"Ich bin seine Sklavin": Eine junge Frau verrät, wie ihr Leben in einer SM-Beziehung aussieht

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BDSM
Seit die erfolgreichen Filme "Fifty Shades Of Grey" in die Kinos kamen, ist BDSM zum Gesprächsthema geworden | iStock
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  • Seit der “50 Shades of Grey”-Reihe ist BDSM zum Thema geworden
  • Doch die Bücher und Filme stellen BDSM-Beziehungen deutlich anders dar als sie in den meisten Fällen in der Praxis gelebt werden
  • Coco lebt mit ihrem Freund in so einer Partnerschaft - und schildert, wie ihr Beziehungsalltag aussieht

Sex-Toys bei Otto, Amazon und dm - die Verfilmung der erfolgreichen "Fifty Shades Of Grey"-Bücher sorgte für einen Hype um die Sex-Praktiken, die Mister Grey und Anastasia Steele ausüben. BDSM, kurz für Bondage, Dominanz, Masochismus und Sadismus, ist deutlich stärker als vorher zum Gesprächsthema geworden.

Doch viele aus der BDSM-Szene kritisieren die Buchreihe stark - vor allem dafür, dass die Praktiken ihrer Ansicht nach darin völlig falsch dargestellt werden.

Denn: Es gibt zahlreiche Praktiken, die unter BDSM fallen. Aber nicht jeder, der BDSM auslebt, wird von allen diesen Praktiken erregt - schließlich hat jeder seine sexuellen Vorlieben und das ist bei BDSM nicht anders.

Nichts geht ohne Einverständnis

Will heißen: Nicht jeder, der BDSM-Praktiken mag, trägt ein komplettes Lederoutfit und hat eine Sexschaukel oder ein Hundehalsband zu Hause.

Nichtsdestotrotz leben manche Menschen auch eine BDSM-Beziehung, die der in “50 Shades of Grey” nicht unähnlich ist. Eine davon ist Coco. Sie lebt mit ihrem Freund seit zwei Jahren in einer solchen Partnerschaft. Wie ihr Alltag aussieht, hat die Münchnerin der dem Online-Portal "jetzt.de" erzählt.

Coco ist die Sklavin ihres Freundes, er ist der dominante Part. Alle Varianten von BDSM haben gemeinsam, dass sich die Beteiligten freiwillig in ein Machtgefälle begeben. Der dominante Partner wird auch Dom oder Top genannt, der devote Partner auch Sub oder Bottom.

Wichtig ist vor allem, dass beide Partner sich einig sind, welche Praktiken sie wie ausleben wollen. Dieses Grundprinzip wird mit der englischen Bezeichnung "safe, sane and consensual“ (SSC) zusammengefasst. Das bedeutet so viel wie "sicher, mit klarem Verstand und in gegenseitigem Einverständnis“.

Die BDSM-Szene wünscht sich mehr Akzeptanz

Viele Menschen halten ihre Neigung immer noch geheim - meist aus Angst, als "unnormal" oder "pervers" abgestempelt werden.

Coco kämpft dafür, dass BDSM sein Stigma als perverse Praktik verliert. Sie organisiert den BDSM-Stammtisch in München und hat im Fernsehen schon mehrfach über das Thema gesprochen.

Die Szene findet das gut, denn viele wünschen sich mehr Akzeptanz. Und: Wie Umfragen zeigen, ist es kein kleiner Kreis, der BDSM-Praktiken auslebt.

Darunter fallen Fesselspiele, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Ausübung von Dominanz und Macht, dem anderen Schmerzen zufügen, sich dem Partner ausliefern.

Viele Menschen haben schon Erfahrungen mit BDSM gemacht

In verschiedenen Umfragen geben zwischen fünf und 40 Prozent der Befragten an, BDSM auszuleben – die Zahlen sind unterschiedlich, da BDSM in jeder Studie anders definiert wird. Manchmal zählt es schon, wenn ein Partner dem anderen die Augen verbindet oder ihm Handschellen anlegt.

Bei einer Studie des Kondomherstellers Durex etwa gaben fünf Prozent der Befragten an, SM auszuleben. 20 Prozent verwenden demnach regelmäßig Bondage-Utensilien wie Masken, Handschellen und Augenbinden.

Bei einer Umfrage des Dating-Portals Secret gaben sogar 43 Prozent der 5000 Befragten an, Erfahrungen mit BDSM gemacht zu haben.

Coco und ihr Freund führen eine “richtige” BDSM-Beziehung - ähnlich wie die Protagonisten in “50 Shades of Grey”. Aber: Die sieht in der Praxis ganz anders aus als in Film und Buch dargestellt. Die beiden leben seit zwei Jahren zusammen.

Cocos BDSM-Beziehung ist "24/7"

Kennengelernt haben sie sich 2015 bei einem Stammtisch der Münchner SMJG, der Sadomasochistischen Jugendgruppe. Die richtet sich an junge Leute bis 27.

Coco ist die "Unterworfene", ihr Freund ist der "Dom" - also der Dominante.

Die beiden bezeichnen ihre Beziehung als "24/7". Das heißt, dass Coco sich ihrem Freund nicht nur im Bett oder genauer gesagt bei einer "Session" unterwirft, sondern immer, 24 Stunden am Tag.

Allerdings gebe es zwei verschiedene Parts in der Partnerschaft der beiden, wie sie "jetzt.de" erzählte.

