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07/10/2017 21:01 CEST | Aktualisiert 07/10/2017 21:04 CEST

"Wladimir Wladimirowitsch, gehen Sie in Rente!": 10 Geburtstagswünsche an Putin

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"Wladimir Wladimirowitsch, gegen Sie in Rente!": 10 Geburtstagswünsche für den russischen Präsidenten Putin

  • Der russische Präsident Wladimir Putin hat am 7. Oktober Geburtstag

  • Russland-Experte Boris Reitschuster schreibt ihm zu seinem Ehrentag einen Brief - mit 10 ungewöhnlichen Geburtstagswünschen

Lieber Wladimir Wladimirowitsch,

ich kenne Sie seit mehr als anderthalb Jahrzehnten persönlich; noch länger verfolge ich Ihr Wirken, habe mehrere Bücher darüber geschrieben.

Zu Ihrem heutigen 65. Geburtstag möchte ich Ihnen diese 10 Wünsche mit auf den Weg geben:

1. Dass Sie den Kontakt zur Realität wiederfinden

Macht macht selbst in demokratischen Ländern einsam. Absolute Macht, wie Sie sie haben, koppelt einen von der Wirklichkeit ab.

In Ihrer Umgebung traut sich niemand mehr, Ihnen unangenehme Wahrheiten zu sagen.

Etwa, dass Ihr Auftritt als Sänger und Pianist vor laufenden Kameras nur peinlich war.

Sie erklären Ihren Vertrauten morgens die Welt, die erklären die Welt dann genau so den Chefredakteuren – und abends sehen Sie im Fernsehen genau die Welt, die Sie am Morgen selbst entworfen haben.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Stärke finden, kritische Stimmen nicht mehr zu unterdrücken.

Das wäre zumindest ein erster Schritt.

Für eine grundlegende Rückkehr zur Realität, die ich Ihnen von Herzen wünsche, wäre allerdings die Erfüllung meines zweiten Wunsches notwendig.

Mit 65 Jahren sind sie bereits fünf Jahre über dem Renteneintrittsalter von russischen Männern, und auch wenn Sie Deutscher wären, dürften Sie jetzt bald mit dem Arbeiten aufhören.

2. Ich wünsche Ihnen: Gehen Sie in den Ruhestand

Fast 18 Jahre lange ein und dieselbe Arbeit zu machen, ist auch für weniger qualifizierte Jobs wie Arzt oder Professor ein langer Zeitraum; 18 Jahre an der Spitze Russlands ist für sie als Regierender sicher ebenso ermüdend wie für die Regierten.

Sie haben einmal gesagt, sie würden so hart arbeiten wie ein Sklave auf einer Galeere. Wählen Sie die Freiheit, schmeißen sie ihr Ruder weg!

Sie legen damit nicht nur die Einsamkeit der Macht ab.

Sie lassen immer verbreiten: Russland ist umzingelt, und meinen damit die NATO. In Wirklichkeit sind Sie umzingelt. Von Schönrednern und Claqueuren.

Befreien Sie sich!

3. Ich wünsche Ihnen, dass Sie endlich Ihre KGB-Brille ablegen können

Sie haben beim Geheimdienst gelernt, die Welt klar in Schwarz und Weiß zu teilen, in Freund und Feind.

KGB-Offiziere im mittleren Dienst wie Sie wurden darauf abgerichtet, überall Verschwörungen und Verrat, Provokationen und Angriffe zu wittern.

Viele Ihrer weltgewandteren Kameraden haben das abgelegt.

Ihre Politik zeigt, dass Sie bis heute in diesem Denken verfangen sind.

Die russischen Medien, die Sie steuern, lassen den Menschen ständig eintrichtern, die NATO plane einen Überfall auf Russland.

Ich fürchte, dass Sie selbst inzwischen daran glauben. An Ihre eigene Propaganda.

Wenn man überall Verrat, Provokation und Aggression wittert, muss das Leben eine Hölle sein.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich aus dieser Hölle befreien.

Russland ist nicht von Feinden umzingelt.

Die NATO plant keinen Angriff auf Ihr Land.

