Eine Studie zeigt, warum so viele Frauen Ostdeutschland verlassen - und welche Folgen das hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
OSTDEUTSCHLAND
Eine Studie zeigt, warum so viele Frauen Ostdeutschland verlassen - und es so wichtig wäre, dass sie bleiben | Getty Images
Drucken
  • Unter ostdeutschen Männern ist die AfD derzeit die beliebteste Partei
  • Darin kommt ein Frust zum Vorschein, der unter anderem auf einen Männerüberschuss im Osten zurückzuführen ist
  • Eine Soziologin hat in einer Studie jetzt herausgefunden, wieso so viele Frauen abwandern

Das Ergebnis ist - gelinde gesagt - erschreckend gewesen: In Sachsen holte keine Partei bei der Bundestagswahl vergangenen Sonntag so viele Stimmen, wie die AfD. Ganze 27 Prozent der Wahlberechtigten wollen die Rechtspopulisten dort an der Spitze sehen.

Hätten nur ostdeutsche Männer das neue Parlament gewählt, wäre die AfD mit 26 Prozent der Stimmen stärkste Kraft.

Anders als in Westdeutschland gibt es im Osten verhältnismäßig viele Männer - und wenig Frauen. In Sachsen-Anhalt und Thüringen liegt der Männeranteil bei 52,7 Prozent. Besonders in ländlichen Regionen ist der Männerüberschuss oft um ein Vielfaches größer. In der Gemeinde Weißkeißel im Landkreis Görlitz in Sachsen kommen zum Beispiel auf 100 Männer nur 56 Frauen.

Der Grund: Immer noch verlassen besonders viele Frauen die ländlichen Gegenden im Osten.

"Gebildete Männer kommen häufiger zurück"

Woran das liegt, hat die Soziologin Julia Gabler von der Uni Zittau-Görlitz in einer umfassenden Studie untersucht. Ihr Ergebnis: Junge, gut ausgebildete Frauen haben im Osten weit weniger Chancen als im Westen. Denn unter anderem würden die Männer sie hier besonders oft als Bedrohung wahrnehmen, sagt Gabler.

Untersucht hat die Wissenschaftlerin die Entwicklung am Beispiel des Landkreises Görlitz.

Innerhalb von 13 Jahren (von 2001 bis 2014) ist die Bevölkerung dort um 18 Prozent geschrumpft. Außerdem ist sie deutlich überaltert, die Geburtenrate geht auffallend zurück.

Besonders junge Frauen im gebärfähigen Alter verlassen die ländlichen Regionen - und ziehen in ost- oder westdeutsche Städte.

“Als ich hergezogen bin, habe ich festgestellt, dass hier sehr viele kluge und gut ausgebildete Frauen leben - aber die meisten arbeiten in prekären Verhältnissen”, sagt Gabler. Sie würden zwar im Osten studieren, die Region dann aber wegen fehlender Karrierechancen wieder verlassen. “Gebildete Männer ziehen zwar auch weg, kommen aber häufiger wieder zurück", so ihre Beobachtung.

Mehr zum Thema: Warum ich als Frau gegen die AfD kämpfe

Frauen werden in ihrer Entwicklung gebremst

So schlimm, wie der Exodus aus dem Osten in den 90er und 2000er Jahren war, ist er zwar jetzt nicht mehr. In die größeren Städte im Osten ziehen sogar mehr Menschen als sie verlassen. Die Städte profitieren - der ländliche Raum jedoch leidet immer noch unter der Abwanderung von jungen Frauen. Dazu kommt: Kaum eine junge Frau möchte dort hinziehen.

Die Gründe dafür sind vielseitig: Vielen fehlen die Möglichkeiten, sich in ländlichen ostdeutschen Regionen zu entfalten, sie vermissen ein kulturelles Angebot, die Infrastruktur ist schlecht. Und: Die Karrierechancen und Aufstiegsmöglichkeiten sind gering.

Obwohl 41 Prozent der Studentinnen nach ihrem Abschluss gerne in der Region bleiben würden, will nur ein Viertel auch dort arbeiten. Die meisten Absolventinnen glauben offenbar nicht, in der Region einer angemessenen Beschäftigung nachgehen zu können.

Und bleiben sie doch, erleben viele Frauen, dass sie in ihrer Entwicklung gebremst werden - und dass ihre Chefs sie nicht schätzen.

In Gablers Studie kommen auch Frauen zu Wort, die sie für ihre Untersuchung befragt hat. “Einmal konnte mein Kollege eine Weiterbildung nicht antreten und hat mich gefragt, ob ich Interesse habe”, zitiert sie Nancy, eine von ihnen. “Ich bin dann zu meinem Chef und hab ihn gefragt, aber der guckt mich nur erstaunt an: Was wollen Sie denn bei der Weiterbildung? Ich brauche Sie doch hier.“

“Es ist dieses Gefühl: Mein Status ist bedroht”

Angehende Unternehmerinnen berichteten in der Studie darüber, nicht ernst genommen zu werden. Viele Männer rieten den befragten Frauen demnach sogar ab, den Weg in die Selbständigkeit zu suchen.