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"Es gibt zwei Ebenen bei uns: die Dom-Sub-Ebene und die Beziehungsebene. Auf welcher wir uns befinden, ist von Stimmungen und Situationen abhängig", sagte sie dem Onlineportal. “Auf der Beziehungsebene bin eher ich diejenige, die führt. Was wir so machen, wen wir treffen, wohin wir in Urlaub fahren."

Wenn die Beziehung durch einen Vertrag geregelt wird

Ähnlich wie das Paar in "Fifty Shades Of Grey" haben Coco und ihr Partner auch einen Vertrag.

Darin halten sie die wichtigsten Regeln der Beziehung fest. Dazu gehört zum Beispiel, dass sich Coco zur Begrüßung hinknien muss oder sich nicht ohne Erlaubnis setzen darf.

Eine Seltenheit ist so ein Vertrag in BDSM-Beziehung nicht. In einem Blog für die HuffPost erzählt BDSM-Anhängerin Nadine Kroll von ihrem sechsmonatigen Vertrag mit ihrem damaligen Freund.

"In dem halben Jahr, in dem ich Felix diente, sorgte er sehr gut für mich. Er habe sie auf eine Art und Weise erzogen, wie es niemand anderes gekonnt hätte.

"Er lehrte mich eine gewisse Form von Respekt, nicht nur ihm, sondern auch anderen Menschen gegenüber. Es war klar, dass ich im Alltag jetzt nicht nur noch mich vertreten würde, sondern auch ihn."

Laut Nadine geht es bei Verträgen aber nicht nur um Sex: "Sein Eigentum behandelt man pfleglich, sorgt aber auch dafür, dass es in der Weise funktioniert, wie es funktionieren soll", schreibt sie in dem Blog.

Für ihren Freund seien nicht nur Schläge oder Sex erregend gewesen. Es war auch die Macht, die er über sie hatte - in allem was sie tat, wie Nadine schreibt.

Sicherheit ist das Wichtigste

Sicherheit spielt bei allen BDSM-Praktiken eine große Rolle, viele Paare halten Verhaltensregeln dazu deswegen auch in ihrem Vertrag fest. In der Regel wird ein Safeword zwischen den Partnern ausgemacht: Spricht einer der Partner das Wort aus, wird die "Session" sofort abgebrochen.

Falls der Partner, zum Beispiel durch einen Knebel, nicht in der Lage sein sollte zu sprechen, wird oft Augenkontakt oder ein Handzeichen als Verständigungsmittel genutzt. Da es bei BDSM grundsätzlich um Vertrauen geht, ist es besonders wichtig, mit dem Safeword vertrauensvoll umzugehen.

Bei vielen BDSM-Praktiken sollten sich die Partner gut mit Anatomie, Physik oder Psychologie auskennen. Denn es kann einiges schief gehen, wenn man seinen Partner fesselt oder Peitschen und Gerten im Einsatz sind.

Am Ende einer "Session" sollte der dominante den devoten Partner auffangen. "Es ist sehr ­wichtig, dass der Sub, also ich, sich nach einer Session ­geliebt fühlt. Einfach in den Arm genommen wird“, sagte Coco "jetzt.de".

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Sie und ihr Freund hätten gleich nach einer der ersten Sessions beim "Auffangen" gemerkt, dass da mehr zwischen ihnen gewesen sei - und so sei es zum ersten Kuss gekommen. Ein halbes Jahr später sei er bei ihr eingezogen, erzählte Coco dem Portal.

BDSM ist immer noch ein Tabu-Thema

BDSM hat zwar in den vergangenen Jahren an Aufmerksamkeit dazu gewonnen, ist aber immer noch weitgehend ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Deshalb leben viele Menschen den Fetisch immer noch heimlich aus oder suchen professionelle Dienstleister auf wie zum Beispiel Dominas.

"Keinem der Familienväter, Firmenchefs und Ehemänner würde man seine Vorlieben ansehen", sagte Lady Angelina, eine Domina aus München, der HuffPost.

"Ihre Lebenssituationen, Berufe und Persönlichkeiten sind ganz unterschiedlich - und so auch ihre Wünsche. Mit den Männern, die zu mir kommen, unterhalte ich mich zuerst."

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Aber auch Lady Angelina versteht nicht, warum Fetisch und SM immer noch ein schlüpfriges Image anhaftet. "Es ist die Art vieler Menschen, Genuss und Erfüllung zu finden. Dominas gibt es, weil diese Menschen das privat nicht bekommen können", erklärte sie.

Coco hatte Glück: Ihr Vater, dem sie von ihrer Beziehung erzählte, zeigte sofort Verständnis. "Ich habe mir von ihm eine Rosshaarpeitsche zum Geburtstag gewünscht. Fand er gut", sagte sie. "Aber dann ist uns aufgefallen, dass die Peitsche als Geschenk doch etwas zu viel für Oma und Opa wären, die auch auf der Feier sind."

Psychologen sahen Sadismus und Masochismus lange als Triebstörung an. Erst 1994 erschienen Diagnosekriterien, die BDSM nicht mehr zu den Störungen der Sexualpräferenzen zählten.

Deshalb ist die Aufklärungsarbeit, die Coco und andere leisten, um über BDSM aufzuklären, sehr wichtig: um das Stigma und das Tabu endlich aufzulösen.

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(ks, lk)

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