Wir wollen Partnerschaft mit Russland – nur tun wir uns schwer damit, solange Sie Nachbarländer überfallen und Ihre Kritiker gewaltsam ums Leben kommen.

4. Ich wünsche Ihnen ehrliche und freie Wahlen

Niemand zweifelt daran, dass Sie im Frühjahr zum vierten Mal zum russischen Präsident gewählt werden, mit einem überwältigenden Ergebnis.

Jeder, der Russland auch nur halbwegs kennt, ist sich bewusst, dass diese Wahlen massiv manipuliert werden.

Weil Sie Ihre Gegner gar nicht zur Wahl zulassen, sie in den Medien mit Schmutz bewerfen, statt sie zu Wort kommen zu lassen, weil Sie in und um die Wahllokale massiv und dreist betrügen.

So ein Wahlsieg muss so befriedigend sein wie ein Boxkampf, in dem der Sieger seinen Gegner vorab knebeln und auf den Boden fesseln lässt.

Ich wünsche Ihnen den Mut, eine echte Wahl zuzulassen.

Sie würden dann erfahren, was die Menschen wirklich von Ihnen denken.

Und egal, wie die Wahl ausgeht - sie könnten in jedem Fall stolz sein: Auf einen Sieg, der er ehrlich wäre. Und sogar auf eine Niederlage könnten sie stolz sein, weil Sie die Größe gehabt hätten, diese zu riskieren.

5. Ich wünsche Ihnen, dass Sie keine Angst mehr haben vor Ihren politischen Konkurrenten

Gerade hat ein Moskauer Gericht wieder in einem peinlichen Schauprozess Ihren bekanntesten Kritiker, Alexej Nawalnij, für 20 Tage einsperren lassen.

Zum wiederholten Male.

Selbst Ihre Marionette Dmitrij Medwedew hat, als er pro forma für Sie Präsident war, zugegeben, dass in Russland"Telefonjustiz" herrscht – also Gerichtsurteile per Telefon von ganz oben an die Richter diktiert werden.

Es ist deshalb klar, dass auch Sie für das Urteil gegen Nawalnij Verantwortung tragen. Ebenso dafür, dass sein Bruder, der drei kleine Kinder hat, seit Jahren unschuldig in Haft sitzt – de facto als Geisel.

Sehr viele Menschen sitzen in Russland im Straflager, weil Sie gegen Sie sind.

Wer seine Gegner wegsperren lässt, muss große Angst haben.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Angst besiegen.

Nicht nur Ihre Gegner werden dann frei sein – auch Sie werden sich freier fühlen.

6. Ich wünsche Ihnen, dass Sie im 21. Jahrhundert ankommen. Oder zumindest im 17. Jahrhundert

Ihr politisches Denken ist nicht mal in den Zeiten Bismarcks verhaftet – die Grundlagen für die Souveränität von Nationalstaaten wurden bereits 1648 mit dem Westfälischen Frieden gelegt.

Sie hingegen glauben immer noch, dass Russlands Nachbarländer wie kleine Kinder nicht ganz erwachsen sind und Sie über deren Schicksal mitbestimmen müssen.

Sie sind deshalb in diesen Ländern verhasst wie kaum ein anderer Politiker.

Lassen Sie diese Länder in Ruhe.

Akzeptieren Sie, dass nicht Sie, sondern die Menschen in diesen Ländern selbst über ihre Leben und ihr Schicksal entscheiden dürfen.

Ich zweifle, ob die Menschen dort wirklich dankbar sein werden, wenn Sie sie endlich in Ruhe lassen – dafür haben sie zu viel Angst dort ausgelöst, und zu viele Menschen sind gestorben.

Aber zumindest der Hass gegen Sie würde nachlassen.

Und weniger gehasst zu werden, sollte befreiend wirken.

7. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Sowjetnostalgie ablegen. Sie ist schlecht für Sie und für Ihr Land

Sie haben den Zusammenbruch der Sowjetunion als die größte geopolitische Tragödie des 21. Jahrhunderts bezeichnet.

