NACHRICHTEN
02/10/2017 12:31 CEST | Aktualisiert 02/10/2017 12:32 CEST

Der britische Außenminister versucht, den Brexit-Kurs zu untergraben - und isoliert sich damit in seiner Partei

Darren Staples / Reuters
Muss der britische Außenminister bald seine Koffer packen?

  • Der britische Außenminister Boris Johnson untergräbt die Autorität von Premierministerin Theresa May bei den Brexit-Verhandlungen

  • Auf dem Parteitag der Tories offenbart sich, wie sehr er sich damit ins Abseits manövriert hat

  • Droht Johnson jetzt der Rausschmiss?

Das Machtgerangel zwischen dem britischen Außenminister Boris Johnson und der Premier Theresa May nimmt kein Ende. Auf dem Parteitag der Konservativen am Sonntag offenbart sich, wie sehr er sich damit ins Abseits manövriert hat.

Gleich mehrere Tory-Minister kritisieren Johnsons fehlende Loyalität - und machen sich öffentlich über ihn lustig. Offenbar hat der Außenminister die Stimmung in seiner Partei falsch eingeschätzt: Niemand, auch kein Hinterbänkler, will die Regierung schwächen oder den Brexit-Prozess in Gefahr bringen.

Kurz vor Mays groß angekündigter Brexit-Rede in Florenz Mitte September hatte Johnson seine Vision für die Verhandlungen vorgelegt. Der Gastbeitrag in der konservativen Tageszeitung "Telegraph" wurde als Angriff auf die Regierungschefin gewertet - und als Bewerbungsschreiben um das Amts des Premierministers.

Kein Führungswechsel erwünscht

Johnsons Kollegen zeigen sich empört vom Vorgehen des Außenministers.

Ein Minister der Tories sagte gegenüber der britischen Ausgabe der HuffPost, dass Johnson mit seinem Verhalten seine eigenen Aussichten auf den Fraktionsvorsitz der Tories maßgeblich verschlechtere. Johnson hatte bereits 2016 vergeblich versucht, Unterstützer für eine Bewerbung um den Vorsitz zu finden.

"Zurzeit ist niemand scharf darauf, einen neuen Parteivorsitzenden zu wählen. Wenn man Hinterbänkler vorschlagen würde, diesen Herbst einen neuen Vorsitzenden zu wählen, wären sie äußerst schockiert", sagte der Minister.

Graham Brady, der eine Abgeordnetengruppe der Tories im Parlament koordiniert, sagte in einer Sendung des britischen Radiosenders Radio 4, die Tories hätten auf ihrem Parteitag gezeigt, dass ihnen mehr an der Zukunft ihres Landes liegt, als an den Karriereaussichten einzelner Abgeordneter.

Verbale Backpfeifen aus den eigenen Reihen

Innerhalb seiner Partei hat sich der Außenminister mit seinen Äußerungen klar ins Abseits manövriert. Seine Kollegen reagieren mit Spott und Unverständnis auf Johnsons Sticheleien gegen die Premierministerin.

“Wenn ich mich recht erinnere, hat sich Boris Johnson einst um das Amt des Rektors der Universität von Edinburgh beworben. Sie können ja nachsehen, wie das ausgegangen ist”, sagte der schottische Politiker David Mundell kürzlich auf einer Parteiveranstaltung.

2006 hatte der damalige Bildungsminister Johnson sich um das Amt des Rektors beworben und eine herbe Schlappe erlitten: Er landete auf dem dritten Platz, weit hinter einem Abgeordneten der schottischen Grünen-Partei und einem Journalisten. Bei einem Besuch der Universität wurde Johnson mit Bier besprüht und musste sich Rufe wie "Verpiss dich Boris, du Tory-Lusche" anhören.

Die Vorsitzende der schottischen Tories, Ruth Davidson, reagierte ebenfalls kühl auf Johnsons Vorstöße. Sie habe kein Interesse daran, sich zu diesem "Psychodrama" zu äußern.

Droht Johnson der Rausschmiss?

Der frühere Minister Michael Heseltine ging sogar soweit, die Entlassung des Außenministers zu fordern. "Boris nutzt seine Position im Kabinett um Ärger zu machen… in jeder anderen Branche würde er dafür entlassen. Vermutlich wäre das auch hier der beste Schritt", sagte Heseltine gegenüber BBC.

Er ist nicht der einzige, der glaubt, dass ein Rausschmiss wäre angemessen. Auch der konservative Abgeordnete und EU-Befürworter Ken Clarke sieht das ähnlich. Doch May sei nach der misslungenen Neuwahl zu schwach, diese Entscheidung zu fällen, glaubt er.

May war am Sonntag in der Polit-Talkshow von Andrew Marr zu Gast. Auf die Frage des Moderators, ob das fortdauernde Machtgerangel innerhalb der Partei bedeute, dass Johnson “unkündbar” sei, reagierte sie nur mit einem gezwungenen Lachen.

Eine entschiedene Reaktion sieht anders aus.

Dieser Text erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde übersetzt von Anna Rinderspacher

Mehr zum Thema: Großbritanniens Scheidung von der EU: Wie der Brexit Europa verändert

8 Fakten zeigen, dass Großbritannien ein Jahr nach dem Brexit am wirtschaftlichen Abgrund steht

Ein geheimes Dokument enthüllt, wie drastisch sich Großbritannien nach dem Brexit verändern soll

9 Anzeichen, dass der Brexit nicht so verlaufen wird wie geplant

Großbritannien gibt gerade alles auf, wofür das Land einmal gestanden hat

7 Momente beim Dinner von May und Juncker zeigen, warum der Brexit zum Desaster werden könnte

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Sponsored by Trentino