Bertelsmann-Studie: Den etablierten Parteien laufen die bürgerlichen Wähler weg

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL
Bertelsmann-Studie: Den etablierten Parteien laufen die bürgerlichen Wähler weg | GETTY
Drucken
  • Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Die bürgerliche Mitte war bei dieser Bundestagswahl besonders umkämpft
  • Die etablierten Parteien haben demnach den Kampf um die Mitte verloren
  • Die Studie liefert auch eine Antwort darauf, welche Bevölkerungsgruppe vor allem AfD gewählt hat

Bei der Bundestagswahl haben sich die Augen vieler Menschen auf das Abschneiden der AfD gerichtet. Laut einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung gab es allerdings nicht an den Rändern die größten Verschiebungen - sondern in der bürgerlichen Mitte.

Das Ergebnis der Studie mit dem Titel "Populäre Wahl": Die etablierten Parteien haben nicht nur am rechten Rand Wähler verloren, sondern auch massiv in der bürgerlichen Mitte.

Demnach haben vier von zehn Wahlberechtigten in diesem Milieu ihre Stimme nicht abgegeben oder die AfD gewählt. Die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh stellte die Studie diesen Freitag vor. HuffPost hat die wichtigsten Fragen und Antworten der Studie aufgelistet.

1. Wie wurde die Studie erstellt?

"Die etablierten Parteien verlieren in der bürgerlichen Mitte deutlich an Terrain. Der Kampf um die Mitte hat sich massiv verschärft", erklärte der Autor der Studie, Robert Vehrkamp, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Die bürgerliche Mitte, das sind in der Studie Menschen mit mittlerem Einkommen, mittlerer Bildung. Die Studie nutzt für die Analyse die vom Sinus-Institut für Markt- und Sozial-Forschung definierten 10 Milieus der Wahlberechtigten in Deutschland. Das sind zum Beispiel die bürgerliche Mitte oder das prekäre, traditionelle, konservativ etablierte oder liberal-intellektuelle Milieu.

Die Forscher nutzten für die Studie repräsentative Umfragen des Meinungsforschungsinstituts YouGov sowie Nachwahlbefragungen, die infratest dimap direkt am Wahlsonntag gemacht hat.

2. Was ist das Ergebnis?

Demnach ergibt sich folgendes Ergebnis:

CDU/CSU verloren in der Mitte 15 Prozentpunkte
Die AfD dagegen legte um den gleichen Wert bei dieser Gruppe zu

bertelsmann

Quelle: Bertelsmann-Stiftung

Das hat Folgen für die Koalitionsbildung. Eine große Koalition aus Union und SPD würde demnach nur noch 42 Prozent und ein Jamaika-Bündnis aus CDU/CSU, FDP und Grünen nur 39 Prozent aller Wahlberechtigten aus der bürgerlichen Mitte repräsentieren.

"In der bürgerlichen Mitte gibt es eine Erosion, darum müssen sich die etablierten Parteien kümmern. Sonst werden sie das verloren gegangene Terrain nicht wieder zurückgewinnen", sagte Studienautor Vehrkamp.

3. Was war wahlentscheidend?

Das ist nicht das einzige spannende Ergebnis der Studie. Eine neue Konfliktlinie habe diese Wahl entscheidend geprägt, argumentieren die Forscher: Die Wählerschaft ist demnach gespalten in die Skeptiker und Befürworter der Modernisierung.

Diese neue Trennlinie zieht sich auch durch die bürgerliche Mitte - und hat das Wahlverhalten nach Überzeugung der Studienautoren entscheidend geprägt.

bertelsmann

Die orange Diagonale trennt die Gesellschaft grob in zwei Hälften - die Modernisierungsskeptiker sind unterhalb, die Befürworter oberhalb der Diagonalen. Quelle: Bertelsmann-Stiftung.

Auf der einen Seite stünden Milieus, die sich mit Begriffen wie Tradition oder Besitzstandswahrung identifizierten. Für Milieus, die der Modernisierung offen gegenüber stehen, stünden Begriffe wie Grenzüberwindung und Beschleunigung.

Diese Sicht erkläre das Wahlergebnis außerdem besser als der Blick auf Ost- und Westdeutschland. "Wenn wir die Bundestagswahl 2017 durch die Brille der Milieus betrachten, ergibt sich ein differenzierteres Bild auf die Wahlentscheidung", sagte Christina Tillmann, Mitautorin der Studie, gegenüber dem Nachrichtensender ntv.

Demnach sei die eigentliche Frage nach dieser Wahl nicht: Warum wählten die Menschen im Osten so, wie sie gewählt haben. Sondern: Warum sind einige Milieus im Osten stärker vertreten als im Westen.

Mehr zum Thema: "Liebe Brüder und Schwestern im Westen!": Der Brief eines Sachsen an alle, die über den Osten schimpfen

4. Welche Partei schnitt wie bei Modernisierungsskeptikern und -befürwortern ab?

AfD-Wähler kommen dabei vor allem aus einem Milieu: "Die AfD wurde ganz überwiegend von Menschen gewählt, die der sozialen und kulturellen Modernisierung zumindest skeptisch gegenüberstehen", befand Vehrkamp nach Auswertung der Zahlen.

65 Prozent aller AfD-Wähler kommen aus Milieus, die eher modernisierungsskeptisch sind. Damit habe die AfD im Parteienspektrum ein Alleinstellungsmerkmal, heißt es in der Studie.

Die Wähler aller anderen Parteien im Bundestag sind in der Mehrheit Modernisierungsbefürworter:

Bei der CDU/CSU sind es 52 Prozent
Bei der SPD 56 Prozent
Bei der FDP 59 Prozent
Bei der Linke 62 Prozent
Spitzenreiter sind mit 72 Prozent die Wähler der Grünen

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Korrektur anregen