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29/09/2017 17:46 CEST | Aktualisiert 30/09/2017 08:57 CEST

"Wir gelten als kriminell": So ticken die Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken wollen

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Wer seine Kinder nicht in die Schule schickt, macht sich in Deutschland strafbar.

  • Eine kleine Minderheit von Eltern will die Schulpflicht in Deutschland nicht akzeptieren

  • Das hat verschiedene Gründe - viele von ihnen aber sind Anhänger des sogenannten Freilernens

  • Was treibt diese Eltern an? Warum begehen sie eine Straftat, indem sie ihre Kinder nicht in die Schule schicken?

Milian ist acht Jahre alt und kann schon im Hunderttausender-Bereich rechnen. Seine 15-jährige Schwester Mia beherrscht Grafikdesign-Programme, von denen die meisten Erwachsenen noch nie gehört haben.

Gelernt haben sie das allerdings nicht in der Schule. Denn die beiden besuchen keine Bildungseinrichtung - ebenso wie die anderen fünf Kinder von Line Fuks.

Fuks bezeichnet sich selbst als "schulverweigernde Mutter". "Ich leite meine Kinder zum Schule Schwänzen an", sagt sie.

Schulverweigerer-Eltern nehmen einen mühsamen Kampf mit den Behörden in Kauf

In Deutschland leben nach Schätzung der Kultusministerkonferenz bis zu 1000 Eltern, die ihre Kinder bewusst nicht in die Schule schicken. Andere Schätzungen gehen sogar von einer noch höheren Zahl aus. Sie alle brechen damit das Gesetz. Denn die Schulpflicht in Deutschland gilt für alle Kinder.

Den Schulverweigerer-Eltern ist das aber egal - und viele nehmen dafür sogar einen anstrengenden Kampf gegen die Behörden in Kauf. Eine Familie aus Hessen klagt gerade sogar vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte um die Erlaubnis zu erhalten, ihre Kinder zuhause unterrichten zu dürfen.

Mehr zum Thema: Warum ich meine Kinder nicht in die Schule schicke

Ausnahmegenehmigungen gibt es bislang nur für Kinder, die dauerhaft krank sind und deswegen nicht am Unterricht teilnehmen können oder für Eltern, die aus beruflichen Gründen unterwegs sind und ihre Kinder nicht an einem Ort in die Schule schicken können. Dazu zählen zum Beispiel Zirkusfamilien.

Ein Verstoß gegen die Schulpflicht kann abhängig vom Bundesland entweder ein vierstelliges Bußgeld zur Folge haben oder sogar eine Haftstrafe für die Eltern.

Freilerner-Konzept: Kinder sollen nur lernen, was sie interessiert

Was aber bringt Eltern dazu, dieses Risiko einzugehen? Wieso empfinden sie die Schulbildung als nicht ausreichend für ihre Kinder?

Für Fuks ist die Antwort darauf klar: "Kinder sollen lernen, was sie interessiert und nicht, was auf dem Lehrplan steht", sagt sie. Für sie ist der Lehrplan ein "Leerplan" - weil vieles, was ein Mensch wirklich für sein Leben braucht, darin nicht vorkomme, wie sie sagt.

"Lernen in der Schule ist wie Pappe essen", heißt es auf Homepage der "Wildnisfamilie", wie die Mutter sich und ihre Kinder selbst nennt.

Fuks gehört zum Kreis der sogenannten Freilerner-Eltern. Diese Eltern sind der Meinung, die Schule sei nicht der richtige Platz für ihre Kinder. Sie setzen sich für eine aus ihrer Sicht "freie Bildung" ein.

Das bedeutet: Das Kind soll sich nur mit dem beschäftigen, wofür es sich auch interessiert, ohne festes Schema und Prüfungen wie in der Schule.

Unterschied zwischen Freilernen und Homeschooling

Freilernen unterscheidet sich vom sogenannten Homeschooling, bei dem die Eltern ihre Kinder nach einem vorgegebenen Lehrplan zuhause unterrichten.

Fuks hat über das Freilernen ein ganzes Buch geschrieben. Auf der Homepage gibt die gelernte Kinderkrankenschwester Interessierten Buchhinweise und Tipps zu dieser Art des Lernens.

