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04/10/2017 17:41 CEST | Aktualisiert 04/10/2017 20:55 CEST

Kinderarzt Remo Largo kritisiert Erziehungsratgeber: "Es ist viel wichtiger, das Kind zu verstehen"

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Der bekannte Kinderarzt Remo Largo rät davon ab, zu viele Erziehungsratgeber zu wälzen.

Soll ich mein Baby bei mir im Bett schlafen lassen? Darf ich es schreien lassen, wenn es nachts aufwacht? Bis zu welchem Alter soll ich mein Kind stillen? Und soll es lieber Brei bekommen oder gleich feste Nahrung?

Junge Eltern stellen sich viele Fragen. Ihre größte Angst ist es, Fehler zu machen. Fehler, die sich womöglich nie wieder rückgängig machen lassen. Und die Antworten auf ihre Frage finden viele von ihnen in Erziehungsratgebern.

Die Regale mit solchen Publikationen für Eltern in den Buchhandlungen sind daher meterlang.

Doch Pädagogen sehen den Ratgeber-Boom mit Skepsis. Wenn Eltern sich zu sehr auf diese Literatur fixieren, warnen die Experten, können sie ihren Kindern schlimmstenfalls sogar schaden.

Largo hält die meisten Erziehungsratgeber für kontraproduktiv

Der wahrscheinlich bekannteste Kritiker von Erziehungsratgebern ist der Schweizer Kinderarzt Remo Largo. Nur wenige Experten im deutschsprachigen Raum haben sich so intensiv mit dem Thema Kindesentwicklung beschäftigt wie er. Sein Buch "Babyjahre" gehört seit fast zwei Jahrzehnten zur Grundausstattung junger Eltern.

Den Großteil der neuen Erziehungsratgeber hält Largo für kontraproduktiv. "Die meisten dieser Bücher behandeln nur ein bestimmtes Thema und sind problemorientiert", sagte er der HuffPost.

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"Was mache ich, wenn mein Baby nicht durchschläft? Was, wenn es den Brei nicht essen will? Ich halte von dieser Art von Ratgeber nicht viel."

Sie seien sehr direktiv geschrieben und versprächen, dass es auf das eine Problem auch die eine Lösung gebe. "Doch DIE Lösung in dem Sinne gibt es beim Thema Erziehung nicht", sagt er.

"Diese Form von Erziehungsratgebern macht die Eltern hilflos"

Die Folge, so warnt Largo, seien Ratlosigkeit bei den Eltern und Schaden für die Kinder. "Diese Form von Erziehungsratgebern macht die Eltern hilflos - und die Kinder leiden darunter, dass die Eltern ihr Problem nicht lösen können."

Der Kinderarzt erläutert das an einem Beispiel: "Nehmen Sie etwa einen Ratgeber zum Thema Schlafstörung. Da wird den Eltern also direktiv gesagt, was sie tun sollen. Doch was ist, wenn diese eine Methode nicht funktioniert? Dann können die Eltern ein weiteres Buch kaufen oder sich irgendwann Hilfe bei einem Experten suchen."

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Dass Ratgeber in vielen Fällen mehr Negatives ausrichten als sie nützen, kritisieren auch andere Experten. "Viele Eltern, die unsere Beratungsstelle aufsuchen, sind durch die vielen unterschiedlichen Ratgeber verunsichert", sagte Bettina Lamm, Familientherapeutin und Entwicklungspsychologin an der Universität Osnabrück, der "Rhein Main Presse".

Fehlende praktische Erfahrung verunsichert Eltern

Sie und andere Wissenschaftler beobachten, dass das Phänomen vor allem die gebildete, gut situierte Mittelschicht betrifft. "Die Familiengründung findet meist Ende 20 oder Anfang 30 statt und oft haben Mutter und Vater dann zum ersten Mal in ihrem Leben ein Baby im Arm", sagte Lamm.

Die fehlende praktische Erfahrung verunsichere die Eltern, der Griff ins Bücherregal sei eine logische Folge. Das Problem, so warnt sie: Diese Eltern suchten oft nach der einen, allgemeingültigen Lösung für eine Erziehungsfrage - die nicht existiere, wie auch Largo betont.

Statt nach Patentrezepten zu suchen, sollten Eltern lieber eines tun, rät der Kinderarzt: versuchen, das Kind zu verstehen.

"Ich habe Hunderten von Kindern dabei zugesehen, wie sie groß geworden sind", sagt Largo. Er habe immer versucht, kein Ratgeber zu sein und auch keine zu schreiben.

Jedes Kind entwickelt sich unterschiedlich

"Stattdessen ist es mein Ziel, den Eltern zu erklären, wie ihr Kind tickt und welche Bedürfnisse es hat. Denn nur wenn die Eltern ihre Kinder verstehen, können sie auch ihre Probleme lösen."

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Die Paar- und Familienberaterin Ursula Keller ist sehr ähnlicher Ansicht. "Ein guter Erziehungsratgeber berücksichtigt, dass Kinder sich unterschiedlich entwickeln", sagte sie dem Onlineportal "familienleben.ch".

"Vorsichtig sollten Eltern immer dann auf einen Erziehungsratgeber reagieren, wenn er versucht, Patentrezepte zu verkaufen. Denn Patentrezepte, die für alle Familien gelten, gibt es nicht."

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Sie nennt außerdem einen weiteren Punkt, der aus Ihrer Sicht gegen die Lektüre vieler Erziehungsratgeber spricht: "Die Ratgeber sind oft sehr unterschiedlich. Auf gleiche Fragen bieten sie unterschiedliche Antworten. Das kann Eltern zusätzlich verwirren."

"Die eine Lösung für die Probleme aller Kinder gibt es nicht"

Entwicklungspsychologin Lamm rät verunsicherten Eltern, die zu ihr in die Familientherapie kommen: "Packt die Bücher weg und vertraut eurem Bauch" - auch wenn sie wisse, dass das nicht einfach sei und meist erst beim zweiten oder gar dritten Kind gelinge, wie sie selbst sagt.

Auch für Kinderarzt Largo ist die Sache klar: "Jedes Kind ist einmalig", sagt er. "Die eine Lösung für die Probleme aller Kinder gibt es nicht. Wenn Eltern ihr Kind und seine Entwicklung verstehen, brauchen sie all die Erziehungsratgeber nicht."

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(sma)