Alle reden über die Ost-West-Spaltung in Deutschland – und vergessen den großen Riss zwischen Norden und Süden

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Tafel in Düsseldorf, Oktoberfest in Bayern | Getty
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  • Der große Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern hat für viel Aufregung gesorgt
  • In Deutschland wird nun wieder über die Spaltung zwischen Osten und Westen diskutiert
  • Was dabei vergessen wird: Die Spaltung zwischen Norden und Süden ist genauso groß

Deutschland ist seit 27 Jahren wiedervereinigt. Anderthalb Generationen sind aufgewachsen, ohne die deutsche Teilung jemals bewusst erlebt zu haben. Eigentlich sollte man meinen, dass die "Mauer in den Köpfen“ der Vergangenheit angehört, dass das Gerede über "Ossis“ und Wessis“ so antiquiert ist wie diese vom Sponti-Sprech der 1980er-Jahre geprägten Wörter selbst.

Eigentlich.

Tatsächlich aber hat das Sprechen über die Ost-West-Teilung des Landes seit der Bundestagswahl wieder Konjunktur.

Die AfD erreichte in den östlichen Bundesländern fast doppelt so hohe Stimmanteile wie in den westlichen Ländern. Sämtliche Direktmandate gewann sie im äußersten Osten des Landes. Und in Sachsen wurde sie, knapp vor der CDU, zur stärksten politischen Kraft.

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Dabei gerät ein wenig aus dem Fokus, dass die AfD auch im Westen einige bemerkenswerte Erfolge feiern konnte.

Eine Einteilung in den AfD-Osten und "liberalen" Westen funktioniert nicht

Etwa im nördlichen Ruhrgebiet, im Südosten Bayerns, in Schwaben und in Osthessen.

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg gewann die Alternative für Deutschland bereits 2015 einige Direktmandate, unter anderem in Mannheim, einer Stadt, die direkt an Helmut Kohls alten Wahlkreis in Ludwigshafen grenzt.

Die Zweiteilung Deutschlands in einen AfD-treuen Osten und einem vermeintlich "liberalen“ Westen funktioniert nicht. Und darüber hinaus entsteht dadurch ein falscher Eindruck von den wahren Gräben, die durch die Bundesrepublik verlaufen.

Deutschland mag geteilt sein – aber nicht so, wie sich das jene Menschen womöglich vorstellen, die jetzt wieder auf die "Jammer-Ossis“ schimpfen.

Historisch gesehen ist die Sache relativ klar: Die Nord-Süd-Teilung hat Deutschland viel stärker geprägt als die Ost-West-Teilung. Letztere ist als Idee kaum älter als 70 Jahre.

Die wirtschaftliche Nord-Süd-Teilung Deutschlands

Wirtschaftlich ist die Nord-Süd-Teilung des Landes deutlich sichtbar: In den Länderfinanzausgleich zahlen derzeit nur Bayern, Baden-Württemberg und Hessen ein. Alle anderen Bundesländer empfangen derzeit Gelder aus dem System.

Auch in Sachen Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsleistung liegen die südlichen Bundesländer vorn – was zum Teil aber auch eine Folge der deutschen Teilung ist. Besonders Bayern hat von der Abwanderung vieler Industriebetriebe aus Westberlin profitiert.

Gleiches gilt für die Binnenwanderung nach der Wende: Ohne die Fachkräfte aus dem Norden und dem Osten hätte es die bayerischen und baden-württembergischen Spitzenposition in so vielen Statistiken womöglich nicht gegeben. Und deswegen ist die demografische Situation vieler ländlicher Regionen im Süden heute weitaus besser.

Das alles sind keine Zahlenspielereien: Wir müssen weiter denken, wenn wir nach den Ursachen für den Wahlerfolg der AfD forschen. Offenbar hatte die AfD vor allem in solchen Regionen einen überdurchschnittlichen Erfolg, wo sich die Menschen von den Entwicklungen des globalisierten 21. Jahrhunderts allein gelassen fühlen.

Nicht nur im Osten leiden die Menschen

Und auch dort, wo Lebenserfahrung entwertet wird. Das gilt natürlich für den Osten, wo die Menschen nach 1990 noch einmal neu anfangen mussten. Die Klagen über den Umgang mit in der DDR erworbenen Betriebsrenten, etwa bei der Bahn, ist da nur ein sichtbarer Teil einer größeren Diskussion.

Aber wer sagt uns, dass solche Erfahrungen nicht auch im Westen gemacht werden?

Die Arbeiter im Rheinland und in Westfalen haben mit ihrer Lebensleistung geholfen, das bayerische Wirtschaftswunder in Gang zu bringen. Noch bis 1984 war Bayern Nehmerland im Länderfinanzausgleich, heute wollen führende CSU-Politiker den Bürgern in Nordrhein-Westfalen eben diese Solidarität entziehen.

Das Ende des Bergbaus an Rhein und Ruhr im kommenden Jahr steht zwar schon lange fest und war kaum vermeidbar. Gleichzeitig geht damit aber auch ein Stück Kulturgeschichte zu Ende. Und bis heute haben die Menschen in NRW viele negative Erfahrungen mit dem so genannten "Strukturwandel“ gemacht.

Anfangs hat man den Menschen im Westen eine bessere Zukunft durch Industrien wie den Automobilbau versprochen. Das Opel-Werk in Bochum ist mittlerweile abgerissen.

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Dann sollte es High-Tech richten. Doch Nokia kassierte erst Subventionen und machte dann die Fabrik dicht. Und nun sind durch die Fusionspläne bei ThyssenKrupp wieder tausende Arbeitsplätze in Gefahr. Fast genau 30 Jahre nach dem Kampf um Rheinhausen.

Was soll ein Mann um die Fünfzig, der vor 35 Jahren im Westen beim Bergbau oder in der Stahlindustrie lernte, seinen Kindern und Enkeln als Lebenserfahrung mit auf den Weg geben? Außer, dass es immer noch schlimmer kommen kann, als man denkt?

Wir müssen viel mehr auf solche Brüche achten und die Menschen besser durch solche Situationen begleiten, wenn wir eine weitere Radikalisierung des Landes verhindern wollen. Das Ossi-Wessi-Denken lenkt uns von den eigentlichen Problemen ab.

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(jg)