POLITIK
07/10/2017 13:05 CEST

Eine ehemalige Geisel der islamistischen Al-Nusra-Front: "Ihr kriegt meine Seele nie"

  • Carl Campeau, Kanadier und UN-Mitarbeiter, wurde vor vier Jahren von Islamisten in Syrien entführt

  • Einer seiner Peiniger wurde nun in Deutschland verurteilt

  • Und Campeau erzählt eindringlich, wie er in Gefangenschaft für sein Leben kämpfte

  • Im Video-Interview mit der HuffPost erklärt er, warum aber nicht alles getan hätte, um seine Haut zu retten

Sie hatten ihn gefangen. Eingesperrt. Gequält. Aber seine Seele, die sollten sie nie bekommen. Das hatte sich Carl Campeau geschworen.

Es war der 17. Februar 2013 als der UN-Jurist aus Kanada das Camp südwestlich von Damaskus verließ, von dem aus die Vereinten Nationen die Golanhöhen überwachen. Er wollte zu einem Termin in die syrische Hauptstadt. Dinge klären, die man nicht am Telefon bespricht oder mailt. Und zu einem Physiotherapeuten, der sich um sein frisch operiertes Knie kümmern sollte.

Leben und sterben lagen da schon sehr nahe beieinander in Syrien. Das Camp war zwar noch nicht von Al-Qaida-nahen Rebellen überrannt. Aber in der Region kämpfte das Assad-Regime gegen die Rebellen. Und die Rebellen gegen wieder andere Rebellen.

Campeaus Frau, selbst Syrerin, hatte ihn angefleht, die Fahrt nach Damaskus nicht anzutreten. Aber Campeau arbeitet seit vielen Jahren in Krisengebieten. Angehörige zu beruhigen, das gehört zum Job, findet er. Ein gepanzerter Wagen war keiner frei, also nahm Campeau ein normales Auto, Helm und schusssichere Weste, und fuhr los.

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Campeau in der üblichen Schutzmontur vor einem Wagen der UN. Foto: Herder

In einem Vorort der syrischen Hauptstadt, Khan al-Shih, stoppten ihn zwei Männer, Kämpfer der islamistischen Al-Nusra-Front, die Gewehre im Anschlag. Sie zerrten ihn ums Auto, zwangen in auf den Rücksitz, karrten ihn zu einer Villa, die sie besetzt hatten. Campeaus dachte, sie würden ihn jetzt umbringen. (Wie er die Entführung erlebt hat, könnt ihr hier in einem Buchauszug lesen.)

Einer der Dschihadisten wurde nun in Deutschland verurteilt

Heute ist Campeau 53 und versucht, das Erlebte zu verarbeiten. Den Zwang, zum Islam zu konvertieren. Acht Monate Angst bis zu seiner Flucht. Die Erfahrung, dass weder der Arbeitgeber noch der Heimatstaat Lösegeld zahlen wollten, dass sie auch sonst kaum halfen. Das Wissen, dass die Gefahr für ihn heute kleiner geworden ist – aber nicht vorbei.

Einer der vielen Dschihadisten, mit denen Campeau während seiner Geiselhaft zu tun hatte, kam als Flüchtling nach Deutschland. Vor drei Wochen hat das Oberlandesgericht Suliman al S. verurteilt, zu drei Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Die Bundesanwaltschaft hatte sieben Jahre gefordert. Nach ihren Angaben war es das erste Mal, dass in Deutschland ein Flüchtling wegen Kriegsverbrechen vor Gericht stand.

Suliman al-S. sitzt schon seit Anfang 2016 in Untersuchungshaft, bei guter Führung könnte er bald wieder frei kommen. Außer, die Bundesanwaltschaft, die in Revision gehen will, hat Erfolg.

Die Angst vor Rache

Wer Campeau, markante Brille, schwarzer Rollkragenpulli, an diesem windigen Herbsttag in München trifft, der lernt einen Menschen kennen, der sich wegen des Prozesses sorgt.

Nicht weil er das Urteil für zu milde hält. Sondern weil er fürchtet, dass Suliman al-S. sich weiter radikalisieren und rächen wird, wenn er noch länger eingesperrt bleibt. "An mir, meiner Familie oder der deutschen Gesellschaft."

Nach Syrien abschieben, sagt der Jurist, wird Deutschland Suliman al-S. nicht können. Das könnte dessen Tod bedeuten. Und das würde er auch nicht wollen, sagt Campeau.

Er weiß, dass der Versuch, ehemalige Dschihadisten zu resozialisieren, teuer wird. Es ist der Versuch, "Zeitbomben", wie er sie nennt, zu entschärfen. Vor allem, wenn sie wie Suliman al-S. auch von Deutschland aus noch Kontakt gehalten haben zu ihren Kumpanen, wie Campeau sagt.

Aber er findet, die Gesellschaft habe keine andere Wahl, als "gute Imame" zu suchen, die die Dschihadisten religiös aufklären. Und Psychiater zu bezahlen, die ihnen helfen, ihre eigenen Traumata aufzuarbeiten.

Campeau hält nich alle seiner Entführer für schlechte Menschen

Der Vater von inzwischen drei Kindern sucht, tastet nach Worten, wenn er über seine Entführer spricht oder schreibt. Überhaupt, wenn er über Menschen urteilen soll.

Denn eines will er unbedingt vermeiden: Er will nicht in so eine Spirale des Hasses geraten wie viele seiner Entführer. Er wollte nie so undifferenziert urteilen wie viele von ihnen.

"Wenn ich Abneigung oder Hass empfinde, dann nicht so sehr gegen meine Kidnapper, sondern gegen ihre Ideologie", sagt er. "Es ist eine totalitäre Ideologie."

