Die Medien sind sich nach der Rede des katalanischen Regierungschefs uneins - sie sehen aber einen klaren Sieger

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PUIGDEMONT
Die Medien sind sich nach der Rede des katalanischen Regierungschefs uneins - sie sehen aber einen klaren Sieger | dpa
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  • Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont hat die Unabhängigkeit der spanischen Region vertagt
  • Aber er will an einer Loslösung von Spanien festhalten
  • Aufgrund der zweischneidigen Aussagen interpretieren die Medien die Situation unterschiedlich - 5 Thesen

Katalonien soll von Spanien unabhängig werden - aber noch nicht sofort.

Das ist die Quintessenz der mit Spannung erwarteten Rede des katalanischen Regierungschefs Carles Puigdemont vor dem Parlament in Barcelona. In seiner Ansprache forderte der Seperatisten-Führer erneut einen Dialog.

Damit spielt Katalonien weiter auf Zeit - und hofft auf ein Entgegenkommen der Zentralregierung in Madrid.

Viele Medien attackieren Puigdemont nach seiner Rede. Einige Kommentatoren sehen allerdings auch Madrid in der Pflicht - fünf Thesen zum katalanischen Regierungschef, seiner Ansprache und der Lage in Spanien:

1. Puigdemont hat überreizt

Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" ("HAZ") glaubt den Worten des Separatisten-Führers nicht. Denn schon in den Tagen nach dem umstrittenen Referendum vom 1. Oktober habe "der Mann mit der Pilzkopffrisur" posaunt, er fühle sich inzwischen "als Regierungschef eines unabhängigen Staates".

Aus Sicht der "HAZ" sei in Katalonien mittlerweile "etwas Unheilvolles, Zerstörerisches im Spiel". Mehr noch: "Puigdemont zeigt Anzeichen von Größenwahn."

Ein Dialog soll die Katalanen nun zur Unabhängigkeit führen. Doch die "Neue Osnabrücker Zeitung" ("NOZ") bezweifelt, dass Puigdemont dafür ein Mandat hat - wie er selbst glaubt.

Denn dagegen würden die niedrige Wahlbeteiligung beim Referendum und große Demonstrationen für den Verbleib Kataloniens in Spanien sprechen. "Beeindruckt haben dürfte die Separatisten auch die klare Kante Europas", bemerkt die "NOZ".

Die Zeitung fragt sich: "Wem soll eine Republik Katalonien nutzen, die nur von Venezuela und den britischen Brexit-Befürwortern anerkannt wird?"

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2. Puigdemont verbreitet Hoffnung

"Tatsächlich lässt die Rede nun die zarte Hoffnung zu, dass beide Seiten - Madrid und Barcelona - endlich miteinander verhandeln, aufeinander zugehen und tragfähige Kompromisse finden", gibt sich der "Reutlinger General-Anzeiger" positiv gestimmt.

Ähnlich sieht das auch die "Badische Zeitung". Sie nimmt in dem "Aufschub in Sachen Unabhängigkeit" - ob ehrlich gemeint oder nicht - in jedem Fall eine Chance wahr.

Die Zeitung aus Freiburg unterstreicht: "Es ist die vielleicht letzte Chance auf einen neuen Dialogversuch. Es wäre verantwortungslos, sie nicht zu ergreifen."

3. Puigdemont hat die richtige Entscheidung getroffen - doch Spaniens Premier ist der Sieger

Der katalanische Premier Carles Puigdemont habe bei "letzter Gelegenheit den Weg der Vernunft gewählt", ist sich die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") sicher. Der Konflikt sei aber noch längst nicht gelöst. Denn nun müsse Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy ebenso mit Vernunft antworten.

Für die "SZ" ist dennoch klar: "Der Premier hat die Auseinandersetzung mit dem abspaltungswilligen Teil Kataloniens gewonnen. Das Völkerrecht und Spaniens Verfassung stehen auf seiner Seite."

Auch die "Allgemeine Zeitung" ist über die Rede positiv überrascht. Sei diese doch ein "kaum noch für möglich gehaltenes Zugeständnis an die politischen Realitäten".

Nun hätten beide Konfliktparteien ausreichend Zeit, um auch tatsächlich Dialogbereitschaft entwickeln zu können.

Die Zeitung aus "Mainz" fordert allerdings: "Die Zentralregierung muss jetzt unbedingt abrüsten, und es ist auch an König Felipe, einen versöhnlicheren Ton anzuschlagen."

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4. Puigdemont hat kein Konzept

Die Separatisten in Katalonien "sind verunsichert", glaubt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ").

Denn: "Die Verschiebung der Unabhängigkeitserklärung ist ein Zeichen, dass die Separatisten letztlich keinen realistischen Plan hatten."

Der "FAZ" ist sich zudem unklar, was Puigdemont nun mit Madrid verhandeln will: die Ausgestaltung der Autonomie oder die Unabhängigkeit - "auf Letzteres wird sich Ministerpräsident Rajoy sicher nicht einlassen", weiß das Blatt aus Frankfurt.

5. Puigdemonts ist egoistisch

Die "Nordwest-Zeitung" warnt davor, die Entscheidung von Kataloniens Regierungschef als vernünftig zu betrachten. "Tatsächlich ist er wohl genauso egoistisch wie zuvor", schreibt das Blatt aus Oldenburg.

Denn da Puigdemont nicht die Loslösung der Region verkündete, entging er wohl vor allem seiner Verhaftung durch Rajoy. Nun bleibt Puigdemont frei. "Und es steht ihm frei, zurückzutreten und Platz für eine wirklich vernünftige Regionalregierung zu machen", betont die "Nordwest-Zeitung"

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(lp)

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