Wie eine italienische Kleinstadt zum Auffangbecken für hunderte Flüchtlinge wurde

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Luciana Matarese
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  • In der italienischen Küstenstadt Ventimiglia offenbaren sich die Herausforderungen der Flüchtlingskrise
  • Hunderte von Migranten versuchen täglich von dort aus die Grenze nach Frankreich zu überqueren
  • Für ihren Traum von einem besseren Leben nehmen sie jedes Risiko in Kauf

Jeden Abend geht Pascal zum Bahnhof und wartet. Eins, zwei, drei – er wartet bis der letzte Waggon vorbeigezogen ist. Pascal ist sechzehn Jahre alt und hat einen Traum: Er will die Grenze von Italien nach Frankreich überqueren.

Seit er vor drei Monaten in der italienischen Kleinstadt Ventimiglia angekommen ist, versucht er es. Manchmal alleine, manchmal zusammen mit anderen. Er wird es dorthin schaffen, er ist sich sicher. Unzählige Male hat er den Moment schon durchgespielt, sich vorgestellt, wie sich die Türen schließen und er den Sprung wagt - hinein in ein neues Leben.

Einfach ist das nicht, denn Pascal kommt von der Elfenbeinküste und hat dunkle Haut. Sobald er sich dem Zug nähert, wird man versuchen, ihn aufzuhalten.

Nur ein paar Kilometer trennen die Migranten von ihrem Ziel

Am besten stehen die Chancen freitags. Dann kommen Besucher von überall her nach Ventimiglia, dem "westlichen Tor Italiens", um den Markt zu besuchen. Die Migranten nutzen das Gewimmel und versuchen umso energischer die Züge zu erreichen.

Doch der Terroranschlag von Nizza hat zu stärkeren Grenzkontrollen geführt. Ventimiglia wirkt hin und wieder wie eine militärische Festung. Zudem ist davon auszugehen, dass die Migranten, selbst wenn sie es bis nach Frankreich schaffen sollten, sofort zurückgeschickt werden.

Bis ins Land ihrer Träume sind es nur ein paar Kilometer. Schon der nächste Halt in Menton Garavan liegt in Frankreich. Wenn der Zug dort eintrifft, wird er von Polizeibeamten durchsucht. In Gruppen von sechs Personen durchkämmen sie jeden Waggon. Sie sehen auch in den Maschinenräumen nach. Manchmal haben sie dort schon Menschen entdeckt. Tot.

Andere sind entlang der Gleise umgekommen, wieder andere auf dem "Todespass", der durch das das Gebirge zwischen Italien und Frankreich führt.

Aber darüber macht sich Pascal keine Gedanken. "Ich habe keine Angst vor der Polizei", sagt er und kneift die Augen zusammen, um einen Bahnwärter zu beobachten.

Es ist Freitag, heute könnte es klappen. Falls nicht, bleiben Pascal und die anderen Jungs über Nacht hier und versuchen es in der Früh erneut. Übernachten können sie im Bahnhofsgebäude oder auf dem Vorplatz, auf dem sich mit der Zeit zahlreiche Kartons, Decken und Schlafsäcke angesammelt haben – das beste Schlaflager, das die Migranten sich schaffen konnten.

Warum sie nicht im Lager des Roten Kreuzes schlafen? "Es ist zu weit weg und mir tun die Füße weh", erklärt Pascal und lächelt, "in Frankreich wird es mir besser gehen."

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Der Fluss dient als Toilette und Trinkwasserquelle zugleich

Pascal ist ganz allein. Er sagt, dass er gerne Journalismus studieren möchte, auch wenn er weiß, dass es nicht einfach werden würde. "Wir schlafen heute hier, morgen dort", seufzt er. "Das ist doch kein Leben. Wir sind Kinder der Straße."

Tatsächlich ist Pascal fast noch ein Kind, somit greift für ihn das europäische Flüchtlingsgesetz für unbegleitete Minderjährige. Davon gibt es viele hier in Ventimiglia, obwohl sie weniger geworden sind, seit Libyen und Italien ein Abkommen geschlossen haben.

Nach Vorschrift sollen Minderjährige nach ihrer Ankunft unverzüglich in einer Unterkunft kommen. Doch mindestens genauso viele schlafen unter der Brücke über den Fluss Roya. Zusammen mit rund 300 weiteren Flüchtlingen, die wie sie der Hölle ihrer Heimatländer entkommen wollen.

Unter der Brücke gibt es keine Toiletten oder Duschen. Nur den Fluss, der gleichzeitig als Trinkwasserquelle dient. Sobald es dämmert, sind sie alle da, mit schwarzen Augen, die uns mustern.