Freilerner-Eltern folgen den Theorien bekannter Lernexperten wie Gerald Hüther. Er kritisiert seit Langem, die Schule nehme den Kindern den Spaß am Lernen und Entdecken und hindere sie daran, ihr Potenzial auszuschöpfen.

Mehr zum Thema: Gerald Hüther: Unseren Kindern wird systematisch der Wille zum Lernen genommen

Anders als in Deutschland sind in fast allen europäischen Ländern alternative Bildungswege erlaubt und damit auch Homeschooling, der Unterricht zu Hause nach einem festen Lehrplan. Auch in den USA ist Homeschooling sehr viel weiter verbreitet als in Deutschland.

Einige Länder erlauben zudem das von Fuks und ihrer Partnerin praktizierte Freilernen, Portugal zum Beispiel.

Viele dieser Familien gehen ins Ausland

Deswegen sind die beiden mit ihrer Patchworkfamilie dorthin ausgewandert und leben mit ihren Kindern in einem Wald im Zentrum des Landes.

"In Deutschland wurden wir für unsere Entscheidung beschimpft und kriminalisiert", sagt Fuks. "Andere Eltern warfen uns vor, dass wir unseren Kindern etwas Schreckliches antun, wenn wir sie nicht in die Schule schicken."

Auch Kati S. und David T. aus Brandenburg haben entschieden, sich dem Schulsystem zu entziehen: Das Paar aus Brandenburg ist mit zwei Töchtern seit fünf Jahren auf Weltreise. Die Mädchen lernen unterwegs.

Um sich Anfeindungen zu ersparen, wollen die beiden ihren ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Die Mutter hat vorher selbst als Grundschullehrerin in Deutschland gearbeitet. Dort habe sie die Erfahrung gemacht, dass das Schulsystem nicht zu den Bedürfnissen der Kinder passe: "Man müsste jedem Kind beim Lernen individuell begegnen", sagte sie dem "Berliner Kurier". “Das passt aber mit den Lehrplänen nicht zusammen.”

Eltern aus Hessen klagen vor Gericht für eine Aufhebung des Homeschooling-Verbots

Da sie und ihr Mann die Rahmenbedingungen auch in Waldorf-, Montessori und freien Schulen zu eng gesteckt finden, sahen sie keine andere Möglichkeit, als das Land zu verlassen.

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Damit hat die Familie zwar ihre Heimat auf unbestimmte Zeit aufgegeben, erspart sich aber das, was ein Paar aus Hessen gerade durchlebt.

Dirk und Petra Wunderlich halten die Schulpflicht für eine "Freiheitsbeschränkung" und haben deswegen im April dieses Jahres Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. Das Urteil steht noch aus.

Die Polizei hatte die vier Kinder abgeholt, nachdem Wunderlich und seine Frau die Sprösslinge zu Hause unterrichtet hatten und sich weigerten, sie auf eine öffentliche Schule zu schicken.

Die Abholaktion der Polizei beschreibt Wunderlich als "furchteinflößend". Die Haustür sei mit einem Rammbock geöffnet, die Wohnung "gestürmt", die Eltern zur Seite gestoßen und die Kinder "weggezerrt" worden.

Einer der Gründe für die Schulverweigerung: Religion

Dass die Wunderlichs ihre Kinder nicht in die Schule schicken wollen, hat andere Gründe als bei Line Fuks oder dem Paar aus Brandenburg. Sie sind streng religiös und wollen nicht, dass ihre Kinder mit bestimmten Themen - etwa im Sexualkundeunterricht - in Berührung kommen.

Die Familie ist kein Anhänger des Freilernens. Die Eltern wollen durchsetzen, dass sie ihren Nachwuchs per Homeschooling selbst unterrichten dürfen.

Mehr zum Thema: Ist das Grundschulwissen in wenigen Monaten erlernbar?

Dass das Gericht den Wunerlichs recht gibt und das Homeschooling-Verbot kippt, schätzen Experten aber als eher unwahrscheinlich ein.

Selbst Andreas Thonhauser, dessen Nichtregierungsorganisation Familie Wunderlich in Straßburg vertritt, glaubt nicht, dass die Klage Erfolg haben wird. "Wir hoffen aber, dass eine Diskussion darüber in Gang kommt, ob ein komplettes Verbot noch zeitgemäß ist", sagte er der Deutschen Presseagentur (dpa), als die Klage eingereicht wurde.

