Liebes Deutschland: Ich habe Angst, dass du eines Tages so gespalten bist wie die USA unter Trump

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MAUER
dpa
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  • Seit 27 Jahren gibt es auf dem Papier keine zwei Deutschlands mehr
  • Doch nach der Bundestagswahl keimt das Ossi-Wessi-Denken wieder auf
  • Wohin diese Spaltung führt, sehen wir in den USA

Liebes Deutschland,

heute ist der Tag der deutschen Einheit. Seit 27 Jahren gibt es keine zwei Deutschlands mehr.

Die DDR-Kennzeichen und die Plastikmünzen aus dem Osten; das westdeutsche Zonenrandgebiet und die vierstelligen Postleitzahlen – all das sind für mich nur noch Kindheitserinnerungen. Ich bin 36 Jahre alt und habe drei Viertel meine Lebens in einem wiedervereinigten Deutschland gelebt.

Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich erinnere mich noch, als ich vor knapp zehn Jahren nach Berlin gezogen bin. Damals, eineinhalb Jahre nach dem „Sommermärchen“ der Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Die "Mauer in den Köpfen" war im Begriff, sich in Staub aufzulösen

Wir dachten damals, dass die berühmte „Mauer in den Köpfen“ im Begriff sei, sich in Staub aufzulösen. Es war eine Zeit, als die ersten Menschen erwachsen wurden, die das geteilte Deutschland nicht mehr bewusst miterlebt hatten.

Mit Kategorien wie „Wessi“ und „Ossi“ konnten diese jungen Menschen nichts mehr anfangen. Und dann war da dieser vermeintlich unbekümmerte Partypatriotismus, der die alte Feindbilder der westdeutschen Linken ins Wanken brachte.

Berlin war damals noch am Anfang der großen Rollkoffer-Invasion. Die Stadt wurde in der ganze Welt ein Beispiel dafür, dass Geschichte auch einen positiven Weg einschlagen kann.

Ein Happyend war es freilich nicht. Und mir ist es unbegreiflich, dass diese Zeit, die sich so leicht anfühlte, erst ein Jahrzehnt her ist.

Hass schwappt wieder durch die Gassen der Republik

Heute schwappt der Hass wieder durch die Gassen der Republik. Im vergangenen Jahr, bei den Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit in Dresden, randalierten rechtsradikale Gewalttäter in der Dresdner Innenstadt und beschimpften die anwesenden Politiker als „Abschaum“.

Die AfD feiert einen Siegeszug, der keineswegs nur eine Momentaufnahme ist, sondern die Spaltung des Landes abbildet.

Dafür muss man nur nach Berlin schauen: Während im wohlhabenden, alternativ denkenden Kreuzberg-Friedrichshain eine grüne Kandidatin ihren Wahlkreis bei der Bundestagswahl gewann, wurde die AfD im strukturkonservativen Marzahn-Hellersdorf zur zweitstärksten Kraft – hinter der Linken, deren Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Sahra Wagenknecht, im Wahlkampf ebenfalls durch asylkritische Parolen aufgefallen war.

Die Wahlergebnisse haben jene wieder auf den Plan gerufen, die in „Ossi“- und „Wessi“-Kategorien denken. Im ZDF-Politbarometer gab eine Mehrheit der Befragten an, dass die Unterschiede zwischen West und Ost überwiegen.

Aber es ist nicht nur das wieder auflebende Wessi-Ossi-Denken, das mir Sorgen macht.

15 Millionen Menschen haben keine Rolle im Wahlkampf gespielt

Es ist die Tatsache, dass die gut 15 Millionen Menschen in Deutschland, die schon einmal von Hartz IV gelebt haben, kaum eine Rolle im Wahlkampf gespielt haben.

Es ist die Tatsache, dass weite Teile der ländlichen Regionen immer noch von schnellem Internet abgekoppelt sind, weil die Bundesregierung den Ausbau dieser zukunftswichtigen Infrastruktur dem freien Markt überlassen hat.

Es ist die Tatsache, dass ich mit meinen 36 Jahren kaum mehr darauf zu hoffen brauche, dass ich eines Tages von meiner gesetzlichen Rente einen menschenwürdigen Lebensabend führen kann.

Es ist die Tatsache, dass Akademikerkinder von Geburt an eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit in die Wiege gelegt bekommen, einen Uni-Abschluss zu machen.

Für viele ist Deutschland kein Land, in dem man "gut und gerne leben" kann

Es ist die Tatsache, dass ich der ersten Generation in der Bundesrepublik angehöre, die trotz der bombigen wirtschaftlichen Rahmendaten weniger Wohlstand erleben wird als ihre Elterngeneration.

Liebes Deutschland, für viele Millionen Menschen bist Du kein Land, in den man „gut und gerne leben“ kann. Und das dürfen unsere Politiker nicht weiter ignorieren.

Wohin das führt, sehen wir in den USA: Auch dort wurden die so genannten „Fly-Over-States“ jahrzehntelang nur verlacht.

Obwohl sich dort das Leben weniger gut anfühlte als an den Küstenregionen. Die Politik hatte diese Probleme viel zu lange ignoriert. Bis dort eine politische Bewegung heranwuchs, die einen rassistischen Immobilien-Milliardär ins Weiße Haus getragen hat.

Ich will nicht, dass es in Deutschland eines Tages soweit kommt

Ich will nicht, dass es eines Tages in Deutschland so weit kommt. Ich sehne mich nach einem Land, in dem wir die Zukunft gemeinsam gestalten. Arme und Reiche, Handwerker und Professoren, Dorfbürgermeister und Großstadthipster. Das hat die Bundesrepublik seit ihrer Gründung ausgemacht. Und da müssen wir wieder hin.

Was wir bräuchten, wäre eine neue deutsche Einheit. Lasst uns heute damit beginnen, und nicht erst nach dem nächsten Wahltriumph der AfD.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

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