Unter Ihnen ist es in Russland zu einer Stalin-Nostalgie gekommen. Der grausame Massenmörder wird heute wieder gefeiert. Sie lassen Seine Verbrechen relativieren und seine angeblichen Verdienste preisen.

Sie stehen in der sowjetischen Denk-Tradition, wonach der Staat alles und der Mensch nichts ist.

Solange Russland diese Denkweise nicht ablegt, solange Stalin verehrt wird, hat Russland keine Zukunft. So treten Sie und Ihr großartiges Land immer wieder auf die alten Mistgabeln.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie verstehen, dass Russlands Zukunft nicht darin besteht, dass die Nachbarländer es fürchten.

Russland hat eine große Zukunft, wenn die Nachbarn es beneiden.

Wenn die Menschen nicht auf Russlands Bedrohungspotential stolz sind, sondern Stolz sein könnten auf eine funktionierende Gesundheitsversorgung, auf würdige Renten, funktionierende Gesetze und eine erfolgreiche Bekämpfung von Korruption und Willkür.

8. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in die Geschichtsbücher nicht nur als Krieger eingehen

Sie sind für den Krieg in der Ostukraine verantwortlich, der mehr als 10.000 Menschen das Leben kostete und noch heute fast täglich Opfer fordert.

Die Truppen von Ihnen und Ihrem Verbündeten Assad haben massive Kriegsverbrechen in Syrien begangen.

Sie tragen die politische Verantwortung für den Abschuss des Fluges MH-17 über der Ostukraine mit fast 300 Toten und für die Ermordung des Ex-KGB-Agenten Alexander Litwinenko in London 2006 mit radioaktivem Polonium, wie niederländische Ermittler und ein britischer Richter feststellten.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Machen Sie sich ein Geburtstagsgeschenk, indem sie den blutigen Krieg in der Ukraine beenden. Sie müssen dazu nur die Grenzen dichtmachen und aufhören, aus Russland Waffen und Geld an Ihre Befehlsempfänger zu liefern, die Sie als "pro-russische Rebellen" ausgeben.

Vielleicht haben Sie Angst, dass Frieden statt Krieg zu beginnen Sie schwächer dastehen lässt.

Das Gegenteil ist der Fall.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie das verstehen.

9. Ich wünsche Ihnen, dass Sie nicht nur als Spitze der russischen Korruptions-Pyramide in die Geschichte eingehen – sondern als jemand, der auch einen Teil seines Geldes zurückgibt

Sie müssen ja nicht gleich Robin Hood sein.

Enge Vertraute von Ihnen brachten es auf dubiose Weise zu unvorstellbaren Milliardenvermögen, seit Sie an der Macht sind.

Ihre Kritiker bezeichnen Sie als reichsten Mann der Welt, weil sie sagen, dass Sie auf dieses Geld Zugriff haben.

Geben ist seliger als Nehmen, sagt ein deutsches Sprichwort.

In Russland leben Millionen Menschen in bitterer Armut; viele können sich nicht vollwertig satt essen, vielen fehlt das Geld für dringend benötigte Operationen.

Sagen Sie Ihren Freunden, dass Sie – als Geburtstagsgeschenk an Sie, statt Yachten und goldenen Toiletten für Ihre Flugzeuge – zumindest einen Teil Ihrer Milliarden den Menschen in Russland zurückgeben sollen.

Die Dankbarkeit der Menschen wird ein schönes Geburtstagsgeschenk an Sie werden.

10. Ich wünsche Ihnen echte Freunde

Nicht solche wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder, deren angebliche Freundschaft mit Ihnen einen schalen Beigeschmack hat, weil er von Ihnen – über den Umweg Ihrer Konzerne – Unsummen an Geld verdient.

Genauso wie so viele Ihrer anderen Kumpels, die zu Milliardären wurden, beruhen solche Beziehungen auf Abhängigkeiten – und nicht auf Freundschaft.

Ich wünsche Ihnen Menschen, die kein Geld von Ihnen wollen, keine Macht, keine Posten – sondern die Sie um Ihrer selbst willen wollen.

Solange sie Alleinherrscher sind, wird es für Sie sehr schwierig sein, solche echten Freunde zu finden.

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