Ein Sprecher der Kultusministerkonferenz hält eine solche Reform allerdings für unrealistisch: "Die Haltung ist klar. Es gibt eine Schulpflicht. Punkt", sagt er.

Experten raten von der Aufweichung der Schulpflicht ab

Dennoch: Schulpflicht ist ein Reizthema, das zeigt sich an der teils sehr scharf geführten Debatte.

Während einige Eltern und so mancher Lernforscher die Schulpflicht für überholt halten, warnen viele Experten davor, die Regelung aufzuweichen.

"Ich verstehe diese Eltern ja bis zu einem gewissen Punkt", sagt Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft der HuffPost. "So wie das Schulsystem derzeit organisiert ist, werden die Kinder tatsächlich in ihrer Entfaltung eingeschränkt."

Eltern die Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder zu überlassen, hält sie trotzdem für den falschen Weg -vor allem aus gesellschaftlichen Gründen.

Gewerkschaftlerin warnt vor sozialer Spaltung

"Schule ist ein sozialer Ort", betont sie. "Dort lernen Kinder, Konflikte zu lösen und im Team zu arbeiten. Außerdem merken sie, wenn sie auf andere Kinder treffen, wie vielschichtig unsere Gesellschaft ist."

Hoffmann geht sogar so weit zu sagen: Eine Abschaffung der Schulpflicht würde die soziale Spaltung befördern und den Frieden in Deutschland massiv gefährden.

"Damit würde die Verantwortung beim Thema Bildung komplett auf die Eltern übergehen", sagt sie - "und der Staat würde dann noch weniger in den Bereich investieren."

Verlierer wären die ärmeren Familien, die es ohnehin schon schwer haben. "Sozial benachteiligte Eltern würden auf der Strecke bleiben, wenn sich niemand um die Bildung ihrer Kinder kümmert", sagt Hoffmann.

"Schon jetzt haben Kinder aus ärmeren Familien deutlich schlechtere Chancen als die aus Mittel- und Oberschicht. Diese Ungleichheit würde deutlich zunehmen, wenn Kinder nicht mehr in die Schule gehen müssen."

Stärken der Kinder werden in der Schule zu wenig gefördert

Die Erziehungsexpertin ist aber der Ansicht, dass sich am Schulsystem dringend etwas ändern müsse. Sie plädiert - wie Lernexperte Hüther - für mehr Freiräume für die Kinder. Und sie sagt auch: "Die Kinder sind heute viel mehr Reizen und Belastungen ausgesetzt als noch vor 20 Jahren. Damit muss die Schule umgehen können."

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt: Wie Eltern ihren Kindern den wichtigsten Aspekt ihrer Kindheit stehlen

Um das zu leisten, brauche es deutlich mehr Lehrer, die wiederum besser psychologisch geschult seien, sagt Hoffmann. "Lehrer müssen besser mit den Eltern umgehen lernen, und für den Notfall auch mit dem Jugendamt. Die sozialen Probleme in Deutschland werden zunehmen, dem muss sich die Schule stellen."

Für Line Fuks müsste sich das Schulkonzept noch viel grundlegender ändern, damit sie mit ihren Kindern nach Deutschland zurückkehren würde. "Was ich mir wünschen würde, wäre ein Lernort, an den die Kinder freiwillig gehen können", sagt sie - "ohne Lehrplan, damit die Kinder frei entdecken können, was in ihnen steckt."

Dass Homeschooling und Freilernen in Deutschland bald offiziell erlaubt wird, ist eher unwahrscheinlich. Keine der größeren Parteien, mit Ausnahme der AfD, sieht vor, die Schulpflicht abzuschaffen. Die Linke will sie sogar von neun auf zehn Jahre verlängern.

Doch so uneinig sich Experten und Eltern in vielen Punkten beim Thema Bildung sind, so sehr stimmen die meisten von ihnen in einer Überzeugung überein: dem Wunsch nach einem veränderten Schulsystem, das viel stärker auf die Stärken und Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes eingeht.

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(ks, sma)