Tabuthema Depressionen: Warum Lehrer anfangen müssen, in der Schule darüber aufzuklären

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Es gibt ein Thema in der Schule, das Lehrer konsequent verschweigen - die Folgen betreffen Millionen Kinder. | iStock
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  • Psychische Krankheiten kommen im Lehrplan an Schulen nicht vor
  • Doch das ist ein großer Fehler, denn die Folgen betreffen Millionen
  • Aktuellen Studien zufolge entwickeln immer mehr Kinder beispielsweise eine Depression

In der Schule lernen Kinder alles Mögliche. Zum Beispiel, wie sich der Scheitelpunkt einer Parabel berechnen lässt, wie mit einem Siebdruck ein hübsches Bild entsteht und was "Du dummer Esel" auf Lateinisch heißt. Bei einigen Aspekten des Lernstoffs ist zumindest diskussionswürdig, wie dringend die Schüler diese in ihrem späteren Leben brauchen werden.

Umso besorgniserregender ist, dass bestimmte, gesellschaftlich höchst relevante Themen in der Schule überhaupt nicht zur Sprache kommen. Und nein, die Rede ist nicht von Sexualkunde. Dafür gibt es immerhin Sonder-Unterrichtseinheiten. (Außer auf einer streng katholischen Schule. Da müssen Ausmal-Bildchen reichen.)

Die Rede ist von psychischen Krankheiten wie Depressionen.

Das Thema steht nicht auf dem Lehrplan; in Jahrzehnten, die sie unterrichten, werden die meisten Lehrer nie mit ihren Schülern darüber sprechen.

Warum auch, könnten manche argumentieren, es sind schließlich vor allem Erwachsene, die von Depressionen betroffen sind. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch: Die Zahl von Kindern mit Depressionen nimmt massiv zu.

Die Zahl depressiver Kinder hat sich verzehnfacht

Im Jahr 2000 zählte das Statistische Bundesamt noch 2145 Fälle in Deutschland. Zwölf Jahre später wurden 12.567 Jugendliche wegen einer Depression stationär behandelt. Die Zahl hat sich in dem Zeitraum also verzehnfacht.

"Es gibt eine dramatische Zunahme im ambulanten und stationären Bereich", sagte Gert Schulte-Körne von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München der Tageszeitung "Die Welt".

Mehr zum Thema: 7 Dinge, die nur Menschen mit Depressionen verstehen

Bei zwei bis vier Prozent der Kinder im Grundschulalter stellen Fachärzte laut Schulte-Körne eine depressive Episode von mehreren Wochen oder Monaten fest. Bei Jugendlichen sind es 14 Prozent. Zum Vergleich: Bei Erwachsenen sind es 20 Prozent. Das ist kein großer Unterschied mehr.

Mehr als vier Millionen Kinder leiden unter den Depressionen ihrer Eltern

Auch die Chefärztin Nora Volmer-Berthele warnte kürzlich in einem Gastbeitrag für die HuffPost, psychosomatische Krankheiten bei Kindern hätten in den vergangenen Jahren zugenommen. Das sei auch der Grund, warum viele dieser Kinder die Schule meiden, wie sie aus ihrer Arbeit weiß. Wenn die Kinder viel Unterrichtsstoff verpassen, kann das wiederum Auswirkungen auf ihr ganzes Leben haben.

Der Kinder- und Jugendpsychologe Matthias Obrist stuft Kinder mit Depressionen als hoch selbstmordgefährdet ein, wie er in einem Vortrag an der Universität Zürich sagte.

Diese Krankheit einfach zu verschweigen, könnte also fatal sein.

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Viele scheinen außerdem zu übersehen, dass ein erheblicher Teil der depressiven Erwachsenen Eltern sind. Sie haben Kinder, die oft nicht wissen, wie sie mit der Krankheit ihrer Eltern umgehen sollen. Auch, weil sie in der Schule nie davon gehört haben.

Es sind nicht ein paar Dutzend Kinder, von denen hier die Rede ist, sondern vier Millionen, allein in Deutschland. Die Dunkelziffer schätzen Experten auf noch viel höher ein.

Wir dürfen nicht länger wegschauen

Oft übernehmen diese Kinder die Krankheit ihrer Eltern und werden selbst psychisch krank. Wenn sie ins Teenageralter kommen, verfallen sie Alkohol oder Drogen oder entwickeln schwere Angsterkrankungen.

Mehr zum Thema: Fast vier Millionen Kinder haben psychisch kranke Eltern - kaum jemand sieht, was das mit ihnen macht

Die Filmemacherin Andrea Rothenburg hat sich auf Psychiatrie-Filme spezialisiert und mittlerweile eine Stiftung für die Kinder psychisch kranker Eltern gegründet. Denn bei ihrer Arbeit hat sie bemerkt: Diese Kinder werden oft vollkommen vergessen. Und das offenbar nicht nur von Ärzten, sondern auch von Lehrern.

"Wenn eine schwere psychische Erkrankung, wie zum Beispiel eine Depression, nicht behandelt wird, kann auch sie - wie Krebs - tödlich enden", schreibt sie in einem Gast-Beitrag für die HuffPost. Deshalb sei es wichtig, sich dem Thema zu stellen und es nicht zu verdrängen.

"Wenn es in der Öffentlichkeit doch einmal um psychische Erkrankungen geht, schauen wir im Normalfall auf die Betroffenen - aber nur selten auf die Angehörigen und viel zu selten auf die Kinder", warnt Rothenburg, deren Vater Psychiater ist.

Die Lehrer können sich dafür einsetzen, dieses Problem zumindest in Teilen zu beheben - indem sie informieren, aufklären und damit betroffene Kinder unterstützen.

Lehrer müssen Depressionen wie jede andere Krankheit auch behandeln

Verschweigen sie dieses wichtige Thema weiterhin, tragen sie dazu bei, dass Depressionen immer noch tabuisiert werden.

Dabei gehört das Aufklären über Depressionen dringend in den Lehrplan.

Im Biologie-Unterricht sollten Kinder etwas über Depressionen lernen, genau wie über jede andere schwere Krankheit auch. Lehrer müssen die Kinder zum Einen darüber aufklären, dass es eine Krankheit ist, die jeden treffen kann: sie selbst, ihre Eltern, aber auch jeden Lehrer. Und dass es keinen Grund gibt, sich dafür zu schämen. Denn niemand kann etwas für eine psychische Erkrankung.

Zum Anderen sollten die Kinder lernen, wie sie damit umgehen können, wenn sie selbst erkranken oder aber nahe Verwandte. Sie sollten wissen, dass sie der Erkrankung nicht hilflos ausgeliefert sind. Und dass sie nicht daran Schuld sind, wenn ihre Eltern erkranken. Denn viele Kinder neigen dazu, so zu denken, wie auch Andrea Rothenburg aus eigener Erfahrung weiß.

Wenn die Kinder all das wüssten und ihre Lehrer sie zumindest ein bisschen über die Krankheit aufklären würden, könnte das Millionen von ihnen helfen.

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(lk)

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