Ein Junge nähert sich uns und deutet auf eine braune Decke unter der jemand mit den Zähnen klappert. Er hat hohes Fieber und bittet um Hilfe. "Mir geht es schlecht, mir geht es schlecht", ruft er immer wieder auf Arabisch.

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Ein bisschen Spaß muss sein: Die Flüchtlinge spielen Dominos

Schließlich rufen Mitarbeiter der Hilfsorganisation Intersos, die sich dem Schutz von jugendlichen Flüchtlingen widmet, einen Krankenwagen. "Sie bringen ihn nach Bordighera", sagt eine junge Frau. Sie zuckt mit den Schultern und schließt sich einer kleinen Gruppe an, die auf einem umgedrehten Karton Dominos spielt. Alles schon mal gesehen.

Vorbild Sisyphos: Sie versuchen es immer und immer wieder

"Keine Fotos", mahnt Khan, der sich uns befehlshaberisch nähert. Er ist 21 Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Er hat eine Bleibeerlaubnis für fünf Jahre, "aber keinen Pass". Auch er will nach Frankreich. Warum er hier schläft und nicht beim Roten Kreuz? "Morgen bin ich hier weg, spätestens übermorgen", sagt er.

"Von hier aus ist der Bahnhof schneller zu erreichen, also können wir es öfter versuchen", fügt ein magerer Sudanese hinzu.

Doch nicht alle, die es über die Grenze geschafft haben, konnten ihren Traum verwirklichen. Die Sudanesen Yassin (17) and Abdulgazim (16) glaubten schon, Erfolg gehabt zu haben. Doch wenig später befanden sie sich in einem Bus nach Taranto in Apulien, wo sich das Zentrum für die Registrierung und Verteilung von Migranten befindet. Für einige ist die 17-stündige Fahrt schon Routine geworden.

"In der Politik nennt man das 'territoriale Dekompression'," erklärt Daniela Zitarosa von der Hilfsorganisation Intersos. So wird eine Maßnahme zur Entlastung bestimmter Gebiete genannt. "Illegal ist das zwar nicht, aber es ist unmenschlich und außerdem sehr kostenaufwendig: jede Fahrt kostet an die 5000 Euro."

Yassin und Abdulgazim waren nach vier Tagen wieder zurück. "Für uns ist das kein Problem, wir werden es weiter versuchen, bis es uns gelungen ist", sagt Yassin zuversichtlich. Er will in Frankreich studieren und später arbeiten. Abdulgazim hingegen will zu seinem Bruder nach England.

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Nepper, Schlepper, Kinderfänger

Plötzlich wird die Gruppe unruhig. Eine Parfümwolke kündigt die Ankunft eines Mannes an; er trägt ein weißes Hemd und schwarze Jeans. Doch er nähert sich der Gruppe erst, als wir uns von ihr entfernt haben. Während er mit den jungen Männern spricht, tauschen die untereinander Blicke aus.

Es scheint, dass es sich hier um einen Mittelsmann handelt. Gegen Bezahlung stellt er für interessierte Migranten Kontakte zu Schmugglern her, die sie über die Grenze bringen – zusammengekauert in einem Kofferraum vermutlich. Angeblich kostet der Transport zwischen 150 und 200 Euro. In Ventimiglia sprechen alle darüber. Es heißt, die Polizei wisse ebenfalls Bescheid.

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Rund 300 Migranten aus Afrika leben unter der Roya-Brücke

Aber auch mit dem Auto lassen sich die Grenzkontrollen nicht so einfach umgehen. Sowohl in Ponte San Luigi als auch in Breil durchsucht die französische Polizei des Öfteren Wagen. Trotzdem geben die Schmuggler den Migranten von Ventimiglia Hoffnung.

“Die Letzten werden die Ersten sein”

"Jetzt wo es kälter wird, suchen wir nach einer Möglichkeit, um die Migranten ins Camp zu holen", sagt Vera Nesci, die für den Schul- und Sozialdienst in Ventimiglia zuständig ist.

Was sagt sie dazu, dass die Unterkunft in der Kirche Sankt Antonius auf Drängen einer Bürgervereinigung geschlossen wurde? "Die Unterkunft wurde geschlossen, weil sie die Voraussetzungen für die Aufnahme von Frauen und Kindern nicht erfüllt hat. Es war nicht möglich, die nötigen hygienischen Zustände herzustellen", erklärt sie.

Und wie erklärt sie sich die Ablehnung einer Unterkunft für Jugendliche, die zwischen dem Dorf und der Küste entstehen sollte? "Wir sprechen hier von einer sehr touristischen Region – eine Unterkunft an dieser Stelle hätte eventuell zu Problemen geführt", stellt Nesci knapp fest. "Wir sind in der Pflicht, die Interessen des Gastgebers, also der Ventimigliesen, gegen die des Gastes, also der Flüchtlinge, abzuwägen."