Nicht alle seiner Entführer seien schlechte Menschen. "Es gibt Gründe, warum sie in diese Sache hineingeraten sind und manchmal gute Gründe."

Campeau erzählt von einem jungen Mann, der von Soldaten gefangen und drei Monate jeden Tag gefoltert wurde, bevor er sich den Rebellen anschloss. Er findet die Reaktion nachvollziehbar. Rebellion an sich sei auch nicht das Problem. "Aber man muss sich fragen, was diese Rebellion erreichen will."

Junge Menschen aber hätten oft nicht die Weisheit, das zu sehen.

Gratwanderung zwischen Selbstaufgabe und Hass

Was der Jurist da macht, ist eine schwierige Gratwanderung. Eine auf einem Grat zwischen Abgründen aus Stockholm-Syndrom und Islamhass.

Und nicht immer gelingt Campeau das. In seinem Buch "Meine Seele kriegt ihr nie" schreibt er, dass er immer wieder Sätze durchstreichen musste, in denen die Gefühle stärker wurden als der Verstand. Aber diese "intellektuelle Faulheit", wie er es nennt, wollte und will er sich nicht gestatten.

Denn dann, so empfindet er es, hätten seine Kidnapper gewonnen. Sie hätten nicht nur acht Monate die Gewalt über seinen Körper gehabt, sondern lebenslang über seine Seele.

"Ich hätte keinen Unschuldigen getötet"

"Ich fragte mich nicht nur einmal, wer hier eigentlich in Wahrheit der Gefangene war. Inzwischen scheint mir die Antwort klar", schreibt er in seinem Buch über die Entführung.

"Wenn sie mich gezwungen hätten, einen Unschuldigen zu töten oder eine Frau zu vergewaltigen, das hätte ich nicht getan, nur um meine Haut zu retten", sagt er im Gespräch mit der HuffPost. Denn mit so einer Tat hätte er immer leben müssen. "Und wenn man an das Leben nach dem Tod glaubt, dann könnte es da auch Konsequenzen geben."

Die verzweifelte Hoffnung auf Hilfe, wenn schon nicht von Menschen, dann vom Erzengel

Campeau hält sich nicht für einen besonders religiösen Menschen. Aber in der Verzweiflung fing er an zu beten. "Ich dachte mir, was habe ich zu verlieren?"

Tatsächlich hätte er sein Leben verloren, wenn die Entführer gemerkt hätten, zu wem er da betete.

Aber Campeau bat den Erzengel Michael, er möge ihm die Flucht ermöglichen.

Am 16. Oktober, einem hohen muslimischen Feiertag, vergaßen die Entführer dann tatsächlich, die Tür zu seinem Zimmer abzusperren und verschwanden zum Sporttraining. Campeau floh zu Fuß durch die zerbombten, zerschossenen Straßen, rannte und wanderte Stunden, bis er auf Soldaten des Regimes traf, die ihn erst für einen Spion hielten. Erst nach langen Befragungen ließen sie ihn frei.

"Es ist egal, ob der Erzengel eine Idee oder Wirklichkeit ist, denn es hat mir geholfen, ihn um Hilfe zu bitten", sagt Campeau. "Es hat mir Hoffnung gegeben."

Als der 53-Jährige diese Sätze gesagt hat, bleibt es eine kurze Weile still im Raum. So beherrscht er über seine Erfahrungen spricht, so ruhig, so sehr quält ihn die Erinnerung, die ihm noch immer den Schlaf raubt. Und die jetzt seine Augen feucht werden lässt.

"Ich hätte ihn gern gefragt, ob es ihm gut geht"

Er weiß nicht, was passiert ist, nachdem er geflohen ist. Wann seine Entführer es gemerkt haben, ob sie ihm auf den Fersen waren.

Er hat nach seiner Rückkehr jedoch eine Anfrage über Facebook bekommen. Er vermutet, dass sie von einem der Entführer ist, wohl von einem, den er als einen der "guten" in Erinnerung hat. "Ich hätte ihn gern gefragt, ob es ihm gut geht", sagt Campeau. Aber aus Sicherheitsgründen ließ er es bleiben.

Um der Sicherheit willen darf die Öffentlichkeit auch nicht wissen, wo die UN ihn jetzt eingesetzt haben.

Seine Seele, die haben sie wohl nicht bekommen

Er arbeitet noch immer für die Organisation, die ihn nach seiner Einschätzung so hängen ließ, als sein Leben davon abhing. Die zuließ, dass eine Ehefrau maßgeblich die Verhandlungen führen musste mit Entführern und Behörden.

Selbst der Richter, der Suliman al-S. in Stuttgart verurteilte, machte den UN und dem kanadischen Geheimdienst laut der "Stuttgarter Zeitung" massive Vorwürfe: "Man mag es kaum glauben, aber die UN hat kein Interesse daran gezeigt, die Entführung ihres Mitarbeiters aufzuklären“, so Richter Anderer.

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Am 17. Oktober 2013, einen Tag nach der Flucht, übergibt der syrische Vize-Außenminister Faisal al-Makdad (r.) Campeau (M.) in die Obhut an den UN-Vertreter Yacoub El Hillo. Foto: Reuters.

"Ich arbeite noch dort, weil ich eine Familie habe und eine Job brauche. Und weil ich an die Ideale der UN glaube, daran, dass man die Menschen unterstützen und Staaten ein Diskussionsforum bieten muss."

Wer Campeau so zuhört, der hört einen ebenso rationalen wie verletzlichen Menschen, der viel Dinge erlebt hat, die niemand jemals hätte erleben sollen. Aber er hört eben immer noch einen Menschen. Einen, dessen Seele die Entführer verwundet haben. Aber bestimmt nicht besiegt.

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(jg)