für mittlere Strecken ein Flugticket zu erwerben.

Bis vor etwa 20 Jahren war Fliegen etwas Besonderes, wenn es um innerdeutsche Strecken ging. Preise von 600 oder 800 Mark für ein Flugticket von Hamburg nach München waren damals nichts Außergewöhnliches, sondern eher etwas ganz Normales.

Das war etwas für Geschäftsreisende, deren Firmen bereit waren, teures Geld dafür zu bezahlen, um fähige Fachkräfte von A nach B zu transportieren. Aber kein echtes Konkurrenzangebot für die Bahn, die damals noch staatlich-gemächlich durch Deutschland zockelte.

Das Aufkommen preisgünstiger Flugangebote hat vieles verändert: bisweilen sogar die Infrastruktur unserer Städte. Vor allem aber die Art und Weise, wie wir reisen.

Mehr zum Thema: Luftfahrtunternehmer Niki Lauda kritisiert die Übernahme von Air Berlin durch die Lufthansa

Du warst bei allem der Dreh- und Angelpunkt

Es ist heute kein Problem mehr, morgens in Stuttgart und nachmittags in Hamburg zu sein. Es gibt heute sogar Studenten, die Fernbeziehungen per Flugzeug führen – weil man es sich leisten kann, am Freitagmorgen von Berlin nach Köln zu fliegen, und am Sonntagnachmittag wieder zurück. Vorausgesetzt, man bucht rechtzeitig.

Und Du, Air Berlin, warst bei allem der Dreh- und Angelpunkt. Wahrscheinlich beschäftigt Dein Niedergang auch deswegen so viele Menschen: Wenn die Lufthansa für die Fernreisenden ein Stück Alltagskultur geworden war, warst Du es für die Kurz- und Mittelstrecken.

Und wenn wir schon über die Lufthansa sprechen: Genau da fängt das Problem an. Außer Germanwings und Eurowings gibt es sonst auf dem deutschen Markt keine größeren Billigfluganbieter mehr. Beide Gesellschaften gehören zu Lufthansa. Und die schluckt jetzt eben auch noch Air Berlin.

Um das ganze mal mit Fakten zu illustrieren: Im Juni 2017 belegten die nunmehr vier Fluglinien der Lufthansa die Plätze eins bis vier nach Abflugzahlen in Deutschland. Gut 46.200 Flüge gehen auf das Konto des Lufthansa-Imperiums. Auf Platz fünf folgt dann Ryanair mit 4.600 Abflügen.

Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um an dieser Stelle eine Gefahr für den Wettbewerb zu sehen.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Uns droht eine Saure-Gurken-Zeit

Billigflüge könnten künftig wieder zu etwas werden, was in der Nische stattfindet. Zumindest hätte die Lufthansa die nötige Marktmacht, um das durchzusetzen.

Das hätte nicht nur Folgen für den Flugverkehr.

Denn auch die Bahn hat sich unter dem zunehmenden Druck von Seiten des Flugverkehrs in den vergangenen 20 Jahren zusehends modernisiert. In einigen Wochen zum Beispiel wird die Strecke von Berlin nach München für den Personenverkehr freigegeben: Dann wird man in vier Stunden von der Hauptstadt nach Süddeutschland fahren können.

Solche Trassen werden nicht gebaut, um den Bussen Konkurrenz machen zu können. Sondern, weil die Bahn gegen den Flugverkehr ankommen will. Vier Stunden – das ist durchaus eine wettbewerbsfähige Fahrtzeit. Leider bietet die Bahn viel zu wenige dieser Verbindungen an.

Im Gegensatz zu Frankreich übrigens. Dort war es offensichtlich möglich, ein Hochgeschwindigkeitsnetz für die Schiene aufzubauen. In Deutschland droht uns nach dem Wegfall der Konkurrenz aus der Luft eine neue Saure-Gurken-Zeit.

Auch deswegen werde ich Dich vermissen, Air Berlin. Es geht nicht um die Schokoherzen – sondern darum, einem bisweilen recht schwerfälligen Land den Mut zur Veränderung schmackhaft zu machen. Doch leider könnten wir uns bald schon wieder in Reisewelten befinden, die ein wenig streng nach den 90er-Jahren müffeln.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ll)

Korrektur anregen