Machtausbau um jeden Preis: Erdogan beginnt große Offensive im syrischen Idlib

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FSA FIGHTER
Ein FSA-Kämpfer in Aleppo. Droht Idlib eine ähnliche Zerstörung? | Abdalrhman Ismail / Reuters
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  • Der türkische Präsident Erdogan hat eine große Offensive in der syrischen Provinz Idlib angekündigt
  • Dort drohen nun erbitterte Kämpfe mit verschiedenen Terrorgruppen
  • Eigentlich geht es der türkischen Führung wohl vor allem um einen Machtausbau im Nachbarland

Es ist ruhig geworden um Syrien. Seit die mörderische Belagerung Aleppos vorbei ist, sind die Geschehnisse in dem Bürgerkriegsland aus dem Fokus der Medien gerückt.

Doch die Ruhe trügt: Die Lage in Syrien hat sich bei weitem nicht entschärft. Im Gegenteil: In vielen Gegenden, wie in der syrischen Provinz Idlib, ist die Situation derzeit hochexplosiv. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat am Samstagmorgen bekanntgegeben, hier zusammen mit Rebellen der Freien Syrischen Armee eine groß angelegte Offensive zu starten.

Auch Russland soll den militärischen Vorstoß unterstützen. Es droht ein brutaler Abnutzungskampf mit Terroristen der dem IS angehörigen al-Aqsa-Brigade und der Gruppe Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS), die aus der Al-Kaida nahen Nusra-Front entstanden ist.

Der Syrien-Analyst Ömer Özkizilcik sagte der HuffPost, eine Eskalation sei wahrscheinlich. "Schläferzellen des IS und von Jund ul Aqsa sind in der Region präsent. Agenten des Assad-Regimes sind auch vorhanden. Außerdem werden Hardliner innerhalb von HTS gegen die Türkei vorgehen wollen", erklärte der Kenner der Region.

Das islamistische Bündnis HTS kontrolliert als stärkste Kraft der Region weite Teile der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens. Idlib ist das größte verbliebene Gebiet in der Hand von Rebellen in dem Bürgerkriegsland. Doch die Fronten zwischen den radikalen und gemäßigteren Rebellengruppen sind lange nicht geklärt.

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Erdogan sendet Warnung — auch an die Kurden

Erdogan hatte in einer Fernsehansprache betont: "Wir werden niemals einen Terrorkorridor in Syrien entlang unserer Grenze zulassen." Die Truppen - zunächst keine türkischen Soldaten, sondern Kämpfer der Freien Syrischen Armee - stehen Berichten zufolge an der türkischen Grenze bereit, um in den Norden Syriens vorzudringen.

Ein Muskelspiel, das wohl nicht nur auf die islamistischen Terroristen, sondern auch auf die weite Teile Nordsyriens kontrollierenden kurdischen YPG-Kämpfer Eindruck machen soll, die noch immer als Hauptfeind Ankaras in Syrien gelten.

Darauf lässt auch die Zusammenarbeit der Türkei mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin schließen. Vor rund einer Woche besuchte Putin Erdogan in Ankara. Nun erklärte der türkische Präsident, die Türkei wolle "die inneren Grenzen“ Idlibs bewachen, Russland "die äußeren“.

"Die Russen wissen, wie kostspielig eine Operation in Idlib sein wird. Und sie präferieren es, die Lage vor Ort mit der Hilfe der Türkei unter Kontrolle zu bringen“, sagte Özkizilcik der HuffPost. Die Türkei auf der anderen Seite wolle mit einem taktischen Bündnis mit Putin ihre Hand gegen die von der USA unterstützten YPG-Einheiten stärken.

Russische Hilfe aus der Luft

Eine Offensive in der kurdisch kontrollierten Region Afrin sei weiter auf dem Tisch. "Die jetzige Idlib-Operation würde die Grundlagen dafür legen", glaubt Özkizilcik.

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Dass ausgerechnet Russland die Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Türkei in Idlib aus der Luft unterstützen soll, ist bemerkenswert. Denn die Gruppe war seit der russischen Intervention in Syrien das Hauptziel des Kremls.

Doch für Erdogan und Putin geht es bei der Stadt Idlib, in der einst fast 200.000 Menschen lebten, vor allem um strategisches Kalkül. "Die türkische Präsenz würde die türkische Einflusssphäre in Syrien und im Nahen Osten erweitern", erklärt Analyst Özkizilcik.

Es geht schon jetzt um eine Machtaufteilung für den Fall, dass der Krieg in Syrien irgendwann endet. Die Stadt unter Kontrolle zu bringen, könnte für die Türkei ein Schlüsselmoment sein, um den eigenen Einfluss zu sichern. Doch vor allem von Haiʾat Tahrir asch-Scham droht Gegenwehr, es gibt Berichte von ersten Gefechten außerhalb der Stadt.

Özkizilcik erklärt dazu: "Innerhalb von HTS dauern die Diskussionen weiter an, wie man mit der neuen Situation umgehen soll. Während ein Flügel eine Konfrontation mit der Türkei fürchtet, will ein andere Flügel die Türkei um jeden Preis bekämpfen."

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(ll)

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