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Die Brücke über den Roya

In Gianchette, einem beliebten, zentral gelegenen Viertel, ist die Stimmung angespannt an diesem Sonntag. Seit einigen Tagen kursiert das Gerücht, dass die "Ungläubigen", wie jemand die Flüchtlinge bezeichnet, in die Sankt Antonius Kirche zurückkehren könnten.

Bis zur Schließung der Unterkunft hatte Pfarrer Rito Alvarez dort mit Hilfe der Caritas warme Mahlzeiten verteilt und den Flüchtlingen einen Schlafplatz geboten. Es heißt, dass er ab Oktober zumindest wieder Brot an die Bedürftigen verteilen wird.

Als Pfarrer Alvarez sein Vorhaben während der Messe offiziell ankündigt, nörgeln Menschen aus der ersten Reihe. Es ist dieselbe Gruppe, die den Geistlichen vor dem Gottesdienst zu einer Erklärung gedrängt hatte. Don Rito liefert sie mit den Worten des Evangeliums: "Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten."

Draußen vor der Kirche warten Gemeindemitglieder auf den Pfarrer. Er soll ihnen versichern, dass er das Brot nur an weiße Bedürftige verteilt. Don Rito zögert nicht, bevor er antwortet: “Für mich sind alle Armen gleich, ich mache keine Unterscheidungen, auch nicht aufgrund ihrer Hautfarbe. Ich werde niemandem ein Stück Brot verweigern”, beharrt er und lockert dabei seinen Kragen.

Aber nicht jeder in Ventimiglia ist gegen Flüchtlinge. Maria, von den Migranten liebevoll "Mutter Maria" genannt, hat gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Dafür wird sie scharf kritisiert und muss sich vorwerfen lassen, Geld dafür anzunehmen.

Die Grundschullehrerin Silvia und ihre Kollegen bringen den Migranten Italienisch bei. In der Via Tenda haben sich verschiedene Kulturvereine zusammengeschlossen und vor zwei Monaten ein kleines Internetcafé eröffnet. Hier können Flüchtlinge kostenlos im Netz surfen und mit Freunden und Verwandten skypen.

Und jeden Abend finden sich freiwillige Helfer aus Frankreich ein, um auf dem Friedhofsparkplatz Essen und Medikamente zu verteilen. Auf zwei großen Teppichen breiten sie alles aus. Schon eine Stunde vorher stehen die Flüchtlinge Schlange, um etwas abzubekommen.

Die Hoffnung ist stärker

Im Übergangslager Roya sind derzeit 340 Personen untergebracht. Die meisten davon stammen aus dem Sudan, aber es gibt auch 40 Personen aus Bangladesh. Die Betten sind auf zwei Zelte verteilt, die jeweils in sechs Abschnitte gegliedert sind.

Die Duschvorrichtungen für die Frauen befinden sich unmittelbar neben den Toiletten der Männer, die in schlechtem Zustand sind. Es gibt keinen Platz, wo Kinder spielen könnten und keinen Zuständigen für minderjährige Alleinreisende.

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"Wir tun, was wir können"

"Natürlich ist vieles hier verbesserungswürdig", gesteht Teti vom Roten Kreuz ein, "aber wir tun, was wir können. Wer hier untergebracht ist, wird regelmäßig von Ärzten untersucht. Außerdem arbeiten wir eng mit Organisationen zusammen, die Rechtsbeistand liefern und viele Initiativen betreuen."

Für die Hilfsorganisation Intersos ist die Situation in Ventimiglia dennoch besorgniserregend, insbesondere da es keine Einrichtung für alleinreisende Minderjährige, oder alleinerziehende Mütter gibt.

Allein 2017 verzeichnete sie über ein Dutzend Fälle, in denen Flüchtlinge in der italienischen Küstenstadt Menschenhändlern in die Hände gefallen sind. “Wir wissen von mehreren Fällen in denen Minderjährige aus Nigeria in Frankreich zur Sexarbeit genötigt wurden”, gibt Intersos an.

Doch die Träumer hier scheren sich nicht um die Gefahren. Die Hoffnung auf ein besseres Leben ist stärker als jede Furcht. Auch an diesem Sonntagnachmittag wollen sie es versuchen. Plötzlich lächelt mir ein Junge zu und kommt zu mir herüber. In gebrochenem Italienisch fragt er: "Guten Tag gnädige Frau, fahren sie zufällig nach Frankreich?"

Dieser Text erschien zuerst bei der italienischen Ausgabe der HuffPost und wurde übersetzt von Anna Rinderspacher.

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