Befragte Frauen beschwerten sich auch, besonders nachdem sie Mütter geworden seien, überhaupt keine interessanten Aufgaben mehr bekommen zu haben. Außerdem berichteten sie von offen frauenfeindlichen Äußerungen von männlichen Chefs.

Gabler sieht darin eine Kleinmachstrategie.

“Männer nehmen Frauen im Osten durchaus als Bedrohung wahr”, sagt sie. “In den Gesprächen für die Studie gab es einige Äußerungen von männlichen Verantwortungsträgern, die genau in diese Richtung gingen.” Dahinter, so glaubt sie, stecke eine Furcht, dass Frauen etwas formulieren, was für viele Männer neu und fremd sei.

Mehr zum Thema: Warum die AfD besonders bei jungen Menschen in Ostdeutschland so erfolgreich ist

Die Soziologin vermutet hinter dem Verhalten einen Impuls, der ähnlich ist wie der Furcht vor Überfremdung: “Es ist dieses Gefühl: Mein Status ist bedroht.”

Dieser Impuls sei im Osten ausgeprägter als im Westen - obwohl Deutschland seit mehr als zwölf Jahren eine ostdeutsche Kanzlerin hat und die ostdeutsche Frau als weit emanzipierter und gleichberechtigter als die Westfrau gilt. Doch ein modernes Frauenbild hat sich im Osten des Landes dadurch offensichtlich nicht entwickelt.

"Es gibt im Osten erstaunlicherweise ein eher traditionelles Frauenbild - auch wenn die Selbstvorstellung von der berufstätigen Frau und Mutter noch vorhanden ist”, erklärt Gabler. “Aber die Frauen in der DDR waren nicht nur emanzipiert. Ja, sie haben gearbeitet, aber sie kümmerten sich trotzdem um Haushalt und Kinder, hatten also eine Doppel- und Dreifachbelastung.”

"Männerüberschuss bewirkt soziale Kälte"

Leider besteht nach Gablers Ansicht auch wenig Hoffnung, dass sich das bei der jüngeren Generation ändert. Denn die Enttäuschung, die nach der Euphorie der Wende unter anderem durch die Agenda 2010 im Osten in Perspektivlosigkeit und Ohnmacht mündete, sei immer noch vorhanden. Und: “Diese Enttäuschung geben die älteren Männer jetzt an die jungen weiter”, sagt Gabler.

Gabler ist sicher: Der Frust, den die ostdeutschen Männer - besonders in ländlichen Regionen - spüren, ist nicht zuletzt für das sehr gute Abschneiden der AfD in diesen Gebieten verantwortlich. Und auch zurückzuführen auf den geringen Frauenanteil.

Die Gruppe der jungen Frauen spiele eine Schlüsselrolle in der Stabilisierung und beim Gestalten von demografischen Verhältnissen, heißt es in Gablers Studie. Und zwar nicht nur wegen ihrer Arbeitskraft, sondern auch wegen ihrer "kreativen Potenziale, Impulse für neue attraktive Lebensstile oder bürgerschaftliches Engagement sowie soziale Integrationsfunktionen".

"In Regionen mit Männerüberschuss hält die soziale Kälte Einzug", erklärt Gabler. “Frauen leisten sehr viel Beziehungsarbeit - das ist ein Wärmegenerator."

"Die Männer sind abgeschottet"

Schaffe es die Region nicht, mehr junge Frauen zu halten oder wieder zurückzubekommen, könne sich eine Negativspirale verfestigen, warnt die Forscherin. Und: Die AfD könnte bei den nächsten Wahlen noch deutlich zulegen.

"Es ist ein Ausdruck für die fehlende soziale Nähe, dass so viele junge Männer die AfD gewählt haben - sie sind abgeschottet", sagt Gabler.

Sie hält es für sinnvoller, sich um die Frauen zu kümmern, die in den Regionen leben, nicht darauf, abgewanderte Frauen wieder zurückzuholen. Dafür setzt sie unter anderem auf Workshops und Frauennetzwerke.

Die Frauen, die da sind, bleiben nur, wenn sich das Klima ändert. Geschlechterthemen müssten von der kompletten Gesellschaft Rückendeckung erfahren - nicht nur von den Gleichstellungsbeauftragten unterstützt werden.

Mehr zum Thema: Die AfD ist unter ostdeutschen Männern die stärkste Partei - wie konnte das passieren?

Es sei zwar “unbequem”, über Geschlechterthemen zu sprechen, wie es in Gablers Studie heißt. Allerdings könne der Austausch eine sehr positive Wirkung haben. Es sei wichtig, Stereotype zu hinterfragen und über diskriminierende Erfahrungen, die Frauen gemacht haben, zu sprechen.

Nur so könne sich etwas ändern am Männerüberschuss, den es in den ländlichen Regionen gibt. Denn ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis hätte positive Auswirkungen auf ganz Ostdeutschland, sagt Gabler.

Ihr Fazit: “Es würde dem Osten insgesamt sehr gut tun, wenn die Frauen hierbleiben oder wieder zurückkommen würden. Vielleicht gibt es dann auch wieder eine nachhaltigere Zivilgesellschaft.”

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

(lk)