Land im Schockzustand: Am Tag des Referendums in Spanien gibt es nur Verlierer

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SPAIN REFERENDUM
Eine Frau nach der Abstimmung in Katalonien | Eloy Alonso / Reuters
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  • Nach dem verbotenen Unabhängigkeitsreferendum der Katalanen ist Spanien im Ausnahmezustand
  • Die Polizei ging gewaltsam gegen friedliche Menschen vor
  • Das Ergebnis ist ein Land, in dem es nur Verlierer gibt

Spanien ist ein gespaltenes Land. Ein Land im Schockzustand.

An diesem Sonntag haben die Katalanen über ihre Unabhängigkeit abgestimmt. Schon über die Gehen-oder-bleiben-Frage haben die Menschen heftig gestritten. Auch in Katalonien.

Nun aber hat die Regierung das vom Verfassungsgericht verbotene Referendum niederknüppeln lassen. Von mehr als 760 Verletzten ist die Rede. Damit hat sich die Regierung selbst unter den Gegnern der Abstimmung Feinde gemacht.

Am Ende dieses Sonntags gibt es in Spanien zwar auch Menschen, die glücklich die Arme in die Luft reißen. Aber die meisten an diesem Sonntag sind Verlierer. Und Spanien ein Land der offenen Wunden.

1. Verlierer: Die Katalanen, die niedergeprügelt wurden

Die staatlichen Polizeieinheiten Guardia Civil und Policía Nacional gingen zum Teil mit brutaler Härte gegen friedliche Wähler und Demonstranten vor.

Um neun Uhr morgens begann schon der Einsatz der Guardia Civil. Vor mehreren Wahllokalen gingen die Beamten rabiat auf Bürger los, traten sie, rissen sie an den Haaren und schleiften sie über den Boden. Später sollen vereinzelt auch Gummigeschosse und Schlagstöcke eingesetzt worden sein.

Augenzeugen berichteten spanischen Medien, dass die Polizisten auch alte Menschen und Kinder angriffen.

Die Bilanz bis zum späten Abend: Mindestens 761 verletzte Bürger, einige davon schwer, wie das katalanische Gesundheitsministerium mitteilte. Polizisten wurden offenbar nur wenige verletzt.

2. Verlierer: Premier Rajoy

Die Bilder von blutüberströmten Gesichtern, schreienden Kindern und prügelnden Sicherheitskräften könnten Ministerpräsident Mariano Rajoy nun zum Verhängnis werden, denn seine konservative Minderheitsregierung hatte die Sicherheitskräfte entsandt - und offenbar zum harten Durchgreifen aufgefordert.

Die konservativen Zeitung "ABC" warnte: Der Ministerpräsident werde den Kopf hinhalten müssen, falls es in Katalonien schief laufen sollte. Schief gelaufen ist an diesem Tag auf jeden Fall einiges.

Als der konservative Politiker am Abend nach 20 Uhr vor die Presse trat, kam kein Wort des Mitgefühls für die Verletzten über seine Lippen: Der 62-Jährige gab der Regionalregierung und den Wählern die Schuld an den Zwischenfällen. 

Er sagte sogar, die Polizei habe mit "Entschlossenheit und Gelassenheit" reagiert. Außerdem habe es gar kein Referendum gegeben.

So etwas nennt man dann wohl Zynismus.

Der einflussreiche Chef der katalanischen Sozialisten (PSC), Miquel Iceta, ein Gegner der Separatisten, rief Rajoy und Kataloniens regionalen Regierungschef Carles Puigdemont wegen der Ereignisse am Sonntag zum Rücktritt auf, "wenn sie es nicht schaffen, die Normalität wiederherzustellen". Der "inakzeptable" und "unverhältnismäßige" Polizeieinsatz müsse sofort eingestellt werden, forderte er.

Mehr zum Thema: 11 Dinge, die du über das Unabhängigkeits-Referendum in Katalonien wissen solltest

3. Verlierer: Die Gegner des Referendums

Sogar entschiedene Gegner des Referendums und der Unabhängigkeit schüttelten angesichts des brutalen Vorgehens entsetzt den Kopf.

Einer der angesehensten TV-Journalisten Spaniens, Jordi Évole, der die illegale Abstimmung bisher scharf kritisiert hatte, postete auf Twitter:

"Diejenigen, die sich diesen Plan zur Verhinderung des Referendums ausgedacht haben, wissen womöglich nicht, dass sie vielleicht den endgültigen Weggang Kataloniens eingeleitet haben."

4. Verlierer: Der Staat

Staaten -besonders demokratisch geprägte - sind darauf angewiesen, dass die Bürger dem System vertrauen. Dieses Vertrauen dürfte in Spanien erschüttert sein.

Schon lange hatte sich ein Großteil der Katalanen eine Volksbefragung über die Abspaltung der wirtschaftsstarken Region Katalonien gewünscht - und das, obwohl nicht einmal die Hälfte der Bürger wirklich für die Trennung ist. Es geht vor allem um das Recht, selbst und ohne Einmischung aus dem vermeintlich "korrupten" Madrid über die Frage abzustimmen.

Dass jetzt solche Gewalt herrscht, muss das Vertrauen der Menschen in den Staat erodieren.

Vor einem Wahllokal in der sonst so weltoffenen Metropole Barcelona etwa kam ein junger Mann weinend und mit zerrissenem Hemd auf Journalisten zu. Er hatte überall blaue Flecken am Körper, wurde von der Polizei niedergeknüppelt. "Dabei wollte ich bei dem Referendum mit 'Nein' stimmen. Wir wünschen uns nur Demokratie", sagte er erschüttert. 

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(ll)

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