"Rentner auf Abwegen": So rechnen die Medien mit Ex-Kanzler Schröder ab

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Ex-Kanzler Gerhard Schröder | getty
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  • Gerhard Schröder leitet jetzt den Aufsichtsrat eines russischen Energiekonzerns
  • Die Kritik in Deutschland an dem Engagement ist heftig

Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder hat einen neuen Job - der in Deutschland für Wirbel sorgt.

Schröder war am Freitag in St. Petersburg auf Vorschlag der russischen Regierung erst in den Aufsichtsrat des größten russischen Ölkonzerns Rosneft gewählt worden und hatte dann dessen Leitung übernommen. Schröder gilt schon lange als Putin-Vertrauter.

Kein Wunder, dass Gerhard Schröder inzwischen mit einem Fremdword in die russische Sprache eingegangen ist: “Schrederisazia” ist in politisch interessierten Kreisen zwischen Wladiwostok und Kaliningrad inzwischen ein Begriff für Bestechlichkeit und Korruption westlicher Eliten.

Und genau das sehen auch die Kommentatoren in Deutschland als eines der Hauptprobleme in Bezug auf Schröders Russland-Engagement.

Die Urteile reichen von nüchterner Kritik bis zu Hohn:

Schröder bleibt der “ewige Genosse der Bosse”

Die “Mitteldeutsche Zeitung” analysiert Schröders Engagement vergleichsweise trocken:

"Rosneft wird vom Kreml kontrolliert und von Staatschef Wladimir Putin als Hebel für die russische Außenpolitik eingesetzt. Das weiß Alt-Kanzler Schröder natürlich, und deshalb muss man davon ausgehen, dass es ihm egal ist, wie er in Deutschland wahrgenommen wird. Solange das Geld stimmt."

Und auch die “Hessische Niedersächsische Allgemeine” stößt sich an der Geldgier des Ex-Kanzlers:

"Im Grunde haben sich die Herrn im Kreml den Mann ja gekauft. Der ewige Genosse der Bosse, soeben an die Spitze des Aufsichtsrats des Ölkonzerns Rosneft berufen, tanzt nun - lukrativ entlohnt - nach der Pfeife einer Autokratie, die der Welt eine Scheindemokratie vorgaukelt, Menschenrechte mit Füßen tritt und das Völkerrecht bricht. Wie konnte der Alt-Kanzler so weit sinken?”

Putins Brückenbauer nach Europa

Der "Reutlinger General-Anzeiger" sieht in Schröder quasi eine Brücke nach Europa. Die Zeitung schreibt: "Schröder ist Putins westliches Gewissen, sein Botschafter und Türöffner. Er ist der deutsche Gérard Depardieu. Nach dem Pipeline-Deal für Gazprom soll er nun dem Rosneft-Konzern den Weg nach Westen und nach Deutschland ebnen."

Die Süddeutsche Zeitung beurteilt Schröders neue Rolle ähnlich: “Schröder ist nützlich, weil er in Russland schwach ist, aber in Europa immer noch einflussreich. Dass ein ehemaliger Bundeskanzler für ein Unternehmen arbeitet, das in Brüssel und Washington auf den Sanktionslisten steht, ist empörend.”

Er ist alt und braucht das Geld (nicht) - so wüten “FAZ” und “SZ”

Die “Süddeutsche Zeitung” spart aber auch nicht mit Häme angesichts von Schröders Russland-Engagement.

Die Zeitung nennt Schröder einen “Rentner auf Abwegen”.

“So weit ist es gekommen: Ein deutscher Rentner muss sich in Russland etwas dazuverdienen, um über die Runden zu kommen. So könnte man Gerhard Schröders Engagement beim russischen Staatskonzern Rosneft betrachten, folgte man der Logik des Ex-Kanzlers: Ich bin hier nur Privatperson, was ich tue, geht keinen was an.”

Doch die “SZ” sieht das anders: “Dass Schröder kein gewöhnlicher Rentner ist, kann man auch daran ablesen, dass der deutsche Staat ihm jährlich mehr als eine halbe Million Euro für sein Büro in Berlin überweist.”

Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” wird gar noch schärfer:

“Mit der Wahl zum Aufsichtsratsvorsitzenden des russischen Energiekonzerns Rosneft zieht Gerhard Schröder das Amt des Bundeskanzlers vollends in den Schmutz. Denn nicht als 'Botschafter' deutsch-russischer Beziehungen, auch nicht als Privatmann, sondern einzig als ehemaliger Bundeskanzler (...) muss er sich rechtfertigen.”

Weiter wütet die “FAZ”: “Aber das ist ihm egal, weil es seiner machohaften Feierlaune entgegenkommt - und natürlich: seinem Geldbeutel. Noch nie ist ein Bundeskanzler so tief gesunken.”

Bestürzung in der Politik

Die neue Tätigkeit von Schröder sorgt auch in der SPD für Unmut. Dies stoße “in der SPD nicht auf große Freude”, sagte Vizeparteichef Ralf Stegner der “Passauer Neuen Presse”.

Es sei “schwer erträglich, wenn er das noch garniert mit Ratschlägen von der Seitenlinie an die SPD. Die Zeiten solchen Stils sind vorbei.” Gemeint ist damit Schröders Kritik an der Wahlkampfführung der Genossen.

Kritik kam auch von Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU). “Das gibt kein gutes Bild für Deutschland ab”, sagte Söder der “Passauer Neuen Presse”.

“Ob ein Alt-Kanzler noch wirtschaftlich tätig sein muss, obwohl er ein hohes Ruhegehalt bekommt, kann man schon diskutieren”, sagte der CSU-Politiker.

“Dass er das aber ausgerechnet bei einem solchen Konzern macht, der noch dazu in einem zweifelhaften Ruf steht, überrascht und tut nicht nur der SPD weh.”

Inakzeptables Verhalten

Zuvor hatte auch der CDU-Politiker Michael Grosse-Brömer Schröder vorgehalten, seine staatspolitische Verantwortung “auf dem Altar eigener finanzieller Interessen” zu opfern.

Es sei inakzeptabel, dass Schröder in den Aufsichtsrat eines russischen Energie-Konzerns geht, gegen den die EU mehrfach einstimmig Sanktionen verhängt hatte, sagte der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”.

“Mit seiner eigennützigen Entscheidung stellt sich Schröder gerade im Hinblick auf die Ukraine-Krise gegen die Sicherheitspolitik aller 28 EU-Länder.”

Grünen-Politiker Özdemir kritisiert “Kuschelkurs gegenüber Putin

Auch der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir zweifelt an Schröders Loyalitäten:

“Ich erwarte von einem Alt-Kanzler, dass er durch sein Verhalten nicht die Politik der aktuellen Bundesregierung und EU konterkariert”, sagte Özdemir der “FAZ”.

“Ein Kuschelkurs gegenüber Putin und seinem engsten Umfeld wird die Gewalt in der Ostukraine sicherlich nicht beenden. Im Gegenteil, Schröder erweckt damit den Eindruck, dass für uns Europäer am Ende wirtschaftliche Interessen mehr zählen könnten als das Völkerrecht.”

Mit Material der dpa

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